Vom Verschwinden in die Welt

A ghost of aviation/She was swallowed by the sky/Or by the sea, like me she had a dream to fly/Like Icarus ascending/On beautiful foolish arms...

(Amelia, by Joni Mitchell)

 

John Burnside flog zum ersten Mal an einem windstillen Nachmittag. Er wurde dabei von niemandem beobachtet, was ihn nicht weiter störte; die Gebrüder Wright hatten ihre ersten Flugversuche schließlich auch im Geheimen abgehalten. Neun Jahre war John damals alt, als er auf das Dach einer leerstehenden Zechenhütte am Rand eines freien Feldes stieg, die Zipfel eines alten Bettlakens mit einer Schnur an Handgelenken und Fußknöcheln festgebunden und eine Schwimmbrille auf dem Kopf, um die Augen zu schützen. Er sprang mit weit gespreizten Armen und Beinen, machte kleine Schwimmbewegungen mit den Händen, das Laken wölbte sich, und er flog vielleicht ein, zwei Sekunden, ehe er schwer zwischen Brennnesseln und alten Ziegelsteinen aufschlug. In ein Flugzeug zu steigen interessierte ihn schon damals nicht; er wollte allein fliegen, wollte es aus eigener Kraft schaffen, und er blieb davon überzeugt, eines Tages auf und davon fliegen zu können.

Wohin? Nun, zuerst einmal fort von zu Hause, fort aus der Familie, fort aus der schottischen Kleinstadt Cowdenbeath. Australien versprach der Vater, Kanada - es sollte Corby werden. Corby ist eine am Reißbrett rund um Europas zweitgrößten Stahlwerk geplante Stadt irgendwo in der Achselhöhle Nordenglands. Wer hier lebte, wuchs im Glutlicht der Hochöfen auf, im Miasma von Stahl, Kohle und Erz, im Gestank von Koks und Ammoniak, der sich allem anheftete, der Erde, dem Wasser, der Luft, den Kleidern, der Haut der Lebenden, den Knochen der Toten. Chicago von Fife lautete eine der eher freundlichen Bezeichnungen für Corby, wo außer Gewalt und flüchtigem Sex nichts vom zermürbenden Alltag ablenkte und man den Bewohnern wohl nur vorwerfen konnte, dass sie offenbar zu feige waren, dieser Welt den Rücken zuzukehren, aus ihr zu fliehen, aus eigener Kraft fortzufliegen.


John Burnside blieb davon überzeugt, dass diese Flucht möglich war, auch wenn er immer wieder aufs  Neue scheiterte. Nach Bettlaken und Schwimmbrille versuchte er, mit Musik und Drogen aus Corby abzuheben. Für den Teenager lieferte Neil Young den Soundtrack seines Lebens, versetzt mit Doors und etwas Bowie. Während ‹Revolution Blues›, oder ‹On the Beach› in der Dämmerung über der Stadt verhallten, wickelte er sich ins Blau seiner Träume, betrunken, bekifft, flatterte hinauf in die köstliche, körnige Stille der Barbiturate und anderer Drogen, kam es doch darauf an, woanders zu sein als dort, wo er war. Die Musik öffnete Weiten, beschwor Erinnerungen an Zeiten herauf, die er nie gekannt hatte und machte ihn für Stunden zu dem Menschen, der er schon immer hatte sein wollen.

John Burnside wurde 1955 im schottischen Dumfermline in Fife geboren; sein Zwillingsbruder starb an diesem Tag. Eine ältere Schwester war schon vor Jahren gestorben, und der Vater sagte oft: Wärest du doch tot, und sie lebte noch.  Mit zerfledderten Ausgaben von Look and Learn brachte ihm die Mutter das Lesen bei, während Thomas George Burnside, ein einfacher Arbeiter, von Pub zu Buchmacher durch die Stadt stromerte und das bisschen Geld, das er in der Woche verdient hatte, für Gäule und Whiskey zum Fenster hinauswarf. Der Vater war nicht nur ein Säufer, sondern auch ein großspuriger Aufschneider, der sich immer wieder neue Lebensgeschichten andichtete, um niemandem gestehen zu müssen, dass er ein Findelkind war. Gegen diese unberechenbare, brutale Präsenz in seinem Leben wusste der Junge sich nur mit eigenen Geschichten zu wehren, die den väterlichen Halbwahrheiten die reine Wirklichkeit der Fiktion entgegensetzten. Sechs Jahre ging John zur Grundschule St. Bride in Cowdenbeath, ein katholischer Junge, der Priester werden wollte; dann zog die Familie ins englische Corby. Mit sechzehn Jahren nahm er zum ersten Mal LSD, und dieser Fluchtversuch schien endlich zu gelingen, wurde er doch aus dem tristen Alltag in eine neue Welt katapultiert. Dazu heißt es in Lügen über meinen Vater, Johns semifiktiver Biografie:

‹1971 warf ich meine erste Lysergsäurediäthylamid­tablette ein. Es wäre eine grobe Untertreibung, wollte ich behaupten, dies wäre eine Offenbarung gewesen, ebenso wie es ein Fehler wäre, über LSD wie über irgendeine andere Droge zu reden. LSD-25 ist ein Sakrament... Mein Leben lang war meine Umgebung von Vätern jeglicher Couleur beherrscht worden, von korrupten Autoritäten, vom System: Bat ich einen dieser Väter um Brot, gab er mir Stein; bat ich um Fisch, gab er mir Schlangen. Und dann tauchte wie aus dem Nirgendwo diese Pille auf, dieser winzige Mikropunkt auf einem Stück Zellophan, und plötzlich war ich Teilnehmer, Zelebrant eines kleinen Winkels dieser Welt. Und ich sagte: Das ist es. Nichts kann mir mehr etwas anhaben.› Alles - Farbe, Klang, Form, Licht - wirkte lebhafter als je zuvor, doch nahm John nicht an, dass es sich dabei um die Wirkung der Droge handelte. Im Gegenteil, er wusste, genau so ist die Welt, so ist sie schon immer gewesen, nur hatte er die Fähigkeit verloren, sie auch so zu sehen. Unter LSD-Einfluss begann die Welt endlich zu leuchten, zu strahlen, bekam Glanz und Glamour.

Jahrelange Drogenexzessen endeten in einem kleinen, fast leeren Zimmer, in dem John zwei Tage lang nur in Laken gehüllt auf dem Bett saß, den Blick starr auf den Kleiderschrank gerichtet, der dicht an dicht mit durchsichtigen Flaschen voll mit einer dunkelgelben Flüssigkeit zugestellt war, einem Gemisch aus Blut, Honig, Alkohol, Olivenöl und Urin. Auf jedem Flaschenhals lag eine Feder, und wenn auch nur eine herabfiel, dann war der Bann gebrochen, fiel die Welt auseinander. Keine Feder durfte sich regen, kein Flügel schlagen - so endete der drogengetriebene Höhenflug. John Burnside wies sich selbst in eine psychiatrische Anstalt ein und begann, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Es folgte ein Studium in Cambridge am College für Technik und Kunst, danach eine Zeit als Fabrikarbeiter und Gärtner; er schrieb Klavierstücke, malte ein wenig, bis er in Surrey schließlich eine Stelle als Softwaretechniker fand. Diesmal, sagte er sich, würde er es schaffen, und konsequent plante er den neuen Flug, setzte die neue Flucht in die Tat um. Er wollte ein normales Leben. Nüchtern. Ohne Drogen. Ohne Träume. Wollte Geld verdienen, ein Haus kaufen, Steuerzahler werden, nichts als ein ganz und gar einfacher, gewöhnlicher Mensch sein, einer, der nicht auffällt und an den sich niemand erinnert. Er sehnte sich nach Ordnung und wollte in die Normalität verschwinden. Eines nämlich war ihm schon längst klar geworden. Beim Fliegen ging es nicht darum, der Schwerkraft zu trotzen und in den Himmel aufzusteigen. Nein, er wollte nicht nur fliegen, er wollte ganz und gar verschwinden, so wie alle seine Lieblingspiloten, wie Amelia Earhart, verschollen über dem Pazifischen Ozean, wie Amy Johnson, verschollen über der Nordsee, wie Antoine de Saint-Exupéry, verschollen über dem Mittelmeer. Er träumte davon, über frisch gefallenen Schnee in strahlendes Sonnenlicht zu laufen und sich Schritt für Schritt aufzulösen, sich zu verlieren und die Grenze zwischen dieser Welt und dem Unsichtbaren zu überschreiten. Die ganze Welt, das gesamte Universum ist leer, ohne Gewicht, ohne Form und Substanz›, denkt am Ende des Romans Glister jener Junge, der gleich darauf verschwinden wird. ‹Alles schmilzt dahin, wird körperlos, und die einzig solide Tatsache bleibt das, wonach er sucht. Dann findet er es, und es ist nichts, oder es ist das Licht, nicht ein Licht, sondern das Licht an sich, bloß ein Lichtschimmer, der sich ausdehnt, heller wird, ihn umgibt, ihn umschließt, bis er selbst in dieses große, weite Weiß eintaucht.› Und damit schließt er den Kreis zum Anfang des Romans, wo es heißt: ‹Mehr ist von diesem alten Leben nicht geblieben: Vögel, die in lauten Schwärmen hungrig über Landzungen flirren, kaltes, graues Wasser, das ans Ufer schlägt. Nichts weiter. Kein Laut sonst ist zu hören und nichts zu sehen, nur das weite, reine Licht, in das ich aus freiem Willen immer aufs Neue trete, am Ende einer Geschichte, die ich bereits zu vergessen beginne.›

