Literarische Positionen in Europa: Norwegen
Nordlichter - Nordlys

04. - 06. Oktober 2019
Alte Schule am Wall, Detmold

 

Manchen Zeitgenoss*innen gilt Norwegen als ein Paradies des sozialen Friedens und der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, sein Wohlfahrtsstaat als so etwas wie die beste aller Welten. Künstler*innen und Intellektuelle teilen diesen Enthusiasmus selten und sprechen, wie der Autor Terje Holtet Larsen, mit deutlichem ironischen Abstand von einem ‹erdölgesegneten, sozialdemokratischen Glücksland›, von einer Gesellschaft, die schon fertiggebaut sei, sodass man sich als Individuum geradezu überflüssig fühle.

Dies scheint jedoch nicht der schlechteste Nährboden für die Literatur zu sein, denn Autor*innen wie Karl Ove Knausgård, Nina Lykke, Hanne Ørstavik, Dag Solstad oder Maja Lunde sorgen international für Furore. Sie fügen sich damit in die Tradition eines vergleichsweise jungen Landes, in dem die Literatur schon immer ein privilegierter Ort war, gesellschaftliche Tugenden und Umbrüche, nationale Identität und Werte – aber auch bewusste Abweichung davon – zu reflektieren. Mit Henrik Ibsen und Nobelpreisträger Knut Hamsun hat Norwegen Portalfiguren der Moderne hervorgebracht, die bis heute weltweit beachtet werden. Sigrid Undset, 1928 ebenfalls mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, erlebt mit ihrem höchst eigenwilligen Standort gerade eine Renaissance und ist bei uns ebenso wie andere Autor*innen noch zu entdecken.

Freitag, 04. Oktober 2019, 19.30 Uhr

Vortrag und Lesung

Uwe Englert
Daniel Sträßer

   Gunnhild Øyehaug Deal
   Knut Hamsun Hunger
   Dag Solstad Scham und Würde

Der Vortrag des renommierten Skandinavisten und Übersetzers Uwe Englert gibt einen Einblick in die norwegische Literatur: Er fragt nach Traditionen, erinnert an die Literatur des sogenannten Modernen Durchbruchs und thematisiert wirkungsreiche Werke der letzten Jahre. Der Schauspieler Daniel Sträßer, designierter Tatort-Kommissar und ein ausgezeichneter Sprecher, liest korrespondierend Auszüge von Gunnhild Øyehaug, Knut Hamsun und Dag Solstad.

Knut Hamsun, gefeiert und heftig umstritten, debütierte 1890 mit dem Roman Hunger (übersetzt von Siegfried Weibel), der ihn schlagartig berühmt machte. In ihm schildert er radikal den körperlichen und seelischen Verfall eines jungen erfolglosen Schriftstellers in Kristiania. Dag Solstad gilt in Norwegen als prägende literarische Stimme. In seinem Roman Scham und Würde (1994, übersetzt von Ina Kronenberger) steht ein Studienrat im Mittelpunkt, der sich auf eine schmerzhafte Reise ins Innere seiner Existenz begibt. In ihrer 2004 erschienenen Novelle Deal (übersetzt von Elke Ranzinger)erzählt Gunnhild Øyehaug mit pointierter Sprache von einem jungen Mädchen, das seinem Leben und dem ‹verfluchten alten Linoleumfußboden› entfliehen möchte.

 

Pause ca. 20.30 Uhr, Ende ca. 21.30 Uhr

Samstag, 05. Oktober 2019, 14.00 Uhr

Lesungen und Gespräche

Nina Lykke Aufruhr in mittleren Jahren
Hanne Ørstavik Die Zeit, die es dauert
Lena Sabine Berg liest die deutschen Fassungen
Hinrich Schmidt-Henkel führt die Gespräche

Die zeitgenössische norwegische Literatur ist ebenso vielfältig wie lebendig, zwei Vertreterinnen dieses ‹goldenen Zeitalters› sind die Schriftstellerinnen Nina Lykke und Hanne Ørstavik.

Nina Lykkes wunderbar bissiger Roman Aufruhr in mittleren Jahren (übersetzt von Ina Kronenberger und Sylvia Kall) führt in einen Vorort von Oslo und zu einer Familie, die wie ein Räderwerk funktioniert. Doch Ingrid kann nicht mehr – die freudlose Ehe frustriert sie und von den halbwüchsigen Söhnen ist kein Trost zu erwarten. Als ihr Mann Jan eine Affäre beginnt, stürzt die bürgerliche Fassade ein: Ingrid zieht kurzerhand in ihr Auto und fühlt zum ersten Mal seit Langem eine tiefe Zufriedenheit. Mit glasscherbenklarer Sprache verpackt Nina Lykke die Sorgen des wohlhabenden Mittelstands in furchtbar komische Stereotype. Es ist ein lebensnahes Werk über die Unzufriedenheit hoher Erwartungen. Aufruhr in mittleren Jahren war in Norwegen eines der am meisten besprochenen Bücher des Jahres 2016 und gewann den norwegischen Jugendkritikerpreis.

