Einen Schritt näher 
Internationale Autorentage zu Navid Kermani

23. - 25. Oktober 2015

Als Scheich Abu Saíd, einer der berühmtesten Sufis des elften Jahrhunderts, einmal nach Tus kam, strömten in Erwartung seiner Predigt so viele Gläubige in die Moschee, daß kein Platz mehr blieb. ‹Gott möge mir vergeben›, rief der Platzanweiser: ‹Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.› Da beendete der Scheich die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. ‹Alles, was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt›, gab er zur Erklärung, bevor er sich umwandte und die Stadt verließ: ‹Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.›

Navid Kermani, Dein Name

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani ist seit Jahren einer der faszinierendsten Autoren seiner Generation und ‹einer der führenden Intellektuellen unserer Zeit› (Der Spiegel). Sein Name steht für eine literarische Weltläufigkeit, die ihre Gegner kennt: Das sind alle, die Religionen und Kulturen mit Gewalt voneinander abschotten, sie gegeneinander ausspielen wollen.

1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren, studierte er in Köln, Kairo und Bonn und lebte einige Zeit in Isfahan, bis er nach Köln zurückkehrte. Er ist Religionswissenschaftler, habilitierter Orientalist und hat sich als Romancier einen Namen gemacht, philosophische und politische Bücher geschrieben, Poetik-Vorlesungen gehalten und kunstgeschichtliche Betrachtungen veröffentlicht, er berichtet in historisch grundierten Reportagen aus den heutigen Krisengebieten und ist als Essayist und Redner hervorgetreten und in den aktuellen politischen Diskussionen über religiöse Toleranz, europäische Identität und die Erhebungen in den arabischen Ländern publizistisch engagiert. Er thematisiert die im Okzident wie im Orient in den Gesellschaften vorhandene Ratlosigkeit, die Missverständnisse und Konflikte. Dabei ist sein Anliegen, Religionen und Traditionen von nationalen und kulturellen Engführungen zu befreien und das Umfeld der je eigenen Tradition auch selbstkritisch zu hinterfragen: ‹Meine Aufgabe als Autor ist die Kritik, genauer gesagt, die Selbstkritik›, sagte er in einem Interview: ‹und das bezieht sich in meinem Fall auf die europäische genauso wie auf die islamische Kultur.› 

Seine verschiedenen Prägungen dienten ihm von Anfang an als Erkenntnisinstrument und flossen in seine wissenschaftliche, essayistische und literarische Arbeit ein. Neben Forschungen zum Koran und zur islamischen Mystik entstanden erste erzählerische Werke, in denen er den großen Menschheitsfragen nach Liebe, Tod, den Tugenden nachgeht, immer dem Zusammenhang von Literatur und Wirklichkeit auf der Spur und oft angeregt durch die eigene Familiengeschichte und persönliche Erfahrungen. In seinem jüngsten Werk gelingt ihm eine zwingende Zusammenführung von westdeutschem Alltag eines Jugendlichen und islamischer Mystik, eine Verbindung von irdischer und göttlicher Liebe. In seinen sprachlich brillanten Essays untersucht er, wie es mit dem Menschenrecht, der Würde, dem Respekt steht und welche Toleranz sich die Gesellschaften erlauben. In seinen Bildbetrachtungen christlicher Ikonographie führt er einen eindrucksvollen interreligiösen Dialog. In seinen Reiseberichten ‹in eine beunruhigte Welt› wählt Kermani oft Alltagsszenen, um zwischenmenschliche Beziehungen zu zeigen. Seine Eindrücke sind oft so verstörend, dass er in seinem eigenen Text die Frage nach der journalistischen Ethik aufwirft.

