Kleine Gesten unbedachter Güte

Der Held dieser Geschichte, ein ehemaliger Tolstojaner names Ikonnikow-Morzh, ist wohl prädestiniert, zu den großartigsten Figuren der Weltliteratur gezählt zu werden. Man könnte ihn sogar eine shakespearesche Figur nennen, wäre er nicht mit Vassilij Grossman aufs Engste verbunden. Ikonnikow könnte man als heiligen Narren bezeichnen. Er tritt in Grossmans bedeutsamen Roman Leben und Schicksal auf, einer Art von Krieg und Frieden des Zweiten Weltkriegs. Dieser heilige Tor wirkt als Sprachrohr für Grossmans Ethik. Oder vielmehr: Er selbst verkörpert sie. Durch Wort und Tat verleiht Ikonnikow, dessen Name allein schon zu Gedanken animiert, der Ethik von Leben und Schicksal eine konkrete Form.

Ikonikow glaubt nicht an das Gute: Er glaubt an menschliche Güte.

Neben dem fürchterlichen Großen Guten gibt es also die schlichte menschliche Güte. Es ist die Güte der Greisin, die dem Gefangenen ein Stück Brot zusteckt, die Güte des Soldaten, der einem verwundeten Feind seine Feldflasche reicht, die Güte der Jugend gegenüber dem Alter, die Güte des Bauern, der einen alten Juden in der Scheune versteckt. Es ist die Güte jener Wächter, die ihre eigene Freiheit aufs Spiel gesetzt haben, um nicht etwa Gesinnungsgenossen, sondern Müttern und Frauen die Briefe ihrer gefangenen Männer und Söhne zu überbringen.

Das ist die echte Güte des Einzelnen gegenüber einem anderen Einzelnen, die kleine Güte, die keine Zeugen hat und keine Idee; man könnte sie die unbedachte Güte nennen; Güte des Menschen außerhalb des religiösen und gesellschaftlichen Guten.

Sogar in den grauenvollsten Zeiten, in denen zur größeren Ehre von Staaten und einem weltweiten Guten der Wahnsinn herrschte, in denen die Menschen wie Äste vom Wind hin-und hergestossen wurden und wie Steine Schluchten und Täler lawinenhaft füllten – auch dann blieb diese ergreifende, unbedachte Güte wie die Atome des Radiums durchs ganze Leben gestreut.

Der heilige Narr hat seinen Glauben verloren. Oder vielmehr: Er hat einen Glauben verloren und einen anderen gefunden. Ikonnikow zufolge ist die Schlacht zwischen Gut und Böse eine Illusion. Er klammert sich stattdessen ans ‹Menschliche im Menschen›, an jene menschlichen Qualitäten, die ‹noch am Rande der Grube, an der Tür zur Gaskammer› verharren. Die von Ikonnikow dargelegte Ethik hat eine enorme Tragweite – eine Ethik kleiner Gesten unbedachter Güte.

Alex Danchev: Kleine Gesten unbedachter Güte. Statement im Rahmen der Internationalen Autorentage zu John Burnside (17. - 19. Oktober 2014). Übersetzt von Iain Galbraith.

 

 

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