Zehn Jahre lang klammert sich John an die Hoffnung, dass diese Flucht gelingen möge, dass nichts so unsichtbar ist wie ein gewöhnlicher Geschäftsmann, ein Mann in grauem Anzug, einer der grauen Männer. Dieses verlorene Jahrzehnt lebte er in Surbiton, in Suburbia, im Kafkaland der Vorstädte. 1988 erschien der erste, 1997 bereits der siebte Lyrikband, im selben Jahr auch der erste Roman, The Dumb House (Das Haus der Stummen), ein Werk, mit dem der Autor John Burnside sein Stimmvolumen erweitert, eine neue Tonlage probiert, der Lyrik die Prosa hinzufügt.
Laut persischer Mythologie ließ Akbar der Große einst einen Palast für Neugeborene bauen, die allein von stummen Dienern umsorgt wurden, da er die alte Streitfrage klären wollte, ob Sprache nun angeboren oder anerzogen ist. Und während die Jahre vergingen, und die Kinder in ihrer stillen Welt heranwuchsen, wurde ihr Palast als das Gang Mahal bekannt, das Haus der Stummen. Diese Geschichte hatte Luke gar nicht oft genug von seiner Mutter hören können, mit der er auch noch als erwachsener Mann in einem einsamen Haus im ländlichen England zusammen lebte. Nach ihrem Tod begann er, die Theorien seiner Mutter über Seele und Sprache konkret an lebenden Menschen zu überprüfen. Er nahm eine junge Frau bei sich auf, die ihm Zwillinge gebärt, sperrte die Babys in einen Kellerraum, so dass sie niemals den Klang der menschlichen Stimme vernahmen und musste erleben, wie sie mit etwa elf Monaten einen eigentümlichen Singsang entwickelten. Es kam dazu wie aus dem Nichts, ohne Provokation, ohne äußeren Stimulus. An einem Tag waren sie stumme Kinder, am nächsten schon besaßen sie etwas Außergewöhnliches. Einige Minuten lang waren sie noch still, dann begannen sie langsam, zögerlich erst, ihre Stimmen auf andere Weise zu gebrauchen, wechselten sich ab, um Tonfolgen in weichem, schwermütigem Singsang von sich zu geben, die beim ersten Hören wie eine Art Improvisation klangen, einen Austausch, an dem sie gemeinsam arbeiteten, eine behutsame Erkundung.

John Burnside studierte Englische und Europäische Literatur am Cambridge College für Kunst und Technologie und unterrichtet heute an der Universität St. Andrews Creative Writing, Literatur, Ökologie und Amerikanische Lyrik.

Mit einer Spur im Schnee beginnt der erste Roman von John Burnside, der ins Deutsche übersetzt wurde. Es sind die sauberen, tintenklecksigen Fährten eines spalthufigen Wesens, einer Kreatur, die nicht nur auf zwei Beinen durch die Straßen und Gassen einer kleinen schottischen Fischerstadt spazierte, sondern auch die Hausmauern hinaufgestapft war und hohe, staffelgiebelige Dächer auf ihrem schnurgeraden Weg über die Schlafgemächer hinweg überquert hatte. Der Teufel, der diese tintenklecksigen Spuren im Weiß hinterließ, ist ein vertrauter Weggefährte für den Mann im Mittelpunkt des Romans. Er trägt ihn in sich, den Teufel, mon semblable, mon frère. Teufel, Spur und Schnee/Autor, Schrift und weißes Blatt - nun, man mag die Parallelen sehen, aber eigentlich soll die tintenkleckisge Spur nicht über das Weiß, sondern in das Weiß hineinführen, ins glitzernde Weiß, in eine Welt des Glanz und Glamour, einer Welt ähnlicher der Welt im LSD-Rausch. Glamour und Grammatik gehen etymologisch auf dieselbe Wurzel zurück, genau wie das französische grimoire, das Zauberbuch also. Im vom Glamour geprägten Schreiben sind nicht Logik und Plot entscheidend, sondern der Zauber, der mit den Worten gewebt wird, das Mysterium, durch das Alles, selbst das Gemeinste, die simpelsten Dinge und Ereignisse mit magischem Glanz versehen werden.

So wie in Kyrres Haus auf der Insel Kvaløya nahe am Polarkreis, ein Haus, in dem Schatten in den Falten jeder Decke lauerten, ein unmerklicher Schauder über das Wasser im Glas huschte, über die Sahne in der Schüssel auf dem Tisch, in dem sich überall winzige, fast unendlich kleine Schlupflöcher der Gefährdung im Gefüge der Wirklichkeit auftaten, eine Gefährdung, die hervorquellen konnte und einen fand, wie der erste Windstoß eines Unwetters den Ruderer auf offenem Meer findet.