Ausgehend von seiner literarischen Beobachtung der nächsten Umgebung, den fünf Generationen, die ein Mensch zurück- und vorausblicken kann, sowie seinen Reisen zu Menschen aus anderen Kulturen, Sprachen und Religionen und seinen metapoetischen Überlegungen entwickeln sich die Fragestellungen, die an den drei Veranstaltungstagen in Lesungen, Gespräche, Vortrag, Ausstellung und Konzerten behandelt werden:

Nach Europa: Über die Aufgaben und Grenzen eines Projekts

Das eigene Christentum: Bilder der Religion

Ausnahmezustand: Vom Abgrund der Welt schreiben

Ich möchte nicht ich sein: Literatur und Ekstase

Programm

Freitag, 23. Oktober 2015

14.00 Uhr Ausstellungseröffnung

Daniel Schwartz Im Hinterland der Kriege

Lesung

Navid Kermani Ausnahmezustand: Reisen in eine beunruhigte Welt

Seit fast zwei Jahrzehnten bereist der international renommierte Schweizer Fotograph und Autor Daniel Schwartz  Afghanistan und Zentralasien. Seine Arbeiten zeigen Geschichte, Geografie und die brisante Gegenwart dieser von Krisen und Kriegen erschütterten Hemisphäre. ‹Der Europäer, der aus dem Osten – etwa aus Kabul oder Peking – nach Westen blickt, stellt Europa in Frage, allein schon, weil er es als geografischen Fortsatz von Asien wahrnimmt. Er überschaut Eurasien. Dabei ist er konfrontiert mit einer kolossalen, sich aus allen Himmelsrichtungen nährenden Geschichte, die auch seine eigene betrifft.› (Daniel Schwartz) 

2006 begleitet er Navid Kermani auf dessen erstem Besuch von Afghanistan, der von der großen Ernüchterung der Afghanen berichtet und bei einem Besuch fünf Jahre später an die Grenzen des Berichtbaren stößt.

Bilder der Religion
15.00 bis 18.00 Uhr Lesungen & Gespräche

Martin Mosebach Wie kann ein Bild heilig werden?

Dzevad KarahasanWie aus Kenan einen Christen machen?

Sybille Lewitscharoff Zwischen Himmel und Hölle. Dantes Divina Commedia

Gesprächsführung Navid Kermani und Manos Tsangaris

Der Schriftsteller und Dramatiker Dževad Karahasan  ist in Sarajevo zu Hause, jenem Ort, an dem sich islamische und katholische, orthodoxe und jüdische Lebensweisen und Kulturen berühren und durchdringen; die Stadt war ein Schmelztiegel, in der man auf fünf Jahrhunderte gelungene Pluralität der Kulturen, Religionen und Zivilisationen zurückblicken konnte, bevor sie zum Ende des 20. Jahrhunderts belagert, beschossen und schließlich geteilt wurde.

Die Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff  schreibt an ihrem großen Dante-Roman ‹Das Pfingstwunder› und beschäftigt sich vor allem mit dem 3. Teil von Dantes Divina Commedia, in der die große Freiheit der Paradiessehnsucht in aller Schönheit besungen wird.

Der Romancier und Essayist Martin Mosebach  schreibt über die byzantinische Auffassung von Malerei und die Mißachtung der religiösen Form. In seinen Romanen wie in dem von der Kritik als ‹Geniestreich› bezeichneten ‹Das Blutbuchenfest› führt er Erkundungen der eigenen und fremden Kultur durch.

Lesungen und Gespräche über Bilder der Religion, die uns verstören und die uns berücken.

19.30 Einführung

Brigitte Labs-Ehlert Einen Schritt näher

Rede

Carl Hegemann Mystik und Aufklärung. Über Navid Kermani


20.30 Lesung & Musik

Navid Kermani, Barbara Nüsse und Bernt Hahn Ungläubiges Staunen. Über das Christentum

Pi-hsien Chen, Klavier – Werke von Domenico Scarlatti, Olivier Messiaen, Salvatore Sciarrino, Ludwig van Beethoven

‹Gott ist schön›, so hieß Navid Kermanis Monographie über das ästhetische Erleben des Koran. In seinem neuen Buch ‹Ungläubiges Staunen› versenkt sich Kermani in die Bildwelt des Christentums. Wer ihm folgt, erfährt nicht nur Neues über Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt, sondern vor allem über Schönheit und Schrecken einer Religion, die die Welt noch in der Gegenwart prägt. Seine Betrachtungen der Bilder alter Meister betreffen Fragen unserer heutigen Existenz - mit klarem Blick für die wesentlichen Details und mit vielen Bezügen auch zu entfernt scheinenden Welten, zur deutschen Literatur genauso wie zum mystischen Islam.

