Was wir von Häusern wissen – der Lyriker John Burnside

Das schöne und Einzigartige an den alljährlich stattfindenden Schwalenberger Autorentage  ist, dass uns ihr breit gefächertes Programm die Möglichkeit bietet, ein umfassendes Bild von der Besonderheit des jeweiligen Autors oder der Autorin zu gewinnen; zu erkennen, was sie bewegt, wonach sie streben und forschen, welche Entdeckungen sie gemacht haben, die Tiefe und Reichweite ihrer Ideen auszuloten und die Vielfalt der von ihnen gewählten Formen künstlerischen Ausdrucks zu erleben. In John Burnsides Fall ist diese umfassende Perspektive besonders bereichernd, denn wenn wir von John Burnside, dem Dichter, dem Romancier, dem Essayisten, dem Erzähler, dem Kritiker und – nicht zuletzt – dem Autor schonungslos unverhüllter Lebenserinnerungen sprechen, geht es uns ja definitiv nicht um die Vielstimmigkeit verschiedener John Burnsides, die eine postmoderne Beliebigkeit transportieren. In den nächsten Tagen haben wir vielmehr die Gelegenheit, die Modulationen einer einzigen Stimme zu würdigen, eine uneingeschränkte Vision, ein vielschichtiges Forschungsprojekt, das eine mediale Vielfalt nutzt, um greifbar darzustellen, was Burnside in einem Essay über das Dao-Gedankengut die ‹emergent order› (also entstehende oder vielleicht freiwerdende Ordnung) genannt hat, ein Phänomen, das, wie er ausführt, ‹ziemlich überall im System› auftaucht und ‹der Textur der Realität inhärent› ist.

 

Wenn wir Ordnungen als statische, unzugängliche oder repressive Systeme auffassen, die uns von oben oder von außen durch autoritäre Pädagogen, Staaten, Gott oder Götter, etablierte Religionen, Hierarchien, Diktatoren und Parlamente auferlegt werden, kann die Ordnung, die John Burnside in seinem Werk sucht und reflektiert, paradox klingen: Sie ist, wie er sagt, eine spontane Ordnung: als ob – so erklärte er -, ‹die Realität ein endloser Drahtseilakt wäre und das Universum unentwegt Berichtigungen vornehme, um nicht vom Kurs abzukommen.› Sei es in der Lyrik, in der Prosa, in der Musik, in der Politik, im sozialen Kontext oder in der Welt der Natur, deren Teil das menschliche Tier ist – die Ordnung, die John Burnside meint, ist eine welterschaffende und vor allem eine, die sich ständig in statu nascendi befindet (ein Ausdruck, der – nebenbei bemerkt – sowohl von Paul Valéry als auch von Paul Celan benutzt wurde, um das Flüchtige und Mysteriöse der freiwerdenden oder entstehenden poetischen Sprache zu beschreiben).

 

Die thematische Variationsbreite von John Burnsides Werk umfasst europäische Philosophie, erzählende Prosa, fernöstliches Gedankengut, Weltkultur von Shakespeare bis hin zu der Songschreiberin und Sängerin Etta Jones, Lyrik einschließlich der mittel- und südamerikanischen und der spanischen (etwa Dichter wie Federico García Lorca, Antonio Machado, Jorge Guillén und Octavio Paz, die dem jungen Dichter John Burnside wichtige Anstöße gaben); auch ökologische und politische Literatur von seinem frühen ökologischen Mentor Paul Shepard bis hin zu in Großbritannien weniger bekannten amerikanischen Essayistinnen wie Kathleen Dean Moore. In den vergangenen Jahrzehnten setzte sich John Burnside zudem immer wieder nicht nur für die beiden US-amerikanischen Lyriker, die wir heute hier begrüßen dürfen – Allison Funk und Robert Wrigley, deren Dichtung ich und sicherlich viele andere britische Leser erst kennenlernte, als John auf sie aufmerksam machte, sondern auch für kanadische und amerikanische Lyriker und Lyrikerinnen wie Karen Solie, Brigit Peegan Kelly, Linda Gregerson, Lucy Brock-Broido, Nick Lantz, Alan Shapiro und Jorie Graham.

