Animistische Erinnerungen: Beiträge zur Wieder-Heiligung von Europa

Consult the genius of the place in all;

That tells the waters or to rise, or fall …

Now breaks, or now directs, th' intending lines;

Paints as you plant, and, as you work, designs

 

Befrage den Geist des Ortes in allem,

Der dem Wasser befielt, zu steigen oder zu fallen …

[Er] bricht hier ab und leitet dort die geplanten Linien,

Malt wenn du pflanzt, entwirft, wenn du hantierst.

Alexander Pope: Moralische Versuche in vier Briefen an verschiedene Personen, IV

 

Das Genie ist der Fehler im System.

Paul Klee

 

Unter dem vorherrschenden konsum-kapitalistischen Paradigma stellt alles Land eine immobile, homogene Fläche dar – ein Niemandsland oder potentielles Bauland, das wertlos bleibt, bis es erschlossen wird. Für unsere heidnischen Ahnen hingegen war alles Land ein Ort – etwas Eigentümliches, Heterogenes, Beseeltes: Es hatte ein eigenes Wesen und war heilig. Der Ort war nicht nur ein Raum, in dem Dinge existieren konnten, sondern ein Theater verflochtener Call-und-Response–Impulse, sorgfältig gelegter Fährten und Duftfelder, Gesangszonen und Tötungsgebiete, reicher Flüsse, Durchgangsschneisen und Pfade der Ululation. Er bot den Lebenden sowie den Toten Zuflucht, auch unseren Schatten und Phantomen; er war Stätte der Geschichte und der Sterblichkeit, etwas, das wir lebendig halten konnten, indem wir ihn durchschritten, ebenso wie der Rötelmann in Thomas Hardys Roman Die Rückkehr die Egdon-Heide durchquerte. Orte waren Plätze, wo unsere Geschichten stattfanden, wo wir Kinder zeugten und Zeugnis ablegten; der Ort war es, wo all unserer Beziehungen geknüpft wurden und wo unsere Sterblichkeit täglich bestätigt wurde. Da das Kind von Natur aus ein Heide ist, haben viele von uns Ähnliches in der Kindheit gespürt: Wir waren, wenn nicht ‹Priester der Natur› (Wordsworth), so doch wenigstens ihre Druiden.

 

Heute, während wir der fortgesetzten Zerstörung und Schändung solcher Orte gegenüberstehen, möchte ich – auch wenn das fantastisch anmutet – folgende Behauptung aufstellen: Europa ist – oder könnte werden – das Bollwerk eines heidnisch-animistischen Raums, der, von seinem Sosein beseelt, die Grundlage eines aktiven Widerspruchs werden könnte, der sich gegen jene seelenlose, träge Unternehmermentalität richtet, die, nachdem sie die ‹letzten Grenzen› überwunden und verwüstet hat, sich nun für ein Endspiel rüstet, dessen mörderischer modus operandi die Auslöschung sogar jeglicher verbleibenden Vorstellung von ‹Ort› vorsieht. Anstatt des Ortes wird es nurmehr Räume oder Flurkarten geben, wo eine Palette von Lebensstiloptionen ausprobiert werden kann und wo alles nach seiner Übertragungsfunktion definiert wird: Präsenz als ‹Verhalten›, Brautwerbung als Mechanik, Land – samt allem, was davon lebt – als Ressource. Ich glaube – oder irre ich mich da etwa? – ich glaube, dass jeder von uns weiß, dass diese Vorstellung von Wirklichkeit ein unentbehrliches Zartgefühl außer Acht läßt, sie würdigt nämlich jene feinen Verschiebungen nicht, die im wechselseitigen Austausch von Pheromonen und anderen  Botenstoffen der Kommunikation zwischen einem Körper und dem nächsten – auch einem entfernten – dienen. Ich glaube, es ist uns allen klar, dass es bei der Demontage von dem, was hier unter ‹Ort› verstanden wird, um ein ausgeklügeltes Komplott handelt, dessen Ziel es ist, alles Land in Finanzwerte umzuwandeln. Doch wir scheinen uns entschieden zu haben, dass wir angesichts eines solchen Profitstrebens hilflos sind, oder wir sind vielleicht der Ansicht, sich mit den Vollstreckern dieses Strebens auseinanderzusetzen, wäre unmanierlich. Wir haben’s ja alle irgendwann einmal gehört oder gesagt: ‹Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist›, doch in unserer gegenwärtigen Lage ist das nicht viel anders, als Wasser zu nehmen, die Hände vor dem Volk zu waschen und zu sagen: ich bin unschuldig …             