Samstag, 24. Oktober 2015

Verzückung und Ekstase
10.30 Uhr Vortrag

Abdolkarim Soroush Mystik und Poesie

Gespräch mit Navid Kermani auf Englisch mit deutscher Übersetzung

12.00 Uhr Gespräch

Martin Mosebach, Carl Hegemann, Navid Kermani Das eigene Christentum

Der iranische Philosoph Abdolkarim Soroush  wird über die Mystiker Ibn ‘Arabī  und Dschalal ad-Din Rumi sprechen und dazu Gedichte dieser zwei bedeutenden Vertreter der persisch-islamischen Mystik des 13. Jahrhunderts vortragen. ‹Einem, dessen Religion verschieden ist von der meinen, werde ich nicht länger sagen: Meine Religion ist besser als deine. Für mich gibt es nur die Religion der Liebe› (Ibn ‘Arabī ), und auch Rumis Gedichte, in ihrer sprachlichen Schönheit voller Magie, vermitteln den Gedanken der Liebe, die das eigene Ich sprengt und auch über die Grenzen der eigenen Konfession geht.

Abdolkarim Soroush zählt zu den wichtigen Reformdenkern des heutigen Islam, die den Koran aus seiner legalistischen Verengung befreien. Dabei deutet er das göttliche Wort nicht nur mit Blick auf die Gegenwart, sondern zugleich vor dem Hintergrund der großen hermeneutischen Tradition der islamischen Mystik, des Sufismus.

Vom Abgrund der Welt schreiben
14.30 bis 18.00 Uhr Lesungen & Gespräche

Yitzhak Laor Ecce homo

Bernt Hahn liest den deutschen Text

Shahriar Mandanipur Zerschlag die steinernen Zähne

Sebastian Rudolph liest den deutschen Text

Ulrich Peltzer  Das bessere Leben

Gesprächsführung Navid Kermani und Guy Helminger

 

Yitzhak Laors  Roman ist zur Zeit des Zweiten Golfkrieges angesiedelt, er schrieb ihn während der gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern, der 2. Intifada. Er zeichnet eine Gesellschaft im Kriegszustand, in der die Gewalt alle menschlichen Beziehungen prägt. Es gibt keine einfache Aufteilung der Welt in Gut und Böse. ‹Iraner reden lieber über die glorreiche Vergangenheit als über die bedrückende Realität ihres Landes›, sagt Shahriar Mandanipur . Aufgabe des Schriftstellers sei es, diese Sprachlosigkeit zu überwinden. Sein Werk verleiht selbst dem erzwungenen oder resignierten Schweigen der Menschen eine mitreißende Sprache. Zu den Autorentagen bringt er eine von Navid Kermani übersetzte, noch nicht auf deutsch veröffentlichte Erzählung mit.

Die Utopien eines besseren Lebens sind in Ulrich Peltzers  Zeitroman in Terror umgeschlagen, die Revolutionäre von einst zu Managern geworden. Hochpolitisch, und dabei ideologisch offen, in einer schwindelerregenden Sprache markiert er in diesem philosophischen Roman ‹Spielräume der Aufklärung›.

19.00 Uhr Lesung, Gespräch & Musik

Navid Kermani und Manos Tsangaris Ich will nicht ich sein

Pi-hsien Chen, Klavier – Wolfgang Amadeus Mozart


Pause

 

21.00 Uhr Konzert

Hossein Alīzādeh, Tar und Setar, Behnam Samani, Perkussion

Iranische klassische Musik: Die Kunst der Improvisation

Über den Roman ‹Dein Name› schrieb der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen, daß Navid Kermani  ‹so etwas wie den absolut relationalen Erzähler erfunden› habe: ‹eine Figur, die ausschließlich durch ihren jeweiligen Bezug zu Objekten, Personen, Institutionen, Lebenden, Toten bestimmt ist – und eine Einheit erst in der Montage, in der Akkumulation von Text gewinnt (oder eben auch nicht). Sie spricht, die ganze Zeit, und sagt niemals ich, nur in der Formel: ‚Der Roman, den ich schreibe.’› Sehr Ähnliches ließe sich auch über die Aufführungen und Opern des Komponisten Manos Tsangaris  sagen, die von keiner Perspektive aus das ganze Bild, das vollständige Werk geben. Ein Gespräch zweier Künstler und Freunde über das Moment der Verzückung in ihrer Literatur und Musik.