In hellen Sommernächten entführt den Leser auf eine einsame Insel mit Schnee und griesgrämigen Licht im Winter, mit Vogelgezwitscher und windgesiebtem Gemurmel im Sommer, ein Ort wie einer altnordischen Sage entsprungen. Auf dieser Insel wächst Liv auf und verbringt viel Zeit allein oder beim Nachbarn Kyrre Opdahl, der ihr Märchen, Sagen und Legenden über Trolle, Meerjungfrauen und über die Huldra erzählt, ein Scheusal in Gestalt eines unfassbar schönen Mädchens, das junge Männer in den Tod lockt. In der harschen Schönheit dieser nordischen Landschaft, im paradoxen Licht der Mitternachtssonne ist es daher vielleicht kein Wunder, dass Liv zu glauben beginnt, die Huldra treibe immer noch ihr Unwesen, jenes schöne Schreckgespenst, in dessen Rücken eine verblüffende Leere klafft, durch die Alles ins Nichts fällt. Was ist Wirklichkeit, was Traum in diesen weißen, hellen Sommernächten? Was ist real, was Illusion? Oder ist die scheinbare reale Welt die eigentliche Illusion? ‹Nicht, dass ich an Geister und Trolle glaubte›, erklärt Liv, ‹nein: Was mir an dieser Märchenwelt gefiel, war das, was sie über die Welt sagte, die ich bereits kannte – dass diese nämlich keineswegs so fest gefügt war, wie man mich glauben machen wollte.› Und es gibt durchaus Wege und Möglichkeiten, zu dieser anderen Welt durchzubrechen. Das mag an Halloween geschehen, in jener Nacht also, in der in Schottland überall Feuer angezündet werden, nicht, um Geister zu vertreiben, wie man allgemein annimmt, sondern um ihnen den Weg zu weisen, davon jedenfalls ist John Burnside überzeugt. Oder aber der Übergang geschieht beinahe unmerklich, wie wenn eine Hand, die über das Wasser eines Sees dahingleitet, eintunkt und - sei es auch nur für einen Augenblick - die Kühle oder geisterhafte Ruhe einer angrenzenden Welt fühlt. Oder es geschieht in der Stunde des Wolfs, ulvetimen auf Norwegisch, Johns Lieblingszeiten, diese Wolfsstunden in Winternächten, wenn die Welt schläft und er der Stille lauscht. ‹Ich bin geistig mittlerweile wieder ganz gesund›, schreibt John in seinem Buch Waking Up In Toy-Town, ‹nur manchmal muss ich noch mit der Nacht flirten.› Dann lauscht er dem Wind, hört einem Vogel zu, doch selbst, wenn alles so ist, wie es sein soll, fühlt es sich doch auf merkwürdige, mysteriöse Weise unwahrscheinlich an. ‹Es ist lange her, dass ich normal sein wollte›, schreibt John auf der letzten Seite dieser Fortsetzung seiner mit in Lügen über meinen Vater begonnenen Memoiren. ‹Heute drängt es mich allerdings nicht mehr, geistig normal zu sein. Ebenso wenig übrigens wie es mich drängt, verrückt zu sein.› Vielleicht gibt es ja auch eine Alternative zu diesen Gegensätzen verrückt und normal, etwas, das dann wie Fliegen wäre, wie einfach Verschwinden. ‹An so manchen Nächten im Jahr›, so die letzten Zeilen von Waking-Up in Toy-Town, ‹vor allem aber mitten im Winter, wenn es still ist und ich allein noch wach bin, dann lausche ich, beobachte und komme mir gelegentlich ein, zwei Minuten lang wie ein alter Aeronaut vor, steige hoch im hellem Aufwind, schwebe in dünner Luft, geführt von plumpen Navigationssystemen, doch gebenedeit mit dem heiligen, unverhofften Segen des Fliegers, der da besagt, zu sein und zugleich und im selben Augenblick nicht zu sein, immer hier zu sein, im Zentrum der Schwerkraft und immer auch stets kurz davor, endgültig zu verschwinden.› Ein Gefühl fast wie damals, als er mit neun Jahren zum ersten Mal flog, nur diesmal frei vom Wollen, frei vom Versuchen, geschenkte Momente, unbeschwert von Bettlaken und Schwimmbrille, vor sich nur die Weite und das Weiß der leeren Seite.

Bernhard Robben: Vom Verschwinden in die Welt. Einführung in das prosaische Werk John Burnsides im Rahmen des Internationalen Autorentage zu John Burnside (17. - 19. Oktober 2014).