 

‹Gebt dem Kaiser› ist ein guter Rat, solange Gott in seinem Himmel weilt und sich definitionsgemäß dem Machtspruch des Kaisers entzieht. Wenn aber die ‹höhere Gewalt› keineswegs außer Reichweite liegt, sondern sich im Diesseits offenbart – ich meine ‹die Natur›, unsere Bezeichnung für all das, was sich nicht auf eine von Menschen gemachte Vorstellung von Ordnung reduzieren und begrenzen läßt – dann ist sie, zumindest temporär, kaiserlichen Verheerungen ausgeliefert. Zwar stimmt es, dass dieser Planet verschiedene Eiszeiten überdauert hat; es stimmt auch, dass er früher einmal einer Feuerkugel glich, und ja, er wird sich eines Tages von den Verwüstungen erholen, die wir ihm bisher zugefügt haben … Doch nachdem ich das Glück hatte, in einem Wald von Mammutbäumen im Norden Kaliforniens zu laufen, nachdem ich unter einem klaren Nachthimmel in Gloucestershire einmal Dachsjunge vor ihrem Bau beobachten durfte, nachdem ich stundenlang auf der Suche nach Feldspechten und Cachaloten durch die Yatay-Palmen von El Palmar gelaufen bin, bin ich zu der naheliegenden Schlussfolgerung vorgestossen, dass der Kaiser nicht nur uns zuviel abverlangt, sondern dass seine Glanztage gezählt sind und er zu Fall gebracht werden muss: jetzt, sofort. Man könnte argumentieren, dass für manche Menschen mancherorts Mammutbäume, Dachse oder Feldspechten keine Seltenheit darstellen, sondern mehr oder weniger als selbstverständlich betrachtet werden, genauso, wie es dort, wo ich herkomme, große Schwärme von Kurzschnabelgänsen zu sehen gibt. Die Wahrheit ist aber, daß wir es uns nicht mehr leisten können, überhaupt etwas als selbstverständlich anzusehen, nicht einmal den gemeinen Spatz (dessen Londoner Bestand zwischen 1994 und 2008 um 60 Prozent zurückging) oder den Kiebitz, der in meiner Jugendzeit überall zu sein schien (zwischen 1963 und 2008 brach der Kiebitzbestand in England und Wales um ca. 50-80 Prozent ein). Grund der rückläufigen Zahlen: Mangel an wirbellosen Beutetieren für die Haussperlinge und, was den Kiebitz betrifft, veränderte Anbaupraktiken in der Landwirtschaft (z.B. die intensivierte Landnutzung, die den schlecht beratenen Zuschüssen für Entwässerungsprojekte folgte). Neue Zuschüsse für Biogasanbauflächen (etwa Mais) haben zur Zeit eine ähnliche Auswirkung auf die Vogelbestände in Deutschland. Laut Der Spiegel verschwinden Arten wie die Wiesenweihe und der Kiebitz, weil sie kaum noch Brutplätze finden können, während zwischen 2004 und 2010 über 90 Prozent des artenreichen Grünlands in einigen Gegenden Bayerns verschwunden seien, weil sie von Maisflächen ersetzt wurden.

 