Die Kunst der Improvisation spielt in der orientalischen Musik eine große Rolle. Hossein Alīzādeh  hat als Komponist, Tar- und Setar-Spieler den Klang der persischen klassischen Gegenwartsmusik maßgeblich geprägt und ihr den Weg in die großen Konzerthäuser der Welt geöffnet. Begleitet wird er von dem Perkussionisten Behnam Samani.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Nach Europa
10.30 Uhr Lesungen, Gespräche & Musik

Guy Helminger Europa, Mein Krieg

Szenische Lesung mit Alicia Aumüller und Sebastian Rudolph

Juri Andruchowytsch Zwölf Ringe

Simon Roden liest die deutsche Fassung

Szczepan Twardoch Morphin

Olaf Kühl liest die deutsche Fassung

Gesprächsführung Guy Helminger und Navid Kermani

Dorrit Bauerecker, Akkordeon – Viscum Album (2013) von Manos Tsangaris


‹Europa, mein Krieg› ist eine Auseinandersetzung mit einer Umverteilungspolitik, die im Namen des Wachstums den größten Teil der Bevölkerung enteignet. Aus der Idee des Zusammenwachsens ist eine Praxis des Gegeneinander geworden, aus einem Staatenbündnis ein Abbau demokratischer Werte. In Guy Helmingers Stück sind die Figuren entpersonalisiert, agieren nur noch als Funktionen. Willkommen in Europa!

Europa möge an die Ukraine denken und nicht zuerst an Rußland, wenn es die dortige Krise diskutiert, die in Wirklichkeitein Krieg sei, sagt Juri Andruchowytsch, der mit ‹Zwölf Ringe› in die damalige noch unwägbare Übergangsperiode während der ‹orangenen Revolution› führt.

Gewalt sei ‹der Grund- und Urstoff dieser Welt›, heißt es in ‹Morphin›, Szczepan Twardoch zeichnet mit grimmiger Komik und expressiver Bildkraft seinen Helden aus dem Warschau von 1939, ein Männerbuch, ein Buch über Krieg, über Frauen, Autos, Waffen, Drogen. Er wirft die Frage nach nationalen Identitäten auf und wendet sich gegen Mythenbildungen.


Pause

 

14.30 Uhr Lesung & Gespräch

Mircea Cărtărescu  Die Flügel

Ernest Wichner liest seine Übersetzung des rumänischen Textes

Guy Helminger spricht mit Mircea Cărtărescu

16.30 Uhr Gespräch Nach Europa

Juri Andruchowitsch, Dzevad Karahasan, Ulrich Peltzer

Gesprächsführung Navid Kermani

Mircea Cărtărescu steigert den realen Alptraum des rumänischen Umsturzes von 1989 in einen Irrwitz aus Satire, Erkenntnis, Horror und Trauer. ‹Der Protagonist kann nicht verstehen, wie es für uns eine Erkenntnis der Vergangenheit, nicht aber eine Idee von Zukunft geben kann. Er glaubt, daß der Mensch nur dann ein vollständiges Wesen sein wird, wenn er sich das visionäre Vermögen, sich auch an die Zukunft zu erinnern, aneignet.› (M. C.) 

Ja, Europa, dein Herz schlägt irgendwo zwischen Dijon und Paris, und dein schönes Haupt ist die Iberische Halbinsel auf dem blauen Kissen des Wassers. Dein unersättlicher Bauch ist Deutschland. Und ich? Das heißt wir? Sind wir etwa deine Lenden? (J. A.)

