Ansichtssachen

3 Bilder, 24 Augen und 12 Texte mit Online-Präsentationen

»Das ist nun aber wirklich Ansichtssache!« Genau, wenn drei Fotos und 12 Autor*innen zusammenkommen, entstehen »Ansichtssachen«. Das Literaturbüro OWL hat 12 Autor*innen – aus der Umgebung und auch der Ferne – gebeten, sich von einem Bild literarisch inspirieren zu lassen und die entstandenen Texte in den sozialen Medien zu präsentieren. Zur Auswahl standen drei unterschiedliche Fotografien aus denen gewählt werden konnte: eine Videothek, ein Zugabteil und eine Bank am Meer.

In dieser Woche hat Erwin Grosche seine »Ansichtssache« präsentiert.
Lesen Sie seinen Text und sehen Sie seine Premierenlesung.

Mark Behrens, Nora Bossong, Ulrike Draesner, Que Du Luu, Nora Gomringer, Erwin Grosche, Thomas Gsella, Norbert Horst, Sabine Lipan, Karosh Taha, Christian Tielmann und Senthuran Varatharajah haben ihre Auswahl bereits getroffen. Lassen Sie sich in den nächsten Wochen überraschen, was für erstaunliche Perspektiven ein und dieselbe Ansicht eröffnet: Welche Figuren, Situationen, Orte und Stimmungen erwachsen sind und in welchen literarischen Formen sie »zu Papier« gebracht wurden.

Ab Mitte Mai laden die Autor*innen einmal pro Woche zur digitalen Premierenlesung ihrer Ansichtssachen und danach wird der Text hier auf unserer Website veröffentlicht. Jeweils montags informieren wir Sie an dieser Stelle welche*r Autor*in in der jeweils aktuellen Woche ihren / seinen Text vorstellt und wo im Netz Sie die Lesung verfolgen können.

Mit dem Projekt »Ansichtssachen« möchte das Literaturbüro OWL die lange Reihe der Absagen und Verschiebungen im Corona-Shutdown punktuell unterbrechen. »Frische« Texte inspirieren als gedrucktes und gesprochenes Wort die Leser*innen und die honorierte Arbeit bietet Autor*innen Wertschätzung und Unterstützung.

Texte

Zwei Worte. Eines kennen wir.
Eins, das man ungern schreibt
Und sagt und hört:
Mit diesem Wort benennen wir,
Wenn jemand bleibt,
Weil jemand geht,
Und jemand traurig und verstört
Im Regen steht.

Das zweite Wort sieht seltsam aus,
Doch weiß ich, wie es hieß.
Ich wurd schon immer klug daraus.
Denn als er mich verließ,
An jenem Jetzt, in jenem Hier,
Auf jener Bank, da saßen wir.
Dann ist er weggeschwommen.
Er hat uns sich genommen.

Und nichts mehr ist, wie’s mit ihm war.
Das ist ja das Gemeine.
Wir liebten und wir küssten K,
Er ließ uns alle leine
Und manche tränennass zurück –

Der Abschied ist ein schlechtes Stück.
Ich will nicht länger, dass ich schrie,
Und nicht mehr, dass ich weine:
Dorthin, wo K stand, schreib ich Zieh!
Hau ab! Geh weg! »Zieh leine.«
Und noch ein Komma (weil man’s tut):
»Zieh leine, Abschied«
So ist gut.

Keiner von uns hatte zielstrebig auf den Job als Zugbegleiter hingearbeitet. Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus gestrandeten Typen mit verworrenen Lebensläufen. Auf den Bahnsteigen und während langer Nachtfahrten hörte ich von meinen Kollegen einige tragische, viele überraschende und ein paar kuriose Lebensgeschichten, die aus Soldaten, Elektrikern, Kunsthistorikerinnen oder Bankkaufleuten Eisenbahner gemacht hatten.