Aber das, was ich hier sage, wissen wir doch alle, vermute ich. Einige denken, auf diese Dinge hinzuweisen, sei eine rein akademische Angelegenheit: Daniel Nocera zufolge seien die Menschen ‹beschissene Umweltschützer›, und in seinem hervorragenden, wenn auch beunruhigenden Buch The Conundrum (Das Rätsel, 2011) kommt David Owen zu dem Schluss: ‹Für wohlhabende Leute ist es ganz leicht auszusehen, als ob sie sich für Energie, Klima- und Umweltfragen einsetzten; wir müssen lediglich ein Hybridauto fahren, einheimisches Essen genießen (freilich machen wir für solche Produkte, die wir besonders gern essen, die aber nicht bei uns wachsen, eine Ausnahme), unser Akku-Ladegerät vom Netz entfernen und den Müll in zwei verschiedene Haufen trennen. Was sich aber zumindest bisher als unmöglich erweist, ist die Selbstverpflichtung, Schritte einzuleiten, die – global gesehen – zu einem wesentlichen, nachhaltigen Unterschied führen würden. Ist es uns denn wirklich egal? Das ist ja das Rätsel.› Im Grunde denke ich, dass es uns – als Individuen – nicht egal ist, aber Menschen, und ich meine auch jene, die als Individuen etwas taugen, neigen leicht dazu, sich faul, gierig oder einfach nachlässig zu gerieren, wenn sie in Gruppen auftreten. Oder wie Owen schreibt: ‹die Klemme, in der wir uns in Bezug auf Klima und Energiebedarf befinden, ist in Wirklichkeit eine globale Spielart der Tragik der Allmende›. Das ist aber noch nicht alles: Ein außerirdischer Besucher, auf die Erde gekommen, um unser Massenverhalten zu beobachten, käme wohl rasch zu der Auffassung: Wo zwei oder drei von uns versammelt sind, da geht die Sache auf jeden Fall schlecht aus. Dazu Garrett Hardin: ‹Alle rennen zielgerichtet in die Katastrophe, indem jeder seine allerbesten eigenen Interessen verfolgt in einer Gesellschaft, die an die Freiheit bei der Inanspruchnahme der Gemeingüter glaubt. Freiheit in der Nutzung der Gemeingüter führt zum Ruin aller›.   

 

Diesen Gedanken kennen wir aus den Werken der Dichter, insbesondere den von John Clare. Aber wäre es nicht wohltuend, in der Diskussion über das Allgemeingut über das Wehklagen hinauszugehen? Warum war denn das Gemeindeland für die Entstehung von England so wichtig? Ich finde es ermutigend, kühne Behauptungen wie diese von Paul Kingsnorth zu lesen, aus dem vor kurzem erschienenen Roman The Wake: ‹Wahrscheinlich war die normannische Eroberung und Herrschaft über England das mit Abstand katastrophalste Ereignis in der Geschichte dieses Landes. Sie brachte der englischen Bevölkerung Massaker, Hungersnot, verbrannte Erde, Sklaverei und Beschlagnahmung von Grund und Boden sowie eine neue Herrscherklasse, die häufig nichts als Verachtung für ihre neuen Untertanen zeigte. Erst 1399, mehr als drei Jahrhunderte nach der erfolgreichen Invasion von Herzog Guillaume von Normandie, bekamen die Engländer einen König, dessen erste Sprache Englisch war.› Weiter schreibt er: ‹Dies ist umso bedauerlicher, als die Auswirkungen der von Wilhelm durchgeführten Invasion uns noch heute belasten: Im England des 21. Jahrhunderts besitzt 1 Prozent der Bevölkerung immer noch 70 Prozent des Grundbesitzes. In der Tabelle der weltweit ungleichmäßigsten Verteilung von Grundbesitz steht England damit an zweiter Stelle nach Brasilien. Fraglich ist, ob dies heute so wäre, hätten nicht die Normannen vor fast 1000 Jahren für die Konzentration des Grundeigentums in den Händen des Königs und seiner Handlanger gesorgt.

 

