Schmökern im Corona-Shutdown – Teil 7

Der Roman »Das größere Wunder« von Thomas Glavinic wurde nach seinem Erscheinen 2013 hochgelobt und ebenso zerrissen. Marlen Dettmer gehört zu denjenigen, die das Buch mit Begeisterung gelesen haben.

Es ist eines dieser Bücher mit Sogwirkung, das auf zwei sich abwechselnden Handlungsebenen erzählt wird und man jedes Mal unwillig ist, wenn der eine Strang unterbrochen wird. Aber Thomas Glavinic schreibt so elegant fließend, dass es einen geradezu mitzieht und man im Handumdrehen wieder mittendrin steckt im jeweils anderen Setting. Und ja, dabei ist »Das größere Wunder« manchmal klischeebeladen und schwulstig – wie von einigen Rezensenten bemängelt – aber es ist eine Facette des Protagonisten Jonas, dessen Leben ansonsten aus so ziemlich allen vertrauten Rahmen herausfällt. Mit Jonas‘ Lebensgeschichte erzählt Thomas Glavinic ein modernes Märchen, bei dem man den Realitätsgehalt am besten nicht hinterfragt, sondern sich stattdessen einfach einlässt auf zahlreiche erstaunliche Episoden rund um den Globus, in der Todeszone des Mount Everest und eine alles umspannende Liebesgeschichte. Dann kann man eintauchen in ein Buch voller Erzähllust und absonderlicher Geschichten, in dem der Frage nach Sinn mit Unsinnigkeit nachgegangen wird und die großen Lebensthemen wie Angst und Freiheit, Einsamkeit und Liebe sich unter der schillernden Oberfläche ausbreiten.

Die Besteigung des Mount Everest durch den erwachsenen Jonas bildet die Rahmenerzählung. Es wird klirrend kalt und die Luft immer dünner – eine faszinierende Bergwelt breitet sich vor dem inneren Auge aus. Hieraus eröffnet der der Erzähler chronologisch und cliffhängerreich die Umstände, die Jonas dorthin geführt haben. »Vielmehr war die Erinnerung mit Gewalt über ihn hereingebrochen, und er befand sich nicht wirklich hier, vor seinem Zelt im Basislager jenes Berggiganten, der ihn schon als Kind auf geradezu unheimliche Art fasziniert hatte, sondern hatte sich ganz in sich zurückgezogen. Er dachte an den Weg, der ihn hierher geführt hatte, der ihn um die Welt getrieben hatte, der in einst in Südamerika auf Marie hatte stoßen lassen.« Von diesem Weg wird auf der zweiten Ebene erzählt:

Der hochbegabte Jonas (er spricht z. B. mehrere Dutzend Sprachen) wächst bei Picco, einem «Boss» genannten Alten auf, der scheinbar über unbegrenzte Ressourcen verfügt und in Mafia-Manier über allen Gesetzen steht. Inmitten des materiellen Überflusses wird Jonas immer rastloser auf der Suche nach sich selbst und dem, was fehlt. Nach dem Tod seines Ziehvaters erbt Jonas dessen Vermögen und macht sich damit auf eine weltweite Suche – auf die Suche nach dem größeren Wunder. Er fliegt nach Buenos Aires, um dort aufs Klo zu gehen. Er lässt sich ein mehrstöckiges Baumhaus im norwegischen Nichts erbauen. In Rom kauft er sich eine Wohnung, die er zwei Jahre lang nicht verlässt. In Hamburg wird er kurz drogensüchtig. Irgendwann gehört ihm sogar eine Insel im Indischen Ozean. Aber fündig wird er erst bei Marie – die er aber wieder verliert. So flieht er vor der Welt, mit seinem Aufstieg auf den Mount Everest steigt er ihr quasi aufs Dach.

Es sind zwei Fragen, die die Romanlektüre von Beginn an begleiten: wie haben Jonas und Marie sich verloren und werden sie sich wiederfinden? Zumindest diese beiden werden beantwortet. Viele andere Fährten und Geheimnisse die Thomas Glavinic in diese vielschichtige märchenhafte Erzählung einstreut, bleiben offen. Ganz nach Piccos Lebensmotto: »Antworten werden überschätzt«.