Nur wenige Autor*innen vermögen zitternde Wut, brennende Intensität und zärtliches Verständnis in einer so nackten Sprache auszudrücken wie Hanne Ørstavik. Signe ist 30 Jahre alt und mit Ehemann und Kind aufs Land gezogen. Kurz vor Weihnachten, das die drei zum ersten Mal alleine feiern möchten, kommen Signes Eltern und ihr Bruder zu Besuch. Die Zeit, die es dauert (übersetzt von Andreas Donat) ist ein Roman, in dem das Licht im Dunkeln liegt und die Finsternis von Finnmark in die Gegenwart schwappt. Ein Roman über das Erzählen von Zeit und darüber, dass die Geschichten unseres Lebens immer in uns präsent sind. Hanne Ørstavik ist eine der profiliertesten norwegischen Gegenwartsautorinnen und wurde vielfach ausgezeichnet.
Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel führt die Gespräche mit den Autorinnen, die Schauspielerin Lena Sabine Berg liest die deutschen Textauszüge.
Pause ca. 15.30 Uhr, Ende ca. 17.30 Uhr

Samstag, 05. Oktober 2019, 19.30 Uhr

Lesung und Gespräch

Gard Sveen Die stille Tochter
Mechthild Großmann liest die deutsche Fassung
Antje Deistler führt das Gespräch

Als Staatsanwältin im Münsteraner Tatort brilliert Mechthild Großmann mit ihrer unnachahmlich trockenen Art, in Lesungen besticht sie durch ihre großartige Stimme: rauchig, warm und voll atemberaubender Tiefe. In Detmold lässt sie den selbstzerstörerischen Ex-Polizisten Tommy Bergmann aufleben, der in Die stille Tochter (übersetzt von Günther Frauenlob)einem Skandal auf die Spur kommt, der auch ihm selbst gefährlich werden kann. Gard Sveen, mit dem skandinavischen Krimipreis ausgezeichneter Autor, verbindet Politikthriller und Mordermittlung, ein Verschwinden im Jahr 1982 und einen Leichenfund in der Gegenwart, ebenso gekonnt wie spannungsreich. Durch den Abend führt die Moderatorin und ausgewiesene Krimispezialistin Antje Deistler.


ohne Pause, Ende ca. 21.00 Uhr

Sonntag, 06. Oktober 2019, 11.30 Uhr

Lesung mit Musik

Nellie Thalbach
   Sigrid Undset Frau Marta Oulie
Joachim Carr (Klavier)
   Werke von Edvard Grieg u. a.

Sigrid Undset ist eine der drei norwegischen Literaturnobelpreisträger*innen, 1907 debütierte sie mit Frau Marta Oulie (übersetzt von Gabriele Haefs) und schuf damit die ‹norwegische Madame Bovary›. Ihre Titelheldin fürchtet nach der Heirat nichts mehr als die spießbürgerliche Gemütlichkeit und beginnt ein Verhältnis; zwar beendet sie die Affäre, zerbricht aber an der Unmöglichkeit der Wiedergutmachung. Frau Marta Oulie ist das sorgfältige, mit sprachlicher Schlichtheit verfasste Protokoll einer schleichenden Entfremdung. Hinter der klaren Zuordnung von Recht und Unrecht schimmert das viel kompliziertere Spiel von Erwartung und Enttäuschung, von Überforderung und Älterwerden hervor. Die Schauspielerin Nellie Thalbach stammt aus einer Familie mit besonderer Sprecherbegabung, mit feiner Kunst führt sie in ihrer Lesung mitten hinein ‹in die Banalität einer verschleißenden Liebe› (FAZ). Der norwegische Pianist Joachim Carr hat sich in den vergangenen Jahren als einer der vielversprechendsten Musiker aus dem skandinavischen Raum etabliert und sorgte insbesondere durch seinen Auftritt mit Griegs Klavierkonzert für Aufsehen. Er begleitet die Lesung mit Klaviermusik norwegischer Komponisten.
ohne Pause, Ende ca. 13.00 Uhr

Karten und Information

Kartenpreise

Freitag, 04. Oktober 2019, 19.30 Uhr: 25 / 18 € (ermäßigt 20 / 14 €)
Samstag, 05. Oktober 2019, 14.00 Uhr: 25 / 18 € (ermäßigt 20 / 14 €)
Samstag, 05. Oktober 2019, 19.30 Uhr: 25 / 18 € (ermäßigt 20 / 14 €)
Sonntag, 06. Oktober 2019, 11.30 Uhr: 25 / 18 € (ermäßigt 20 / 14 €)
Abo (Fr. - So.): 80 / 56 € (erm. 72 / 50 €)

Ort
Alte Schule am Wall, Paulinenstraße 19, 32756 Detmold (Eingang über H & S Residenz Hotel)

Catering
Im Rahmen der Veranstaltungen können in der ‹MyWay›-Bar Getränke erworben werden, am Samstagnachmittag wird in der Pause auch Kuchen angeboten.

Kartenbestellung

Karten sind von Montag bis Donnerstag von 10.00 bis 17.00 Uhr und am Freitag von 10.00 bis 16.00 Uhr telefonisch unter 05231-30 80 210 oder per Mail an karten@literaturbuero-owl.de im Literaturbüro OWL erhältlich.

Plätze 
Die Plätze sind nummeriert und werden in der Reihenfolge der Bestellung vergeben. Rollstuhlplätze können bei Bedarf eingerichtet werden, bitte melden Sie diese bei der Kartenbestellung an.

Kasse
Die Kasse ist eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn besetzt.

Kartenrücknahme
Kartenrücknahme ist nur bei ausverkaufter Vorstellung zum kommissionsweisen Verkauf gegen eine Stornogebühr möglich. Programmänderungen sind nicht beabsichtigt, jedoch vorbehalten und berechtigen nicht zur Rückgabe der Karten.

Förderer und Partner

Das Literaturbüro Ostwestfalen-Lippe wird institutionell gefördert vom: