Zeichen setzen

Die Türen des Jahres öffnen sich,
wie die der Sprache, dem Unbekannten entgegen.
Gestern abend sagtest du mir:
Morgen gilt es, ein paar Zeichen zu setzen,
eine Landschaft zu skizzieren, einen Plan zu entwerfen
auf der Doppelseite
des Papieres und des Tages.
Morgen gilt es,
aufs Neue
die Wirklichkeit dieser Welt zu erfinden.

Octavio Paz

Blicken wir zurück, so war 2016 ein Jahr mit Erschütterung, Veränderung, großzügiger Unterstützung und trotz alledem ein Jahr der Literatur.

Dass das Wort die Zeitläufte und Wandlungen überdauert, zeigten Veranstaltungen zu zwei großen deutschen Dichtern: Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Manfred Osten sprach über Schillers Ästhetik und Ulrich Matthes rezitierte in seiner unverwechselbaren Art Schiller-Balladen. Unter dem Titel ‹Eine schöne Seele› lasen Marina Galic und Markus Hottgenroth aus Briefen der jüdischen Salonière Rahel Varnhagen zu Johann Wolfgang von Goethe und dessen Werk. Im Rahmen der Gedenkveranstaltungen zum 27. Januar führten Vortrag und Lesung ins ostgalizische Stryj: ‹Verloren in Galizien› dokumentierte Leben und Auslöschung der dortigen jüdischen Gemeinde und Helene Grass las u. a. Heinrich Bölls Erzählung ‹Der Zug war pünktlich›, in der die Fahrt des Protagonisten in Stryj tödlich endet.

Neben den Klassikern kam auch die junge Literatur auf die Bühne. Bereits zum dritten Mal lud das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe die NRW-Förderpreisträger für Literatur, in diesem Jahr die Lyriker Sina Klein und Gerrit Wustmann, ein; begleitet von jungen Jazzmusikern lasen sie im Bunker Ulmenwall in Bielefeld von narkotischen Kirschen und Streifzügen durch Istanbul. Für junge Besucher konnten die literarisch-sportlichen Camps für Kinder fortgeführt werden: Bei ‹Baum, Buch und Degen› kletterten an zwei Tagen 60 Kinder wie ihre Vorbilder aus Abenteuerromanen, von denen sie in Schauspielerlesungen zuvor gehört hatten, unter Anleitung in die Bäume oder übten sich im Bühnenkampf. Noch nicht einmal der Herbstregen konnte die Begeisterung aller Beteiligten bremsen.

Im 10. Jubiläumsjahr der Dorfgeschichten überzeugte die Schauspielerin Maria Schrader mit ihrer fein nuancierten Lesung aus Olga Grjasnowas ‹Der Russe ist einer, der Birken liebt›. Witz, Weisheit, Scharfsicht und Scharfsinn dieses ungestümen Romans beeindruckten die Besucher der beiden Abendveranstaltungen sowie die 200 Schüler des Stadtgymnasiums Detmold gleichermaßen. Die achte Meisterklasse der Akademie der Lesenden Künste widmete sich unter der Leitung des Autors Franz Josef Czernin, der Schauspielerin Silke Geertz und der Harfenistin Florence Sitruk den Märchen der Brüder Grimm. Auf der Burg Herstelle, auf der auch die Grimms einst zu Gast waren, lasen studentische Teilnehmer und Literaturinteressierte im Zusammenspiel der Künste ihre Kindheitstexte neu.

Senthuran Varatharajah, Rasha Khayat und Marica Bodrožić lasen in der Lesungsreihe ‹meine sprache verrutschte› von Menschen, die in der Hoffnung auf eine Ankunft im Anderswo aufbrachen. Traditionelle Märchen und Erzählungen wurden von Johann von Bülow, Simon Roden und Jeanette Hain im zweiten Teil der Abende vorgetragen. Und am zweiten Advent trafen sich viele, die aufgebrochen und unterwegs waren, ebenso wie die, die schon (lange) angekommen sind, zu einer zweisprachigen Märchenlesung auf Deutsch und Arabisch im Haus Münsterberg.

Mit der neuen künstlerischen Leiterin Iris Hennig und der Wahl eines neuen Vorstands unter Vorsitz von Ute Schäfer richtet das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe den Blick auf die Zukunft.