6. Meisterklasse 

Annette von Droste-Hülshoff ‹Die Mergelgrube›

Leitung: Ulrike Draesner (Schriftstellerin), Hildegard Schmahl (Schauspielerin) und Hille Perl (Gambe)
Termin: 30. April - 3. Mai 2015
Ort: Burg Hülshoff, 
 Schonebeck 6, 48329 Havixbeck

Annette von Droste-Hülshoff ist eine der größten Dichterinnen deutscher Zunge: erfinderisch, eigenwillig, häufig unterschätzt. Virtuos im Umgang mit alten und neuen Formen, musikalisch, voller Esprit. Ihr Gedicht Die Mergelgrube lenkt nicht nur in die Tiefen von Grund und Gründen, sondern auch in das Zentrum ihres lyrischen Werkes. Fragen danach, wie Natur aussieht und was sie für den Menschen bedeuten mag, bestimmen die Lebenszeit von Annette von Droste-Hülshoff. Die Naturwissenschaften, wie wir sie kennen, entwickeln sich: erprobt wird ein analytischer taxonomischer Blick aus das alte ‹Buch Gottes›. Die Dichterin ist vertraut mit den Diskursen ihrer Zeitgenossen. Sie bewegt sich, mal ironisch, mal melancholisch, in ihnen und dabei immer zugleich auch in den Traditionen und besonderen Möglichkeiten der Poesie. Genaues Lesen, Hören und Nachsprechen der Gedichte lassen deren Stärken hervortreten: die Schärfe des Gedankens, verbunden mit der Lust am Empfindung.

Die Meisterklasse führt in konkretem und übertragenem Sinn in Droste-Hülshoff Landschaft. Im Gewand eines äußeren Absteigens und wieder zu Tage Klimmens erzählt Die Mergelgrube von einer inneren Reise. Dieser Art verbundenen, mehrfachen Reisens und seinem sprachlichen Ausdruck wird die Klasse folgen. Mit Droste-Hülshoff fragt sie nach den Bedingungen menschlicher Körperlichkeit und taucht in die Tiefen der Zeit. Hülshoffs Gedichte fordern zu Dehnungen des Denkens und der Seele auf: ein Grashalm sein? Ein Stein?

Gewiss.

Gedichte übersetzen Welt in Sprache. Sie öffnen unsere Sinne, indem sie dem Ohr schmeicheln, Bilder im Kopf entstehen lassen, die Rhythmik des Körpers beeinflussen. Diesen Prozess macht die Meisterklasse im Ganzen erkennbar und nachvollziehbar. In den Stimmen der Teilnehmer sowie in der Widerspiegelung der Texte in Musik und schauspielerischem Arbeiten bzw. Vortragen werden Natur und Ich, durch Sprache bewegt, neu fühlbar. Droste-Hülshoffs Naturgedichte kneten und testen das erlebende Ich, setzen es Verwandlungen und Abenteuern aus. Wie wird Erinnerung gespeichert? Wie wird sie gelesen? Wie lässt ein Leben sich führen angesichts der Tiefenschichtung der Zeit, angesichts der Fremdheit sogar noch des eigenen Bildes im Spiegel?

Die Themen: Poesie, Naturkunde, Geschichte.

Die Mittel: Landschaft, Rhythmus, Klang.

Das Abenteuer: Sprachliche Schönheit.

Die 6. Meisterklasse der Akademie der Lesenden Künste findet in Zusammenarbeit mit der Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung statt.


Kaninchenbau meets Mergelgrube

Ehe wir noch den Gedanken fassen konnten, uns schnell festzuhalten, fühlten wir schon, daß wir fielen, wie es schien, in eine tiefe, tiefe Grube. Entweder musste die Grube sehr tief sein, oder wir fielen sehr langsam; denn wir hatten Zeit genug, uns beim Fallen umzusehen und uns zu wundern, was nun wohl geschehen würde. Zuerst versuchten wir hinunter zu sehen, um zu wissen wohin wir kämen, aber es war zu dunkel etwas zu erkennen. Da besahen wir die Wände der Grube und bemerkten, dass sie mit Käferkästen und Riesenschuppen bedeckt waren; hier und da erblickten wir Seiten aus Bertuchs Naturgeschichte und Schieferplatten, an Haken aufgehängt. Wir nahmen im Vorbeifallen aus einem der Käferkästen eine Handvoll Medusenhaar mit. ‹Nun!› dachten wir bei uns, ‹nach einem solchen Fall werden wir uns nichts daraus machen, wenn wir in ein Gedicht hinein stolperten. Wie mutig sie uns zu Haus finden werden! Wir würden nicht viel Redens machen, wenn wir selbst in Schillers Glocke fielen!› (Was sehr wahrscheinlich war.) Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie endigen? ‹Wie viele Zeilen wir wohl jetzt gefallen sind!› Lasst sehen: das müssen ungefähr fünfhebige Jamben sein, glaubten wir -  (denn ihr müsst wissen, wir hatten dergleichen in der Schule gelernt, und da dies eine sehr gute Gelegenheit war, unsere Kenntnisse zu zeigen, übten wir uns darin) - ‹ja, das ist ungefähr das Versmaß; aber zu welchem Metrum und Rhythmus wir wohl kommen werden?› Auch hatten wir nicht den geringsten Begriff, was weder die Ockerdruse noch Byssusknäuel waren, doch klangen uns die Worte großartig und nett zu sagen. Bald fingen wir wieder an. ‹Ob wir wohl der Grube auf den Grund gelangen werden? Wie komisch das sein wird, bei einem Sinn heraus zu kommen, der alles auf den Kopfe stellte! Auto-mato-poe-sie, glaubten wir.› (Diesmal behielten wir es für uns, denn das Wort klang uns gar nicht recht.) ‹Aber natürlich werden wir fragen müssen, wie das Stilmittel heißt. Bitte, liebe Damen, ist dies ein Daktylus oder ein Trochäus?› (Und wir versuchten dabei zu rezitieren, - denkt doch, rezitieren, wenn man durch die Luft fällt! Könntet ihr das fertig kriegen?) ‹Aber sie werden uns für unwissende kleine Mädchen halten, wenn wir fragen! Nein, es geht nicht an zu fragen; vielleicht sehen wir es irgendwo angeschrieben.› Hinunter, hinunter, hinunter! Wir konnten nichts weiter tun, also fingen wir bald wieder zu lesen an. Da mit einem Male, plump! plump! kamen wir auf einem Mammutzahn zu liegen, - und der Fall war aus. Ha, neben dem Mammutzahn, hier - eine Gambe. Den Zahn steckten wir uns an den Hut und das Medusenhaar spannten wir auf einen Scheit. Damit verspielten wir uns auf der Gambe. Schaut, das war ein Lied! Es summt uns schon in den Ohren: ‹Daß ihr verrückt seid, hätten wir nicht gedacht!›

Christina Koch und Annette Kolbe vermergeln Lewis Carroll