Aber mit Schröder war das anders. Nie plauderte er mit uns, wenn wir auf den Zug warteten. Er sonderte sich ab, ging an seine Einstiegsposition an der Spitze des Zuges. Dort stand er allein, konzentrierte sich auf etwas, das nur er sehen konnte und kritzelte in seinem blauen Oktavheft herum. Wenn ein einsamer Lokführer ihn in ein bisschen Smalltalk verwickeln wollte, schwieg Schröder. Abgesehen von der Schweigsamkeit und der Tatsache, dass niemand außer Schröder noch Oktavhefte benutzte, waren es seine Ticks im Zug, über die die Kollegen ihre Witze rissen. Ich mochte diese Scherze nicht, denn Schröder hatte mich eingearbeitet und darum fühlte ich mich ihm verbunden. Aber seltsam war es schon, was er vor dem Betreten eines Abteils oder Großraumwagens vollführte. Er blieb immer kurz stehen, so als müsse er sich sammeln. Dann setzte er sein höflich-bestimmtes Zugbegleitergesicht auf und öffnete die Tür zu einem Abteil, wartete noch einen Augenblick und wünschte erst dann die Fahrkarten zu sehen. Balti behauptete, Schröder sei früher Opernsänger gewesen und müsse sich bei jedem kleinen Auftritt zusammenreißen, damit er nicht aus Versehen eine Arie quer durch den Wagen schmettere. Diese Erklärung hielt sich hartnäckig auf den Bahnsteigen und in den Dienstabteilen und Schröder wurde unter den Kollegen eine Zeit lang »Opern-Schröder« genannt.

Die Wahrheit erfuhr ich dank einer dieser Fahrten, die man nicht vergisst, weil der Job plötzlich eine Herausforderung wird, eine der Fahrten, in denen aus dem Zug ein Schutzraum und aus Reisenden Individuen werden. Es wird gelebt, geliebt, gescherzt und gestorben in Zügen und das machen sich die meisten Reisenden, die ja gerade nicht da sein wollen, wo sie sind, nicht bewusst. Ich war im Team mit Schröder und Filippa, einer Kollegin, die bekannt war für ihre Nach-Dienstschluss-Abenteuer im Hotel. In Wagen fünf saß eine Schwangere, die weder mit dem Platzen der Fruchtblase noch mit dem gleichzeitigen Blitzeinschlag ins Stellwerk kurz vor Aschaffenburg und dem Totalausfall des Zugverkehrs gerechnet hatte. An diesem Tag habe ich unendlich viel gelernt und dank einer zufällig mitreisenden Hebamme konnten Schröder, die Hebamme und ich, als wir nach Stunden endlich von der Diesellok in den Bahnhof Aschaffenburg geschleppt wurden, ein gesundes Baby und eine völlig erschöpfte, aber glückliche Mutter den Sanitätern am Bahnsteig übergeben.

Noch während wir wieder einstiegen, brachte ein Reisender, der sich für lustig hielt, uns die Frage entgegen, ob wir denn auch das Ticket des Babys kontrolliert hätten. Ich sah den Mann nur kurz an und murmelte: »Nun ist sie hin, die heilige Atmosphäre.«

Der Reisende verstand nichts, aber Schröder war wie elektrisiert. Er lächelte mir zu, als seien er und ich Mitglieder eines Geheimbundes. Diese scheinbare Intimität, ausgerechnet mit Schröder, hätte mich fast um das Hotel-Abenteuer mit Filippa gebracht.

