Poesie als Ökologie

Es hat seine natürliche Berechtigung, dass wir uns, um das Werk von John Burnside zu feiern,  im Monat Oktober zusammenfinden. ‹Findet mich erst, wenn der Sommer endet und die Lampen / alles sind›, [1] verkündet der Sprecher eines seiner Gedichte. Den Dichter John Burnside verbinde ich seit langem mit Herbst und Winter, und mir ist immer wieder aufgefallen, dass ich seine Lyrikbände zur Hand nehme, wenn die Tage kürzer werden. Auf den ersten Blick mag es allerdings seltsam anmuten, dass ein Dichter, dem ich ein hoch entwickeltes künstlerisches Bewußtsein für Ökologie bescheinigen würde, in seiner Arbeit vor allem jene Jahreszeiten betont, die wir mit Verwesung und abnehmendem Licht in Verbindung bringen.

          

In einem jüngst geschriebenen Gedicht fordert uns Mary Oliver jedoch auf zu erleben: ‹wie die / Welt in einem reichhaltigen Brei versinkt, damit / sie neu beginnen kann.› [2] Dazu beschreibt sie, wie ‹die Lebendigkeit von dem, was war, vermählt wird // mit der Lebenskraft von dem, was sein wird.› Ich würde behaupten, dass dieser Gedanke die Dichtung von John Burnside durchdringt und dass in den ergiebigen mythischen und symbolischen Erfahrungsräumen seiner Gedichte Offenbarungsmomente heranreifen, die das sprechende Ich am Drehpunkt des Wandels zeigen: genau am Übergang zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. Dieser Augenblick bringt Verluste mit sich, birgt aber ebenfalls neue Möglichkeiten.

 
John Burnside hat einmal zu Protokoll gegeben, dass ‹fast alle seiner Gedichte ‚Halloween‘ heißen könnten›.[3] Tatsächlich spielen die Festtage im Herbst und Winter in seinem Werk eine wichtige Rolle, wie er auch in einem Essay reflektiert:

 

‹Wichtige Momente … sind Lammas, Halloween (ursprünglich das keltische Neujahrsfest), Silvester oder auch gewisse Tageszeiten wie Mittag, Mitternacht, Morgen- oder Abenddämmerung. Das sind Momente der Wandlung, bei denen etwas zu etwas anderem werden kann: Das alte Jahr wird zum Neuen, der Sommer zum Herbst, der Tag zur Nacht.› [4]

 

Es sind Augenblicke, schreibt er, ‹in denen der Mensch für Änderungen empfänglich wird, in denen das Leben etwas Ungeformtes in sich trägt und die Identitäten weniger fix sind und offener für neue Möglichkeiten.› John Burnsides Gedichte feiern die Grenzerfahrungen und mehrdeutigen Zustände, die uns die dunklen Wintermonate schenken. Seine Subjekte neigen dazu, länger aufzubleiben, und sie stimmen sich dabei auf abstruse nächtliche Vorstellungen ein. Im Gedicht ‹Bei Pittenweem› beschreibt der Sprecher sich als:

im Dunkeln allein, dabei, nachzuschauen, was

zwischen nahem Feld und Küchentür da ist:

alte Vertraute regen sich jenseits des Gartens

im Gras: stumme Geister vom Meer. [5]

 

Das Rad der Jahreszeiten steht im Mittelpunkt der Dichtung von John Burnside, und die Sprecher seiner Gedichte reflektieren ihre tiefe Verbundenheit mit der ökologischen Umgebung derart intensiv, dass sie nur als Teil ihrer Umwelt erkennbar sind. Riten der gemeinschaftlichen und persönlichen Winterfesttage, oder der Feast Days (Festtage) generell, um den Titel seines 1992 erschienen Gedichtbands zu zitieren, sind für Burnsides poetische Strategie der intensivierten Wahrnehmung von wesentlicher Bedeutung: ‹in diesem Winter werden wir lernen, / immer wieder neu, / wie in der Alchemie,› sagt der Sprecher des Gedichts ‹Epithalamium›. [6]