Das Schlimme an Kriegen ist eben, daß die Gesellschaft immer weiter zersplittert. Im Sommer 91 waren wir noch alle Jugoslawen, 22 Millionen Menschen, im Herbst 91 waren wir schon Slowenen, Kroaten, Serben, Bosnier und so weiter. Heute, wenn ich nach Sarajevo zurückkomme, frage ich mich, ob ich überhaupt noch zu dieser Welt gehöre. (D. K.)

Sich in die Wirklichkeit stürzen wie ein Leser in die Seiten eines Buches (nur so zum Vergleich), besteht denn nicht darin die wahre, die einzige und letzte Freiheit, heißt es bei Ulrich Peltzer  in ‹Das bessere Leben›.

Abschlußfest im Werkhaus

Künstler

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Von 2000 bis 2003 war er Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, von 2009 bis 2012 Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Das Jahr 2008 verbrachte er als Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Er hielt die Frankfurter, die Göttinger sowie die Mainzer Poetikvorlesungen und war Gastprofessor in Frankfurt sowie am Dartmouth College in den Vereinigten Staaten. Für sein akademisches und literarisches Werk erhielt Navid Kermani zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem die Buber-Rosenzweig-Medaille, den Hannah-Arendt-Preis, den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis und 2015 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er hat bisher mehr als 20 Bücher publiziert; seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck - im Herbst 2015 ‹Ungläubiges Staunen›, seine literarischen Werke im Carl Hanser Verlag - zuletzt ‹Über den Zufall› und ‹Große Liebe›.

Hossein Alizadeh wurde 1951 in Teheran geboren. Er machte 1975 seinen Abschluß am Konservatorium und begann an der Fakultät der Schönen Künste der Universität von Teheran Komposition und Persische Musik zu studieren. Er studierte mit verschiedenen Meistern der traditionellen persischen Musik. Von ihnen lernte er das Radif der persischen Musik. Er spielt die Tar und Setar und hat kürzlich die Sallaneh und Schurangis aus der antiken persischen Laute Barbat rekonstruiert.

Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk /Westukraine, lebt nach Aufenthalten in Westeuropa und den USA heute wieder in Iwano-Frankiwsk. Er ist eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen seines Landes. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe ‹Bu-Ba-Bu› (Burlesk-Balagan-Buffonada). Auf deutsch liegen sieben Bücher vor, darunter ‹Mein Europa› (mit Andrzej Stasiuk), die Romane ‹Zwölf Ringe›, ‹Geheimnis›, ‹Perversion› und zuletzt ‹Euromaidan›. Er wurde mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Völkerverständigung 2006 ausgezeichnet sowie 2014 mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

Die gebürtige Österreicherin Alicia Aumüller spielte zunächst in Zürich u. a. in Inszenierungen von Christoph Schlingensief und ist heute festes Ensemblemitglied im Thalia Theater Hamburg.

Dorrit Bauerecker, 1973 geboren, studierte in Hannover und Köln, wo sie heute als Pianistin und Akkordeonistin lebt. Sie konzertierte auf Festivals wie den Donaueschinger Musiktagen und den Wittener Tagen für Neue Musik, beim Klavierfestival Ruhr sowie Festivals für zeitgenössische Musik in Luxemburg und Belgien.

Mircea Cărtărescu wurde 1956 in Bukarest geboren und veröffentlicht seit 1978 Gedichte und Prosa. Zahlreiche Aufenthalte im Westen (u. a. in Berlin, Stuttgart, Wien). Sein Werk wird in viele Sprachen übersetzt. Auf der Folie der rumänischen Geschichte formuliert er in unvergleichlicher Weise einen exzessiven, maßlosen Traum von Verwandlung und Metamorphose. Für seine ‹Orbitor›-Trilogie – ‹Die Wissenden›, ‹Der Körper›, ‹Die Flügel› wurde er 2015 mit dem Leipziger

Pi-hsien Chen wurde in Taiwan geboren. Im Alter von einundzwanzig Jahren erhielt sie den 1. Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der A R D in München, dem weitere Auszeichnungen folgten. Damit begann ihre Konzerttätigkeit, die sie schnell auf den großen Konzertpodien Europas bekannt machte. Pi-hsien Chen musizierte mit bedeutenden Orchestern und wirkte bei zahlreichen Musikfestivals mit. Ihr zunehmendes Interesse und Engagement für die zeitgenössische Musik dokumentiert sich in der Zusammenarbeit mit Komponisten wie Pierre Boulez, John Cage, Elliott Carter und Karlheinz Stockhausen.

