Schmökern im Corona-Shutdown – Teil 10

MANCHMAL FÄLLT EINEM LESER EIN UNSCHEINBARES BUCH IN DEN SCHOß. VOR NICHT ALLZU LANGER ZEIT HAT CHRISTIN HARPERING DEN ROMAN « DIE DINGE » VON GEORGES PEREC GELESEN. ER ERSCHIEN ZUNÄCHST EHER WIE LEICHTE LEKTÜRE, ENTPUPPTE SICH DANN ABER ALS EIN TEXT, DER ES IN SICH HAT! DER LEICHTEN SPRACHE ZUM TROTZ ENTFALTET SICH AUF DEN 140 SEITEN EINE ERZÄHLUNG, DIE UNTER DIE HAUT GEHT UND DAS EIGENE HANDELN HINTERFRAGEN LÄSST.

Die Geschäfte haben wieder geöffnet und laden zum Konsumieren ein. Wir, die wir mehrere Wochen größtenteils in den eigenen vier Wänden verbracht haben, genießen unsere neue, alte Freiheit und erforschen die Regalbretter den Konsumtempel, Einzelhändler und Kaufhäuser. Der Glanz von neuen Dingen, die zu erwerben sind; das aufregende Gefühl des Kaufs; die Zufriedenheit, das neue Ding in die Wohnung zu tragen und ihm einen eigenen Platz zu geben. Wer nicht in die Läden geht, bestellt Dinge online. Sie werden bis zur Haustür geliefert – kontaktlos. Der Konsum, bzw. der Habitus des Konsumierens, wird durch unsere Gesellschaft und die Politik unterstützt und ermutigt.

Doch was passiert, wenn man sich im Konsum verliert? Wenn die Jagd nach dem nächsten Schnäppchen zum Kick wird? Wenn man sich allein durch die Anhäufung materieller Dinge identifiziert? Was passiert, wenn der Konsum zu Ersatzreligion wird?

Diesen Fragen stellt sich Georges Perec in seinem 1965 veröffentlichen Werk «Die Dinge». Die beiden Protagonisten Sylvie und Jérôme leben im Paris der 1960er Jahre. Sie arbeiten im Bereich der Marktanalyse, setzen sich also mit der Wirkung von Werbung auseinander – und sind ihr gleichzeitig vollkommen ausgeliefert. In ihrem Beruf verdienen sie relativ gut, arbeiten jedoch so unregelmäßig und wenig, dass sie immer wieder in finanzielle Nöte geraten. Für Sylvie und Jérôme ist die eigene Freizeit wichtig, obwohl ihre oberste Priorität bei der Akkumulation von Reichtum und dem daraus resultierenden, fortwährenden Konsum liegt. Hierin zeigt sich der Hauptkonflikt des Romans: Die Figuren kämpfen mit der Diskrepanz zwischen ihren Wünschen und der Realität. Darüber hinaus ist ihnen jeder Aufwand zu viel; sie wollen nicht für ihre Träume kämpfen. Sie versäumen „vor lauter Wünschen und Planen das Leben in der Gegenwart.“ Ihre Besitztümer verorten Sylvie und Jérôme in ihrem sozialen Umfeld: Ihre Freunde sind ebenfalls dem Konsumzwang erlegen. Wechselwirkend zwingen sich die Gruppenmitglieder dazu, ihre Zugehörigkeit zur Gruppe durch Statussymbole zu belegen. Sobald Sylvie und Jérôme ihren Lebensstandard verlieren, verlieren sie nicht nur die Anerkennung ihrer Freunde, sondern auch sich selbst. Der Verlust des Materiellen geht mit dem Verlust der Identität einher.

Nun, «Die Dinge» ist kein Lesestoff zum Wohlfühlen. Er bleibt für mich jedoch stets aktuell und wichtig. In der Einfachheit seiner Sprache lässt er sich zwar leicht lesen, bleibt durch die Schwere seines Stoffes aber lange im Gedächtnis und hat – zumindest bei mir – wie ein Korrektiv in meinem Konsumverhalten gewirkt. Mit welchen Dingen umgebe ich mich? Brauche ich sie wirklich? Und welchen subjektiven, tiefergehenden Wert haben sie für mich? Bin ich an Dinge so gebunden, dass ich mich durch sie identifiziere? Und wenn ja, wie finde ich das?