Diese kühne Sprache brauchen wir, damit wir uns an etwas erinnern, das wir nie hätten aus den Augen verlieren sollen, und – tatsächlich weiß ich das immer noch genau – ich erinnere mich nämlich, wie ich als Kind einfach nicht verstehen konnte, wie die Menschen damit leben konnten, dass Land Besitz sein konnte und dass ein Mann oder eine kleine Gruppe damit machen konnten, was sie wollten. Gleichzeitig brauchen wir ebenso sehr die mäßigende Wirkung von Aussagen wie dieser, aus einem Aufsatz von Wendell Berry: ‹Bis wir begreifen, was das Land ist, stehen wir im Widerspruch zu allem, was wir berühren. Und um zu einem solchen Verstehen zu kommen, wird es notwendig sein, selbst heute, die Gebiete unserer Eroberung – die gerodeten und geräumten Felder, die großen und kleinen Städte, die Straßen – zu verlassen und in den Wald zurückzukehren. Nur dort kann ein Mensch die Stille und Dunkelheit seiner eigenen Abwesenheit begreifen. Erst von dieser Stille und dieser Dunkelheit umgeben, vermag er, einen Sinn für die Langlebigkeit der Erde wiederzugewinnen, für ihre Fähigkeit, ohne ihn zu gedeihen, für die eigene Unterlegenheit ihr gegenüber und seine eigene Abhängigkeit. Erst dann vielleicht, nachdem er diese Stille gehört und diese Finsternis gesehen hat, wird er zu Demut vor dem Ort finden und beginnen, ihn zu begreifen und von ihm zu lernen, was ein Ort überhaupt ist. Hört er erst einmal dessen Geräusche, nehmen seine Augen das Licht und die Farben wahr, riecht er die Dufte, so mag er wie nie zuvor in die Präsenz des Ortes treten, einen Platz finden und dort bleiben wollen. Wie die anderen Lebewesen des Ortes wird auch sein Leben in jenem Boden wachsen und einen eigenen Platz einnehmen. Er wird einer von ihnen sein – ihnen weder unwissend noch gleichgültig noch feindlich gegenüber –,  und so wird er am Ende Einheimischer. Das heißt, er muß in die Stille und Dunkelheit zurückkehren, um wieder geboren zu werden.› Zusammengenommen treten die kühne Behauptung und diese luzide Mahnung in eine Art von Spiel miteinander, dem eine neue Zukunftsvision entwachsen könnte: Erobern wir doch das Land zurück, nicht unseretwegen sondern seinetwegen, und wir könnten unseren Seelen eine Heimat wiedergeben. Kündigen wir den Vertag, der Besitz von Grund und Boden zuläßt, und wir könnten ein heidnisches Bewußtsein für das Land als Heimstätte zurückgewinnen, wo es ein Privileg wäre, sich als ‹gemeiner› Mensch zu fühlen. Verzichten wir auf unsere jämmerlichen ‹Entwicklungsprojekte›, und wir könnten unseren eigenen Platz finden und einen neuen, magischen Dauervertrag mit dem langen Leben des Ortes schließen, einem Leben, das auch uns einschließt, aber nicht nur uns gehört. Lassen Sie mich zum Schluß wieder Alexander Pope zitieren, und zwar ein letztes Wort zum Geist des Ortes und zu den Systemen aus seinem Gedicht ‹Vom Menschen›:

 

From Nature's chain whatever link you strike,

Tenth or ten thousandth, breaks the chain alike.

And if each system in gradation roll,

Alike essential to th' amazing whole;

The least confusion but in one, not all

That system only, but the whole must fall.

Let Earth unbalanc'd from her orbit fly,

Planets and Suns run lawless thro' the sky,

Let ruling Angels from their spheres be hurl'd,

Being on being wreck'd, and world on world,

Heav'n's whole foundations to their centre nod,

And Nature tremble to the throne of God:

All this dread ORDER break -- for whom? for thee?

Vile worm! -- oh, Madness, Pride, Impiety!

 

Nimmst du aus der ries’gen Kette auch nur ein Glied heraus,

das zehnte, zehntausendste zerbricht der Kette ganzes Haus.

Und wenn jedes System im angemess’nen Schlusse fließt,

gleichsam sich als Teil zum Ganzen in seinem Flusse schließt,

der kleinste Fehler in einem Teile nur, nicht in allen,

und schon muss das große Ganze auseinanderfallen.

Lass die Erde aus der Balance ihrer Umlaufbahn flieh’n,

Planeten und Sonnen dann gesetzlos durchs All zieh’n.

Wenn ein Erzengel aus seiner Sphäre fällt,

Wesen stürzt auf’s Wesen, Welt auf Welt.

All die Angst – die Ordnung zerbricht – für wen? Für Dich?

Des Himmels Fundamente zu ihrem Zentrum neigen sich,

Natur erzittert bis zu Gottes Thron.

Oh Erdenwrum! – Torheit! Hochmut! Tiefstes Babylon!

(Ü.: Gerhard Baitinger)

John Burnside: Animistische Erinnerungen: Beiträge zur Wieder-Heiligung von Europa. Rede im Rahmen der Internationalen Autorentage zu John Burnside (17. - 19. Oktober 2014). Übersetzt von Iain Galbraith.

 

 

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