Bernt Hahn arbeitet nach über dreißig Jahren Engagements an diversen großen Bühnen heute als freiberuflicher Schauspieler sowie als Sprecher bei allen deutschen Rundfunkanstalten.

Carl Hegemann, geboren 1949 in Paderborn, ist Autor, Theaterschaffender und Professor für Dramaturgie in Leipzig. Als Dramaturg und Chefdramaturg arbeitete er u. a. zwölf Jahre an der Berliner Volksbühne, begleitete die Schlingensief- und später die Baumgarten-Inszenierungen bei den Bayreuther Festspielen, seit 2012 ist er Dramaturg am Thalia Theater Hamburg und konzipierte dort das große Kermani-Projekt ‹Herzzentrum›.

Guy Helminger, geboren 1963 in Esch-sur-Alzette in Luxemburg, studierte Germanistik und Philosophie in Luxemburg, Heidelberg und Köln, wo er auch lebt. Er arbeitete als Barkeeper, Schauspieler, Regieassistent, veröffentlicht Lyrik, Erzählungen, Romane und schreibt Hörspiele und Theaterstücke. Zuletzt erschienen ‹Etwas fehlt immer›, ‹Morgen war schon› sowie ‹Neubrasilien›. ‹Europa, mein Krieg› ist ein noch unveröffentlichtes Stück. Zusammen mit Navid Kermani ist er Gastgeber des Literarischen Salons Köln.

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren, ist Erzähler, Dramatiker und Essayist, Ehrendoktor der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. Er lebt in Graz und Sarajevo. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten ‹Tagebuch der Aussiedlung› und seiner Romane ‹Sara und Serafina›, ‹Schahrijars Ring›, ‹Der nächtliche Rat› und ‹Berichte aus der dunklen Welt›. Seine Werke verschmelzen kunstvoll Poesie und Philosophie, Orient und Okzident. Er wurde u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Völkerverständigung, der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft und der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

Olaf Kühl, 1955 geboren, ist Schriftsteller und Übersetzer aus dem Polnischen und Russischen. 2005 erhielt er den Karl-Dedecius-Preis.

Yitzhak Laor, geboren 1948 in Pardes Hanna nahe Haifa, ist Dichter, Bühnenautor, Romancier und Essayist. Er lebt in Tel Aviv. 1972 verweigerte er den Armeedienst in den besetzten Gebieten. Seine Gedichte, in denen er den Krieg im Libanon verurteilte, und seine Romane wurden von der Kritik begeistert aufgenommen, doch weigerte sich Ministerpräsident Yitzhak Shamir 1990, Laor den Poesiepreis des Ministerpräsidenten zu überreichen. 1992 erhielt er den Bernstein-Poesiepreis, 1994 den Israelischen Literaturpreis. Auf deutsch sind erschienen: ‹Ecce homo› und ‹Steine, Gitter, Stimmen›.

Sibylle Lewitscharoff, in Stuttgart 1954 geboren, studierte Religionswissenschaften und lebt, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, in Berlin. Sie schreibt Romane, Hörspiele, Features und Essays. Für ihr Debüt ‹Pong› erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman ‹Apostoloff› wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Es folgten für ‹Killmousky›, ‹Blumenberg›, ‹Montgomery›, ‹Consummatus› etliche Auszeichnungen, darunter 2011 der Wilhelm-Raabe-Preis und 2013 der Georg-Büchner-Preis. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

Shahriar Mandanipur, geboren 1957 in Schiras, ist einer der bekanntesten iranischen Autoren. Er studierte Politikwissenschaften und war Soldat im iranisch-irakischen Krieg. Von 1992 bis 1997 durfte er in Iran nicht publizieren. Er war Chefredakteur der Literaturzeitschrift Asr-e Pandjshanbeh (Donnerstagabend), die 2009 aus politischen Gründen eingestellt wurde. Seit 2006 lebt er in den USA und unterrichtet zeitgenössische iranische Literatur und Film. Für sein Werk mit zehn Romanen, Kurzgeschichten und Essays hat er mehrere Preise gewonnen. Auf deutsch liegt vor: ‹Eine iranische Liebesgeschichte zensieren›.

Martin Mosebach, 1951 geboren, lebt in Frankfurt am Main. Er wurde u.a. mit dem Heimito von Doderer-Preis, dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie, dem Kleist-Preis und 2007 mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2015 erhielt er die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Von ihm erschienen mehr als 30 Romane, Erzählungen, Bildbetrachtungen, Essays. Zuletzt erschienen ‹Der Mond und das Mädchen› (Roman, 2007), ‹Stadt der wilden Hunde› (Nachrichten aus dem alltäglichen Indien, 2008) und ‹Als das Reisen noch geholfen hat› (Essays, 2011) sowie ‹Das Blutbuchenfest› (Roman 2014).

Barbara Nüsse spielte an den Münchener Kammerspielen, am Schauspielhaus Zürich und Köln, Burgtheater Wien, sie stand bei den Wiener Festwochen und den Salzburger Festspielen auf der Bühne. Jetzt ist sie wieder fest am Thalia Theater Hamburg engagiert.

Ulrich Peltzer, 1956 in Krefeld geboren, hat Philosophie und Psychologie in Berlin studiert, wo er heute lebt. 1987 veröffentlichte er sein Debüt ‹Die Sünden der Faulheit›, es folgten die Romane ‹Stefan Martinez›, ‹Alle oder keiner›, ‹Bryant Park› und nach ‹Teil der Lösung› 2015 ‹Das bessere Leben›. Er schreibt Drehbücher mit dem Regisseur Christoph Hochhäusler. Für sein Werk wurde Ulrich Peltzer vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Preis der SWR-Bestenliste, Berliner Literaturpreis, Heinrich-Böll-Preis, im November 2015 erhält er den Marieluise-Fleißer-Preis.

Simon Roden, geboren 1972, ist seit 1986 Sprecher für Rundfunk und Fernsehen und in verschiedenen Kinofilmen als Synchronsprecher zu hören.

Sebastian Rudolph, 1968 geboren, spielte Theater in Zürich, Basel, Berlin, Wien und ist festes Ensemblemitglied am Thalia Theater Hamburg. Er ist in Kino- und Fernsehproduktionen sowie als Hörbuchsprecher zu erleben.

Behnam Valikhani Samani wurde 1967 in Tschahar Mahai Bakhtiari, Iran, geboren. Im Alter von 13 Jahren begann er unter Jamshid Mohebiin in Isfahan das Studium der Tonbak, einer Bechertrommel. Er lebt heute in Köln.

Daniel Schwartz wurde 1955 in Olten geboren, er studierte Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich. Von 1990 bis 2005 war er Mitarbeiter der Kulturzeitschrift ‹du›. 1987/88 dokumentierte er die Architektur der Großen Mauer in China und die sich verändernde Landschaft. In den 1990er Jahren arbeitete er in den ökologischen Notstandszonen und Konfliktgebieten Süd- und Südostasiens, danach in Zentralasien und Afghanistan. Zeugnis dieser Arbeit geben die fast tausendseitige historische Reportage ‹Schnee in Samarkand. Ein Reisebericht aus dreitausend Jahren› und das Künstlerbuch ‹Travelling Through the Eye of History›. Daniel Schwartz hatte zahlreiche Einzelausstellungen unter anderem im Kunsthaus Zürich, Imperial Palace Museum, Beijing, Kunstmuseum Solothurn, Martin-Gropius-Bau, Berlin, und im Rahmen des Billboard-Programms des Kunsthauses Bregenz. Zweimal wirkte er bei Gruppenausstellungen bei der Biennale Venedig mit. Im Sommer 2011 zeigte das San Francisco Museum of Modern Arts eine Serie von Afghanistan-Bildern.

