Buchauslese – Teil 16

»Was man von hier aus sehen kann« ist für Marlen Dettmer ein Roman, der gut tut inmitten von Inzidenzzahlen, R-Werten oder Einschwörungen auf harte Winter. In eingängiger Sprache und mit feinem Humor erzählt Mariana Leky von einem unbenannten, vom Zeitgeschehen wenig beeinflussten Dorf im Westerwald und seinen Bewohner*innen, die herzensgut, aber alle ein wenig verschroben sind. Und von einem Okapi.

Das seltsam anmutende Okapi schmückt das Buchcover, quasi als Leittier des Romans. Es zählt zu den letzten großen Säugetieren, die der Mensch entdeckt hat. Das Okapi ist »ein abwegiges Tier, viel abwegiger als der Tod, und es sieht vollkommen zusammenhangslos aus mit seinen Zebraunterschenkeln, seinen Tapirhüften, seinem giraffenhaft geformten rostroten Leib, seinen Rehaugen und Mausohren.« So beschreibt Luise, die fast allwissende Ich-Erzählerin das Tier, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts im zentralafrikanischen Regenwald erstmals beschrieben wurde und nun in den Träumen ihrer Großmutter Selma auf der Uhlheck, der Eulenwiese auftaucht. Und immer, wenn Selma von sich im Blümchennachthemd und dem Okapi träumt, stirbt innerhalb von 24 Stunden jemand aus der Dorfgemeinschaft. 

Unter den (Über-)Lebenden ist zum Beispiel der Optiker, der kleine Aufhocker auf seinen Schultern sitzen hat und die ihm zu- oder abraten, Selma seine langjährige Liebe zu gestehen. Oder die abergläubische Elsbeth, die sich beim Efeu entschuldigt, wenn sie es zurückschneidet, weil sie glaubt, es trage einen verzauberten Menschen in sich. Oder die mürrische Marlies, die ihr Haus am Eingang des Dorfes selten verlässt, was gut ist, denn »wenn hinterrücks Verbrecher ins Dorf einfielen, könnte Marlies sie mit ihrer schlechten Laune in die Flucht schlagen« – so glaubt es zumindest Martin, Luises bester Freund. Martin sagt jeden Morgen auf dem Weg zur Schule mit geschlossenen Augen auf, was draußen vor dem Zugfenster vorbeirauscht. Feld, Wald, Wiese, Weide. Bis sich kurz nach Selmas Okapi-Traum die Zugtür öffnet, an die sich Martin immer lehnt…

Die Autorin begleitet die Entwicklung ihrer Figuren über mehrere Jahrzehnte und arbeitet mit Rückblicken und Zeitsprüngen. Im ersten Teil ist die Ich-Erzählerin Luise zehn Jahre alt, im zweiten Anfang zwanzig und im letzten Teil um die dreißig. Im zweiten Teil begegnet ihr auf der Uhlheck kein Okapi, aber – annährend ebenso deplatziert – ein buddhistischer Mönch aus Japan, der im Westerwald eine Gehmeditation macht. Mit wunderschönen Augen und dem Namen Frederik. Mit Luises Fuß in der Tür und selbiger vor dem Kopf des Mönches beim Abschied beginnt eine scheinbar unmögliche Liebe zwischen dem Dorf im Westerwald und einem Kloster in Japan, die über eine lange Telefonnummer und über 700 Briefen wieder in Selmas Küche mit zu dünnen Bodendielen führt.

Der Titel birgt schon viel von dem in sich, was einem bei der Lektüre begegnet: »Was man von hier aus sehen kann« ist eben nicht umfassend, manches bleibt vom eigenen Standpunkt aus unerkennbar und ist nicht wirklich durchschaubar – und man lässt den Dingen dann am besten ihr Geheimnis. Denn schon das, was wir von hier aus sehen können, lohnt sich häufig viel mehr wahrgenommen zu werden: »Wir leben in einer herrlichen Symphonie aus Grün, Blau und Gold. Das sagte der Optiker manchmal. Wir lebten in einer malerischen Gegend, in einer wunderschönen, einer paradiesischen, so stand es auch in geschwungener Schrift auf den Postkarten, die der Einzelhändler auf der Ladentheke liegen hatte. Kaum jemand im Dorf aber nahm das wahr, wir übergingen und übersprangen die Schönheit, wir ließen sie rechts und links liegen, wären aber die Ersten gewesen, die sich lautstark beschwert hätten, wenn die Schönheit um uns herum eines Tages nicht aufgetaucht wäre.«

Sicherlich, »Was man von hier aus sehen kann« bewegt sich manchmal am Rand des Kitschigen. Aber die Gradwanderung ist gekonnt und mag es auch mal sentimental anmuten, so bleiben die Geschichten aus dem Dorf im Westerwald doch voller Geschmack und guter Schreibe. In einer Zeit, in der Kontaktreduzierung das Gebot der Stunde ist, ist dieser Roman eine kleine Schatzkiste der Mitmenschlichkeit, aus der man sich mit schönen Sätzen und Episoden beschenken kann.