 

Es kann gar nicht genug hervorgehoben werden, wie prägend und effektiv John Burnsides Eintreten für die nordamerikanische Dichtung gewesen ist. Seine Essays und Rezensionen und die häufige Erwähnung verschiedener Dichter hatten einen starken Einfluss auf die Rezeption amerikanischer Lyrik in Großbritannien. Diese neuere Rezeption amerikanischer Lyrik und ganz allgemein der Weltlyrik hat auch für immer die Parameter verändert, die für die britische Lyrik maßgeblich sind. In einem Essay (‹Mind the Gap›, 2006), das sich u.a. auch auf das Werk von Robert Wrigley bezieht, schreibt Burnside:

 

Die zeitgenössische US-Lyrik hat, wie mir scheint, eine Methode – ein Aufzeigen des Reflexionsprozesses, die Enthüllung einer provisorischen, unaufhörlich im Wandel begriffenen inneren Dialektik –, die der Großteil der britischen Lyrik nicht beachtet, von dem Irrglauben geleitet, es sei besser, solche Dinge ganz zu vermeiden, um keinerlei Sentimentalität oder Prätention zu riskieren.

 

Für diejenigen, die bereits mit John Burnsides Lyrik vertraut sind, wird es nicht schwer sein, selbst aus dieser kurzen Passage den Schluss zu ziehen, dass sein Eintreten für die so definierte US-Lyrik Hand in Hand geht mit einer Überprüfung der Suchbewegungen und der fortgesetzten Realitätsbefragung seiner eigenen Gedichte: ein Aufzeigen des Reflexionsprozesses, die Enthüllung einer provisorischen, unaufhörlich im Wandel begriffenen inneren Dialektik – man könnte sich schwerlich eine angemessenere Beschreibung von Burnsides eigener unablässiger Untersuchung der Entstehung und Darstellung freiwerdender Sprache und Gedanken, das heißt auch der sinnlichen Herausbildung von Welt. Denn für John Burnside heißt Dichtung die Welt erschaffen. Sie ist, wie er in einem Essay über einen anderen amerikanischen Lyriker, Wallace Stevens, schreibt, ‹ganz wörtlich das Lied der Erde.› In diesem ökologischen Sinn ist sie auch (und ich weiß, David Borthwick wird uns morgen an seinen inspirierenden Ideen zu John Burnsides ‹Poetry as Ecology› teilhaben lassen) - sie ist also auch eine interventionistische Poesie, oder, wie er in seinem Wallace-Stevens-Essay schreibt: ‹Dichtung ist, wie wir uns die Welt vorstellen, und als solche ist sie nicht nur eine politische, sondern auch eine ökologische und ontologische Aktivität.›

 

Ist es ungewöhnlich, dass Dichtung als eine Art von Forschung dargestellt wird? Burnside hat seine lyrische Disziplin in seinem Aufsatz ‹Dichtung als Ökologie› in epistemologischen Termini als ‹eine Form von scientia› beschrieben, als eine ‹Technik, das Authentische einzufordern, eine Methode, das Reale wiedereinzusetzen› und als ‹einen lyrischen, sich langsam vortastenden Versuch zu verstehen und beschreiben, wie wir in dieser außergewöhnlichen Welt sinnvoll wohnen könnten›. Der charakteristische visuelle Aufbau vieler Gedichte John Burnsides – der Gebrauch von Lücken und Leerzeilen und abgestuften Zeilenbrüchen, Atempausen, die auch als Denkpausen oder Gedankenschrittsteine dienen können – weist klar auf Dichtung als Suchbewegung oder Forschungsreise hin, auf Lyrik als eine Art von Labor begriffen.

 

Wenn ich an die weit gestreuten Aktivitäten John Burnsides denke und insbesondere an seine Neigung, sich heterogenen Ideen, Dichtungen und Orten zuzuwenden, fällt mir ein, was Seamus Heaney über einen ganz anderen schottischen Dichter, Hugh MacDiarmid sagt. Sein enzyklopädisches Werk, so schreibt er, teile Ossip Mandelstams ‹Nostalgie nach Weltkultur›.  Aber "Nostalgie" ist ein merkwürdiges Wort: Genau genommen erfasst es den Schmerz im Verlangen nach Heimkehr (das griechische nostos) - Schmerz, weil das Zuhause unerreichbar ist und wahrscheinlich für immer bleiben wird. Wenn es etwas gibt, was die Erfahrung allen Exilanten lehrt, so ist es, dass die Rückkehr zu einem früheren Lebensort, zu der Person, die man dort war, unmöglich ist; es gibt nur den Weg nach vorn zu einer Veränderung, einem Neubeginn - und sei es auch an demselben Ort, den man einmal verlassen hat.

 

Aufbruch und Heimkehr spielen in John Burnsides Werk eine große Rolle, und vielleicht sollte in diesem Zusammenhang das homerische Adjektiv polútropos nicht unerwähnt bleiben. Einer der Epíthata des Odysseus, bezeichnet es den ‹vielwendigen›, unsteten Mann vieler Reisen, Listen und Geschichten - und damit den Mann also, dessen Missetaten und extreme Erfahrungen unter fernen Zivilisationen und nicht-menschlichen Wesen ihn verändert, heimatlos gemacht haben. Um den oikos, die Heimstätte, wiederzuerlangen, heimwehkrank, erfindet er schließlich, oder ordnet er, die ersehnte Heimat neu - und zwar mit einer Wildheit, die zeigt, was aus ihm geworden ist: Wie so viele der Heimkehrer in John Burnsides Gedichten, ist er nicht mehr der Mann, der er einmal war. Wir wissen nicht, was mit Odysseus nach seiner Rückkehr geschieht, oder ob er, wie der blinde Sänger Tiresias es ihn riet, mit einem Ruder auf der Schulter von Stadt zu Stadt zog und erst, als er ein Volk fand, dem das Meer unbekannt war, das Ruder in die Erde steckte und damit ein neues Leben als Bauer-Siedler und dank der Erfahrung, die er mitgebracht hatte, als Fremde unter Fremden begann. In einigen englischen Übersetzungen nennt ihn Penelope ‹Fremder› (strange man), und er beschreibt sie als ‹fremde Frau›. Und vielleicht ist es eine Fremdheit, die sogar die genaue Kenntnis des Hauses und des Bettes, die er auf Ithaka hat wachsen lassen, überlebte.

 

Das ständige Sich-Neu-Ordnen der Realität, diese ‹wechselhafte innere Dialektik›, die die Rückkehr, dieser ritorno in patria des veränderten Reisenden mit sich bringt, und für das man vielleicht den ökologischen Terminus des rewilding entwenden könnte (also wortwörtlich: wieder wild oder Wildnis werden lassen), ist ein wesentliches Merkmal der Poesie von John Burnside. Die Suche nach ‹Home› setzt für Burnside ein kontinuierliches, planetarisches Wohnen-Lernen voraus. Nichts ist gegeben oder Privileg der Geburt oder der Tradition. Wer ‹Heimat pflegt›, pflegt auch in positivem Sinn ein sinnvolles Scheitern: Er oder sie setzt aktiv das Nicht-Erfassbare, das Wilde frei, und gerade dort, wo ein Mensch, wie Burnside in einem Gedicht schreibt, ‹den weiten Himmel und die Felder kenn[t]›, erkennt er auch sein eigenes Anderssein: Dort, wo er ‹home› sucht, lernt er die fremde ‹Präsenz des Ungesagten› zu schätzen. Man könnte vielleicht sagen, seine Dichtung erforscht, imaginiert, was aus Odysseus nach seiner Rückkehr geworden sein könnte. Oft bringen die Sprecher seiner Gedichte eine mysteriöse Fremdheit, ein seltsames Rätsel von ihren Reisen und Ausflügen mit, das alles, was sie einmal wussten, so sehr in Frage stellt, dass sie sich ‹im Ungewissen›, ‹ausgeraubt›, ‹verloren› fühlen, wie es am Schluss des Gedichts ‹De Anima› heißt (aus The Good Neighbour, 2005), oder das sie, wie jener ‹listige› Odysseus, als sine qua non des Neubeginns, des Weiter- und Überlebens erkennen: ob in der Liebe, in der Politik oder im Lied der Erde.

 

Ich möchte zum Schluss noch ein paar Zeilen aus John Burnsides längeres Gedicht ‹Epithalamium'›vorlesen, das sich u. a. an ‹die Geschichte eines Mannes› erinnert, ‹der an einem hellen Nachmittag / das Dorf verließ / in Hemdsärmeln fortwanderte und nie zurückkehrte›. Es scheint zu beschrieben, was Odysseus von Häusern und Betten wusste. Ein ‹Epithalamion› letztlich - ein Lied für das Brautgemach.

Doch Zuhause gehört auf See: der Hauch von Salz,

jener Geruch von Haut und Regen

                                                 - das Wenige,

das wir von Häusern wissen, lernten wir

von Sirenen: über neu gelegte Rasen wandeln

und die Blumen mit Namen besingen: Zaubern,

um sie wahr zu machen

Iain Galbraith: Was wir von Häusern wissen. Einführung zum lyrischen Werk John Burnsides im Rahmen der Internationalen Autorentage zu John Burnside (17. - 19. Oktober 2014).

 

 

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