Abdulkarim Soroush, der 1945 in Teheran geboren wurde, ist heute weltweit einer der renommiertesten muslimischen Intellektuellen. Mit seinen Ideen beeinflußte er eine ganze Generation in Iran; auch im internationalen Diskurs über den Islam ist sein Einfluß weitreichend. Seit Mitte der neunziger Jahre lebt er außerhalb Irans; er hatte wichtige Gastprofessuren und Fellowships inne. Harvard, Princeton, Yale, das Wissenschaftskolleg zu Berlin, das Kulturwissenschaftliche Institut Essen sowie die Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg zählen zu seinen akademischen Stationen, wo er u. a. über Islam und Demokratie, Rumi - Poesie und Philosophie sowie über Studien zum Koran lehrte. 

 

Manos Tsangaris, 1956 in Düsseldorf geboren, Komponist, Trommler und Installationskünstler, zählt zu den bedeutendsten Vertretern des neuen Musiktheaters. Seine Werke finden international Beachtung und wurden u. a. auf zahlreichen renommierten Festivals aufgeführt. 2009 wurde er zum Professor für Komposition an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden berufen, im selben Jahr wurde er zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin gewählt, deren Direktor der Sektion Musik er seit 2011 ist. Seit 2010 ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Er gründete im Jahr 2011 das ‹Internationale Institut für Kunstermittlung› und widmete sich Forschungen auf dem Gebiet der szenischen Anthropologie. Im Studienjahr 2012 / 13 war Tsangaris Artist In Residence der Zürcher Hochschule der Künste, seit Oktober 2012 ist er designierter künstlerischer Leiter der Münchener Biennale für Neues Musiktheater ab 2016 (zusammen mit Daniel Ott).

Sczcepan Twardoch, geboren 1979, studierte Soziologie und Philosophie an der Universität in Katowice. Der Durchbruch gelang ihm 2012 mit der Veröffentlichung von ‹Morphin›. Der Roman war in Polen ein Bestseller und wurde u. a. mit dem renommierten Polityka- Passport-Preis ausgezeichnet. Twardoch gilt als die herausragende neue Stimme der polnischen Literatur; er lebt im schlesischen Pilchowice.

Ernest Wichner, geboren 1952 in Guttenbrunn (Banat / Rumänien), ist Lyriker und Herausgeber, Übersetzer und Literaturkritiker. Er leitet das Literaturhaus in Berlin.

Fotonachweis

Juri Andruchowytsch © Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag, Alicia Aumüller © privat, Dorrit Bauerecker © Kai Myller, Mircea Cărtărescu © Leonhard Hilzensauer / Zsolnay Verlag, Pi-hsien Chen © Benjamin Cheung, Bernt Hahn © Katja Illner, Carl Hegemann © privat, Guy Helminger © Dirk Skiba, Dževad Karahasan © Jürgen Bauer, Navid Kermani © Peter-Andreas Hassiepen, Olaf Kühl © privat, Yitzhak Laor © Itay Ben-Ezra, Sibylle Lewitscharoff © Susanne Schleyer / Suhrkamp Verlag, Shahriar Mandanipur © Elena Seibert, Martin Mosebach © Peter-Andreas Hassiepen, Barbara Nüsse © Ralf Brinkhoff, Ulrich Peltzer © Astrid Busch, Simon Roden © privat, Sebastian Rudolph © Tom Kamlah, Abdolkarim Soroush © Wissenschaftskolleg Berlin, Manos Tsangaris © Inge Zimmermann, Szczepan Twardoch © Magda Kryak, Ernest Wichner © privat

Ausstellung

‹Im Hinterland der Kriege›
Daniel Schwartz – Fotografien

Robert-Koepke-Haus, Polhof 1, 32816 Schieder-Schwalenberg

Bis 15. November 2015

Dienstag - Sonntag: 14.00 - 17.30 Uhr, Sonntag auch 10.00 - 12.00 Uhr

 

Förderer und Partner

Gefördert von

In Zusammenarbeit mit der Stadt Schieder-Schwalenberg und dem Landesverband Lippe - Lippische Kulturagentur.

Kulturpartner

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