7. September 2018

Noi Orizonturi
Literarische Positionen in Europa: Rumänien

Unter dem Titel ‹Noi Orizonturi› widmet das Literaturbüro OWL vom 5. bis 7. Oktober 2018 ein Wochen­ende der zeitgenössischen rumänischen Literatur. Rumänien ist ein von sozialen, historischen und ethnischen Bruchlinien durchzogenes Land, in dem sich die Ablösung vom Kommunismus mit Gewalt vollzogen hat, das EU-Mitglied seit 2007 ist und das eine mehr schlecht als recht funktionierende Demokratie hat; und es ist ein Land, das schwer von zwei Diktaturen gezeichnet ist, die beide noch nicht aufgearbeitet sind. Im Konzerthaus und in der Alten Schule am Wall in Detmold werfen Lesungen sowie Gespräche Schlaglichter auf dieses zerrissene Land und stellen renommierte und neu zu entdeckende Autor*innen und Bücher vor.
Das Veranstaltungswochenende eröffnet Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am Freitag, 5. Oktober, um 19.30 Uhr im Konzerthaus Detmold. Im Gespräch mit dem Übersetzer und Herausgeber Ernest Wichner erzählt sie von der Kindheit in Rumänien, vom Erwachsenwerden und dem erwachenden politischen Bewusstsein, von den frühen Begegnungen mit der Literatur und den Konflikten mit der Diktatur des Kommunismus. Und sie liest aus ihren Werken ‹Mein Vaterland war ein Apfelkern›, ‹Atemschaukel› und ‹Vater telefoniert mit den Fliegen› – schickt in ihren Collagen einzelne Wörter auf die Reise und dichtet mit der Schere, erzählt vom Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg und berichtet von dem, was sie zum Schreiben gebracht hat.
Über die Vielfalt der jungen zeitgenössischen Literatur aus dem rumänischen Sprachraum geben am Samstag, 6. Oktober, ab 15.00 Uhr die Autor*innen Lavinia Branişte, Liliana Corobca und Flilip Florian in der Alten Schule am Wall Auskunft. Lavinia Branişte, geboren 1983, zeichnet in ihrem Debütroman ‹Null Komma Irgendwas› ein gnadenloses und präzises Porträt der rumänischen Gesellschaft von heute. Ihr Werk wurde nach seinem Erscheinen in Rumänien im Jahr 2016 zum erfolgreichsten Buch des Jahres. Eine einprägsame Geschichte aus der Sicht von Kindern, die in Moldawien am Rande von Mitteleuropa alleine zurückbleiben, schildert die 1975 geborene Schriftstellerin Liliana Corobca mit starken Bildern in ‹Der erste Horizont meines Lebens› und Filip Florians 2016 erschienener Roman ‹Alle Eulen› ist ein zauberhaft melancholischer Roman über Freundschaft und die Abendstunde der Erinnerung. Der Autor erzählt darin mit Sprach- und Fabulierlust die großen Geschichten zweier kleiner Leben in den Karpaten zur Zeit des rumänischen Totalitarismus. In Lesungen und in Gesprächen mit Georg Aescht und Ernest Wichner präsentieren die drei Autor*innen ihren ganz eigenen Blick auf Rumänien, der geprägt ist von unterschiedlichen Stoffen, Erzählweisen und Neigungen. Die Schauspieler*innen Marina Frenk und Vlad Chiriac, in Chișinău/Moldau bzw. Bukarest/Rumänien geboren, lesen die deutschen Textfassungen; musikalische ‹Intermezzi› mit Kompositionen von George Enescu und Béla Bartók – interpretiert von Verena Weber (Viola) und Thomas Curuti (Klavier), beide Studierende der Hochschule für Musik Detmold – verknüpfen die Lesungen.
Die Matinee am Sonntag, 7. Oktober, um 11.30 Uhr ist dem Aufbruch in der rumänischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dem erzählerischen Werk des rumänischen Schriftstellers Urmuz (eigentlich Demetru Demetrescu-Buzău) gewidmet. Frank Arnold, mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet, ist mit Auszügen aus Urmuz’ absurden und grotesken Kurzgeschichten zu erleben, die die rumänischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts präludierten und von Oskar Pastior kongenial ins Deutsche übertragen wurden. In ihnen werden die gesellschaftlichen Verhältnisse ad absurdum und die existenzielle Krise des Bürgertums vor Augen geführt. Mit den Texten im Wechsel sind Werke des rumänischen Pianisten und Komponisten Dinu Lipatti in der Interpretation der Pianistin Luiza Borac inszeniert. Sie zeigen die Entwicklung von Lipattis individueller Stimme und den Einfluss der Komponisten, die er spielte und bewunderte, wie Bach, Chopin oder Enescu.
Mit ‹Noi Orizonturi› wird die Reihe ‹Literarische Positionen in Europa› fortgeführt, sie ist an den Länderschwerpunkt der Leipziger oder Frankfurter Buchmesse angelehnt und fand im vergangenen Jahr erstmalig zur Literatur Frankreichs statt. In diesem Jahr wird sie durch die Kunststiftung NRW, das Deutsche Kulturforum östliches Europa, das Rumänische Kulturinstitut Berlin, den Landschaftsverband Lippe sowie den Verein der ‹Freunde & Förderer des Literaturbüros und des Literatur- und Musikfestes Wege durch das Land› unterstützt. Das detaillierte Programm ist unter www.literaturbuero-owl.de einzusehen.

Veranstaltungsorte
Freitag: Konzerthaus, Neustadt 22, 32756 Detmold
Samstag und Sonntag: Alte Schule am Wall, Paulinenstr. 19, 32756 Detmold (Eingang über H & S Residenz Hotel)
Eintritt
Tageskarte 5. Oktober 2018: 15 / 10 / 8 € (ermäßigt 12 / 8 / 5 €)
Tageskarte 6. Oktober 2018: 20 / 15 € (ermäßigt 17 / 12 €)
Tageskarte 7. Oktober 2018: 15 / 10 € (ermäßigt 12 / 8 €)

Abo: 45 / 30 € (ermäßigt 40 / 25 €)

 

Das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe in Detmold wird seit 1990 von einem gemeinnützigen Verein getragen, es wird gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Detmold, Landesverband Lippe und Kreis Lippe.

 

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