Von dieser Fahrt an grüßte Schröder mich. Aber an seinem Verhalten änderte sich ansonsten nichts und sein vertrauliches Nicken brachte mir nicht viel, mal abgesehen vom Spott der Kollegen. Ich hätte ihn wohl ebenso wie viele andere schräge Vögel aus meiner Zeit als Eisenbahner vergessen, wenn mich nicht Jahre später, als ich der Eisenbahn längst den Rücken gekehrt hatte, mit der Nachricht von Schröders Tod eine Schachtel erreicht hätte, auf der mein Name stand. Darin lagen zweiundvierzig vollgekritzelte blaue Oktavhefte. Schröders Neffe schrieb mir, dass er die Schrift seines Onkels nicht lesen könne und keine Verwendung für dieses Zeug habe. Ich brauchte Monate, um Schröders Notizen zu verstehen. Dann aber trat mir sein Plan klar vor Augen. Er hatte all die Jahre im Zug wie ein Wissenschaftler an seinem Thema, der Atmosphäre beim Bahnfahren, geforscht. In Schröders Oktavheften fand ich Seiten voller Beschreibungen aller möglichen Stimmungen auf dem Bahnsteig vor Ankunft des Zuges. Er beschrieb die Gesichter der Wartenden, notierte minutiös die Atmosphäre während des Einstiegs: Diese knisternde Spannung zwischen den Reisenden, die gestresst sind wie junge Hunde, bis sie endlich ihren Platz haben, den sie dann, auch darin jungen Hunden durchaus ähnlich, gegen Angriffe aller Art verteidigen. Schröder hatte auch die Unterschiede der Atmosphären notiert, die zwischen zwei vollbesetzten Wagen herrschen konnten, wenn in dem einen sieben mittelalte Frauen saßen, die sich vorgenommen hatten, ihrer guten Laune mit Alkohol auf die Sprünge zu helfen. Drei ganze Hefte beschäftigten sich ausschließlich mit der Frage, ob jeder, der in einen Zug steigt, seinen Anteil an Atmosphäre schon mitbringt, oder ob wir uns alle unmittelbar nach dem Einstieg spontan der sozusagen vorgefundenen Atmosphäre anpassen?
Schröder war keiner von uns. Er war zwar Zugbegleiter, aber nicht wie wir aus Not oder Zufall. Er war Zugbegleiter aus wissenschaftlicher Passion.

Methodisch wäre er aber fast an der Türschwelle gescheitert. Denn die reine Beobachterperspektive, die er einnehmen wollte, gibt es für Zugbegleiter nicht. Daher war er stets auf der Suche nach dem gewesen, was er »den kurzen Augenblick des menschlichen Vakuums« nannte, der seiner Meinung nach für Millisekunden entsteht, wenn jemand einen Raum betritt. In diesem Vakuum war, so Schröders Theorie, unverfälschte Beobachtung möglich. Auf dieses Vakuum hatte er sich immer konzentriert. Darum hatte er sich von allen abgesondert und so merkwürdig verhalten, wenn er ein Abteil betrat.

Den viel zu langen Titel dieser niemals vollendeten Arbeit legte er dreiundzwanzig Jahre vor seinem Tod, am Tag unserer Aschaffenburg-Episode, fest: »Nun ist sie hin, die heilige Atmosphäre. Über die Entstehung des menschlichen Einander durch die Begrenzung von Zeit und Raum.«

Malachi Mulligan
nennt die See
die rotzgrüne
die graue liebe
die große liebe
die mächtige
Mutter

nun liegt sie ruhig
und einsam da
auf der Bank ein Abschied
der keiner weil alleine war

wir sangen das Lied
vom Leben und vom Tod
mit und ohne Wiederkehr
und linsen nun durch Linsen

doch

mit dem blicklosen Blick in die Köpfe
mit der Einsicht des Mr. James Joyce
lernten wir wie die Blinden
was eigentlich Sehen heiße

leises Rauschen
Wind regt sich
eine Möwe klagt
sonst Stille

Ganz Oxford ist unterhöhlt. Das weiß kaum jemand, alle laufen auf den Straßen herum, schon da staunt man zur Genüge. Die Wege sind alt, oft eng, Mauern, heller Sandstein, Gärten mit englischen Rasen, hohen Bäumen. Studentinnen fahren auf Rädern vorbei, drängen sich am Dönerwagen, Lebendigkeit. Und dies inmitten der mittelalterlichen Anlage der Stadt mitsamt ihren noch spürbaren und allemal sichtbaren Strukturen des Lernens in klösterlichen Gemeinschaften, durch Lektüre, Gespräch, Kommentar und Zusammenleben. Wie ich darauf jetzt komme?