Die wiederholte Einstimmung auf das Nichtmenschliche kann man in Zusammenhang mit Burnsides Dauerprojekt sehen: die Gewissenhaftigkeit der Beobachtung. In einem ‹Walk the Tightrope› (Tanze auf dem Seil) betitelten Aufsatz schreibt Burnside über den Versuch, jenseits der Realitätsoberfläche zu blicken, indem wir die Grenzen der anerzogenen Sichtweise überschreiten. Er schreibt: ‹Weil ich erzogen wurde, etwas anderes zu suchen, hatte ich die wirkliche Welt übersehen.› [7] Ein Teil des Gedichts ‹An Essay Concerning Time› (Versuch über die Zeit) aus dem Band The Hunt in the Forest (Die Jagd im Wald, 2009) hat den Titel kairos, was soviel wie ‹die Gunst des Augenblicks› heißt, im Gegensatz zu chronos, der für den Zeitablauf oder die Chronologie steht. Der Begriff ist deswegen angemessen, weil die Sprecher seiner Gedichte typischerweise versuchen, mit inständiger Sorgfalt und schonungsloser Klarheit einen einzigen Augenblick näher zu bestimmen. In einem Gedicht von Burnside dokumentiert sich der Augenblick des kairos etwa so:

 jener Augenblick, sekundengenau,

mitten am Nachmittag,

in dem drinnen jemand aufschaut und das Fenster sich verdunkelt,

nicht eins nach dem anderen, sondern beides gleichzeitig:

so wissen wir, dass keiner wirklich abwesend ist,

dass nichts mit der Gestalt, der es gleicht, identisch ist. [8]       

 

In seinem einflußreichen Buch The Song of the Earth (Das Lied der Erde, 2000), einer Untersuchung der ökologischen Poesie, argumentiert Jonathan Bate: Ein wahrhaft ökologisches Gedicht liefere ‹keine Beschreibung des Wohnens mit der Erde, denkt auch nicht unabhängig darüber nach, sondern ist selbst die Erfahrung dessen›. [9] Akzeptieren wir diese Sichtweise, so läßt sich ein Großteil der Dichtung Burnsides als ökologische Forschung verschiedener Art charakterisieren: Seine Ich-Figuren denken sich so lange in ihren ökologischen Kontext hinein, bis sie davon untrennbar werden; auch nehmen sie eine dezidierte, wiederholte Beobachtungshaltung ein: Die präzise Herausarbeitung von Erfahrungsprozessen steht damit im Mittelpunkt der Dichtung John Burnsides.

Im Gedicht ‹Dialect› (Dialekt) sinnt das Subjekt über die Grenzen der Sprache nach. Es gebe, so stellt er fest, kein Wort für jenes

Lebhafte am regennassem

Fell und Fleisch, das einem Fuchskadaver am Straßenrand

die geschmeidige Form verlieh,

 

auch nichts, das jene spätere Erscheinung beschreiben könnte,

als Wind und Sonnenlicht an Knochen nagten

und bald zum Wesen seiner Form durchdrangen:

den Schlingen der Wirbel, der steten Grimasse des Jägers. [10]

                       

In ‹Selbstporträt als Panoramafenster› aus Burnsides neuestem Band All One Breath (Einerlei Odem, 2014) steht:

Erster Schneetag, die tiefstehende Sonne

funkelt am Torpfosten, ein einziges

Teviot-Mutterschaf – die anderen Schafe

weiter entfernt, am unteren Ende des Feldes –  

schleckt Frostschmelze von den Brettern: Das Licht

auf dem rauhreifbedeckten Wiesengras erinnert mich

an unreife Pflaumen, und alles bleibt auf so

kleinem Raum, es scheint, einen langen Atemzug lang,

als ob die Zeit stillstehen könnte … [11]

 

In diesem Augenblick verirrt sich der Sprecher, er überlegt:

… das bin ich gar nicht,

der hier am Fenster steht und hinausblickt,

ich nicht, der später aufwachte, als alle

zur Arbeit oder Schule waren, sondern ein anderer,

ein Mann, der mir so sehr gleicht, dass keiner

den Unterschied erkennt – dieselben Augen, derselbe Mund,

nur dass ihm ein Wissen gegeben ist, das ich

mit Worten kaum fassen kann …

 

Dieser Schlüsselmoment steht für viele in den Gedichten von John Burnside, bei denen der Sprecher, im Augenblick versunken, im intensiven Austausch mit Kontext und Ökologie begriffen, aufhört, mit sich selbst identisch zu sein; stattdessen wird er zum Bindeglied für den Wandel, für die neue Möglichkeit, für das, was frei wird. Er ist empfänglich, verloren, auf der Schwelle zwischen dem, was war, und dem, was kommt: ein Ort, der – wie das Jahr, das gerade zu Ende geht – zeitgleich mit Leere und Fülle aufgeladen ist.

Zum Schluß möchte ich eine Passage aus einem Gedicht mit dem Titel ‹Verkündigung mit einem Braunellenkranz› vorlesen, aus John Burnsides Lyrikband The Good Neighbour (Der gute Nachbar, 2005). Dieser Auszug paßt sehr gut als Ausklang, weil mehrere der schon angesprochenen Themen darin zur Sprache kommen: verschärfte Aufmerksamkeit; die Notwendigkeit, die Schuppen von den Augen zu reißen, um das eigentlich Vorhandene wahrzunehmen; das Mysterium und Verlusterlebnis der Schwellenerfahrung, wenn der Sprecher – zwischen Zerfall und Neuanfang – keineswegs abseits steht, sondern sich inniglich mit der Welt verbunden weiß:

                                           in dem Spalt

zwischen der Welt, in die wir geboren werden, und der Welt,

die wir beinahe, aber noch nicht erfinden,

                                          spüren wir bis ins Knochenmark,   

welches Mysterium dazugehört, eine Welt neu zu erschaffen,

jetzt und wieder

                       entflohen,

                                     doch zur Rückkehr bestimmt,

um das Gegebene zu verlieren,

                                            zu verlieren

und sich dennoch zu halten. [12]

[1] John Burnside, ‹Armor vincit omnia›, The Hunt in the Forest (2009), S. 49

[2] Mary Oliver, ‹Lines Written in the Days of Growing Darkness›, New York Times, Sunday, November 7, 2010.

[3] Dag T. Andersson, ‹”Only the Other Versions of Myself”: Images of the Other in the Poetry of John Burnside,› Chapman 96 (2000), S. 35-39 (S. 35).

[4] John Burnside, ‹Poetry and a Sense of Place›, Nordlit 1 (1996),

www. hum.uit.no/nordlit/1/burnside.html>.

[5] John Burnside, ‹By Pittenweem›, Gift Songs (2007), S. 56-66 (S. 59).

[6] John Burnside, ‹Epithalamium›, A Normal Skin (1997), S. 44-59 (S. 52).

[7] John Burnside, ‹Walk the Tightrope›, New Humanist, Vol. 126, Issue 6 (November/December 2011). http.newhumanist.org.uk/2701/walk-the-tightrope

[8] John Burnside, ‹An Essay Concerning Time›, The Hunt in the Forest (2009), S. 36-41 (S. 38).

[9] Jonathan Bate, The Song oft he Earth (London: Picador, 2001), S. 42.

[10] John Burnside, ‹Dialect›, The Myth of the Twin (1994), S. 25.

[11] John Burnside, VII, ‹Self-portrait as Picture Window›, All One Breath (2014), S. 13.

[12] John Burnside, ‹Annunciation with a Garland of Self-Heal›, The Good Neighbour (2005), S. 33-35 (S. 35).

David Borthwick: Poesie als Ökologie. Einführung im Rahmen der Internationalen Autorentage zu John Burnside (17. - 19. Oktober 2014). Übersetzt von Iain Galbraith.

 

 

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