Weil es mir fehlt.

Und weil ich keine Filme mehr ansehen möchte.

Weil ich, im Blick auf eine Videothek, zu viel Glänzen in die Augen bekomme und zugleich denke, wie überholt es ist, Filme für Videorekorder auszuleihen.

Wie anders das alte Medium Buch. Ziemlich gut erfunden. Einfach zu bedienen: Es reicht der menschliche Körper. Ziemlich zeitresistent, dieses Medium.

Durch eines der Oxforder Colleges läuft eine Mauer – sie war Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Gotische Kapellen, die Kleinkathedralen sind, mönchische Höfe, Speisesäle, Krypten aus angelsächsischer Zeit. Gleich neben der High Street ein Friedhof mit Grabsteinen, die 800 Jahre alt sind, daneben Architektur aus dem 17. Jahrhundert, geometrisch, perfekt, theatral. Man baute hier, als wollte man überall den Himmel beobachten. Vor allem aber errichtete man die Bodleian Library, eröffnet 1602. Als ich 1983 als Studentin nach Oxford kam, musste ich zunächst, wie alle, schwören, dass ich nicht die Absicht hegte, die Bod in Brand zu setzen. Damals gab es noch, wenn ich mich recht erinnere, Führungen in den Untergrund der Bibliothek. Auf Einladung. Ich selbst betrat das unterirdischen Buchtransportsystem der Bod nie, aber wenn man es sich als moderate Version des Transportsystems in der Harry Potter Bank Gringotts vorstellt, liegt man nicht ganz daneben. Die gesamte Stadt untertunnelt ein Mäusesystem dunkler Gänge für kleine Wagen, ein Bergwerk nicht für Kohle, sondern für Bücher. Menschen, die ich mir klein, alterslos alt und gebückt von der nie endenden Arbeit vorstellte, standen an den Ein- und Ausgängen der Buchschächte und beluden Loren, scheppernde Wagen, die automatisch auf schmalen Schienen dahinsausten. Nicht ganz unähnlich den Teewagen in Buckingham Palace, versteht sich, mehrstöckig jedenfalls und reich mit Büchern bestückt. Und vielleicht der ein oder anderen Teekanne – in England ist das nicht auszuschließen. Die Bodleian hatte bereits damals 23 weitere „Austrittsorte“, also Teil-Bibliotheken. Man stellte, wenn ich mich recht entsinne, gerade auf vollautomatische Förderbänder um, wie in einer Autofabrik, die alle Bibliotheken miteinander verbanden, ein unterirdischer Flughafen für Bücher, mit Lichtschranken an Abzweigungen und Kreuzungen, um dem einen oder anderen Werk Vorfahrt zu geben. Schrankgroße Computer sollten das System steuern. Oberirdisch hätte der Buchverkehr die Stadt so verstopft, dass neben den Studierenden keinerlei Touristen mehr Platz gefunden hätten, und das ging gar nicht.

Orte wie das Tunnelsystem des gelehrten Oxford kann man sich eigentlich nur vorstellen. Aber bevor ich lange erzähle, warum Harry Potter allein in England erfunden werden konnte und dass J.K. Rowling vielleicht weniger erfinden musste, als man gemeinhin, sprich aus einer deutschen Welt heraus, annehmen würde, möchte ich zugeben, warum ich damals gar nicht erst versuchte, eine Führung in die Unterwelt zu bekommen. Heute laufen die unterirdischen Förderbänder längst automatisch, ein Computer, klein wie eine Schachtel, steuert das System, und an seinen Ein- und Ausgängen stehen speiseautomatenähnliche Geräte, die Bücher verschlucken (statt Geld) und Bücher ausspucken (statt Snacks oder Softdrinks). Die Bibliothekseingänge wirken verweist, ein Chip öffnet die Tür, den Buchautomaten, die nächste Tür. Lichtschranken, Regeln. Aber für die Bodleian muss man noch immer schwören, kein Pyromane zu sein und dann sitzt man, hat man Glück, sprich einen Platz ergattert, in einem der Reading Rooms unter der hohen, mit Gold eingelegten und reichen Mustern bemalten Kassettendecke. Das Holz, die Strukturen der Regale, das alte Papier. Damals, als Studentin, hatte ich das Gefühl, nicht hinunterschauen zu wollen in den Raum der Magie – den endlosen Strom der Bücher. Zum einen schienen derartige Räume noch immer vorrangig für Männer gemacht – in den Büchern, die ich kannte, wie etwa Michael Endes Unendlicher Geschichte, waren es immer nur Jungs, die als Buchfreaks erschienen und Helden wurden. Mädchen gerieten bestenfalls wie Alice in Welten mit seltsamen Hasen, Königinnen und Katzen. Das war ebenfalls in Oxford worden, aber ich mochte es schon als Kind nicht. In der Bibliothek des Ortes, in dem ich aufgewachsen war, hatte ich immer Angst gehabt, die Bücher würden mir ausgehen. Es war auch passiert, und ich hatte viele ein zweites Mal gelesen. In Oxford endlich konnte ich aufatmen, was das anging. Anders als einen Kommilitonen, der schrecklich fand, dass die Bücherwelt und das Lesen so viel größer waren als das eigene Leben, beruhigte mich eben dies. Weit steht, was in Büchern steht, nein, wartet – auf uns – über uns in Raum und Zeit hinaus. Wenn ich in einer Bibliothek sitze wie der Bod, befinde ich mich im Körper eines alten Wesens. Wie viele Menschen sind bereits durch diese Gänge gegangen. Welche Hände haben mein Buch vor mir gehalten?

Ich sitze unter einem Sternenhimmel aus Wissen und Beobachtung. Ich spüre die Zeit – in einer der Collegebibliotheken las ich in einer frühen Naturkundeschrift aus dem 16. Jahrhundert – berührte, mit Handschuhen, den großen Band nicht nur, sondern roch ihn, spürte sein Gewicht, sah die Kommentare an den Seiten in ihren unterschiedlichen Handschriften, tauchte ein in eine vergangene, doch mit uns verbundene Welt. Da fühlte ich mich gehalten in der Zeit, gerade so klein wie ich war, ein Knoten in einem Netz.

Diese Gedanken erhalten einen eigenen Twist in Zeiten wie der jetzigen. Bücher, zeigt sich, sind eine ungefährliche Weise der intimen Kommunikation. Zumindest soweit Viren betroffen sind. In der Bibliothek sitzen wir im Augenblick eher nicht. In Oxford liegen die bestellten Bücher auf ihren Förderbändern und warten. Manche werden andauernd herumgefahren, andere liegen lange Zeiten still. Schlägt man sie auf, kommt man virenfrei in Kontakt mit einer Gedanken- und Gefühlswelt von wo-auch-immer, von fernnah, fernwo. Wenn ich einen Bibliotheksgang voller Bücher sehe, denke ich an die Wege, die sich hier kreuzen, sowohl der konkreten Bücher als auch ihrer Inhalte. Wie tröstlich unentwirrbar sie miteinander verbunden sind. Unter uns kreisen weitere Bücher, die wir nie sehen werden, nie berühren, und über uns die Sterne und zittern ein wenig in ihren Bahnen. So, dass wir sie lesen wollen.

»Äih, Ali!« Es würde Ärger geben, das war in dem Moment klar gewesen, als sich die beiden am Tisch auf der anderen Seite des Ganges in die Sitze fallen ließen. Auch auf die Entfernung hatte Halil sofort den Biergeruch wahrnehmen können, was die Sache nicht besser machte. Sein Vater hatte ihm da noch mit geschlossenen Lidern und gefalteten Händen gegenüber gesessen. Nach einer sachten Berührung unter ihrem Tisch war dessen Blick Halils leisem Wink gefolgt, von dem er hoffte, dass die beiden den nicht mitbekamen. Danach hatte sein Vater seine Sitzposition verändert und war wach geblieben.

 

Sonst war der Wagen fast leer, nur zwei Reihen weiter tippte noch ein Anzugträger auf seinem Tablet, und dahinter blickte ein junger Mann mit weißen Stöpseln in den Ohren aus dem Fenster. »Bloß weg hier«, war sein erster Gedanke gewesen, aber Halil hatte überlegt, ob es klug war, den Platz zu wechseln, einfach so. Bis zum nächsten Halt dauerte es noch, die beiden hätten es darum genau richtig verstehen können. Er hatte sich dafür entschieden, gelangweilt aus dem Fenster zu sehen und das für eine gute Idee gehalten. Als von den beiden länger nichts zu hören gewesen war, hatte er einen Augenblick gehofft, dass das Bier wirke und die Rechnung aufginge. Das war ein Irrtum gewesen.

 

»Äih, Ölauge.« Halil zeigte keine Reaktion. »Schwattkopp, ich sprech‘ mit dir.« Der Dickere der beiden langte jetzt über den Gang und stieß Halil an der Schulter, der Hagere grinste feindselig. Beide hatten die Haare an den Seiten anrasiert, und der Grinser trug eine Basecap mit einer weißen »88«. Beim Dickeren erkannte Halil durch den geöffneten Reißverschluss der Lederjacke auf dem T-Shirt die Buchstaben »nsda« eines längeren Schriftzuges. »Was ist?« Er sagte es in einem Ton, von dem er hoffte, dass er seine Angst verbarg. »Was ist?« Die Lederjacke machte ein zischendes Geräusch und sah sich kurz zum anderen um. »Du fragst, was ist? Will ich dir sagen, Ali: Weißt du, wie das hier heißt?« Mit dem Zeigefinger malte er einen waagerechten Luftkreis und wartete einen Moment, aber Halil antwortete nicht. »Deutsche Bahn, heißt das, Ali. Na, fällt dir was auf?« Seine Sprache zeigte deutlich, dass er betrunkener war als zunächst angenommen. Der Hagere kicherte jetzt, auch das feindselig.

 

Hinter ihm hatte er Anzugträger das Geschehen kurz verfolgt, und Halil nahm für eine Sekunde war, dass er seine Sachen packte und ging. »Na, und«, sagte er dann und spürte in dem Moment unter dem Tisch, wie die Beine seines Vaters zu zittern begannen. Mit einem Ruck baute der Dickere sich vor ihm auf, beugte sich dann herunter und war jetzt nah vor seinem Gesicht. »Dein Ton gefällt mir nicht, du Bombenleger. Wir sind hier in der Deutschen Bahn. Und weiß du, warum das groß geschrieben wird? Na, eine Idee?« Halil schwieg. »Kannst du mich überhaupt richtig verstehen?« Damit schlug er ihm mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Ja, kann ich. Ich hab nämlich einen Schulabschluss. Du auch?«

 

Die Veränderung, die sich im Gesicht des Dicken vollzog, war fast unmerklich, Halil hätte sie kaum beschreiben können, aber sie legte etwas frei, was groß und düster war. »Du kleiner, brauner Affenarsch willst mich beleidigen, du, du…« Er umfasste mit der Linken Halils Kinn und drückte die Wangen so stark gegen die Zähne, dass er seinen Kiefer öffnen musste. Mit einem kehligen Geräusch hob sein Vater die Hand und beugte sich vor, aber der Hagere stand jetzt auch auf, schwankte einen Moment und drückte den Mann mit ausgestrecktem Arm zurück in den Sitz. Plötzlich hatte er etwas in der Hand, aus dem eine Klinge hervorschnellte, zog seinen Vater am Revers ein wenig zu sich empor und legte ihm die flache Seite des blanken Stahls auf die Wange. »Was ist? Ist das dein Sohn, oder was? Du willst deine verdammte Brut verteidigen, alter Mann? Und du glaubst, das lohnt sich?« Er drehte ein wenig die Klinge, so dass die Schneide jetzt eine kleine Furche in der Haut entstehen ließ.

 

Drei Reihen weiter stand jetzt auch der junge Mann mit den Ohrstöpseln auf und ging, sah sich am Ende des Wagens noch einmal um und nahm sein Handy ans Ohr. Halil versuchte, sich aus dem Griff des Dickeren zu befreien und stieß ihn weg, als dieser ebenfalls ein größeres Messer hervorzog und es ihm an die Kehle legte. »Oder seid ihr am Ende noch Judenpack,« sagte der Hagere, »kann man manchmal nur schwer unterscheiden, das ganze hakennasige Gesindel. Schwarze Augen, schwarze Haare…« »…schwarze Füße«, sagte der Dicke und beide lachten kindlich.

 

In diesem Moment begann der Zug zu bremsen. »Nein, nicht Juden«, sagte sein Vater und konnte sein Zittern nicht mehr kontrollieren. »Wir Palästina. Nicht Juden. Juden schlecht. Juden auch Feinde wir.« Der Hagere schwieg einen Moment. »Das ist doch wohl nicht zu fassen«, sagte er schließlich und sah rüber zum Dicken. »Macht einen auf Verbrüderung. Lebt hier als Parasit sein Scheißleben und will sich dann einschleimen.« Mit unpassender Vorsicht legte er die Klinge seinem Vater ebenfalls an die Kehle, drückte so heftig, dass dieser husten musste, und Halil sah, wie sich im nächsten Moment im Schritt dieses kräftigen Mannes langsam ein dunkler Fleck ausbreitete. »Ihr gehört doch alle in den Ofen.« Der Hagere blickte nach unten, »Scheiße!«, und stieß seinen Vater zurück in den Sitz. »Der pisst sich ein.« Jetzt kam der Zug zum Stehen, und Sekunden später gingen auf dem Bahnsteig drei Uniformierte, von denen zwei Polizeiuniformen trugen, von links nach rechts eilig an ihrem Fenster vorbei. »Fuck, die Bullen«, sagte der Dicke, und sofort rannten beide auf dem Gang in die entgegen gesetzte Richtung davon.

 

Die Polizisten ließen sich die Sache schildern, die Personen beschreiben und lösten sofort eine Fahndung aus. Es folgten die Formalien. Ihre Aufenthaltserlaubnisse waren noch gültig, die Aussage wurde aufgenommen und Halil und sein Vater unterschrieben den Strafantrag, für alle Fälle. Die Polizisten sagten noch etwas von Staatsschutz und von Kollegen, die sich melden würde. Dann war die Sache für’s Erste erledigt. Sie gingen, gemeinsam mit dem Mann von der Bahn. Auf dem Bahnsteig blieben sie vor dem Fenster stehen, das Halil einen Spalt geöffnet hatte. »Gut, dass eigentlich nichts passiert ist«, hörte er den Mann von der Bahn sagen, »die Pisse auf dem Sitz, das ist noch das Schlimmste.« Dann fuhr der Zug wieder an.

 

Beide schwiegen lange und seinem Vater liefen die Tränen still in den grauen Schnurbart. »Du verachtest mich, ja?«, sagte er irgendwann auf Arabisch und sah dabei wie schon die ganze Zeit aus dem Fenster in die Landschaft. Halil nahm seine Hand, die auf dem kleinen Tisch lag, und versuchte vergeblich, seinen Blick einzufangen.

 

Fast ein halbes Jahr war sein Vater jetzt wieder bei ihnen, elf Jahre, nachdem ihre Familie aus Gaza geflohen war und fünf Jahre, nachdem er in Aleppo Männer bezahlt hatte, damit die seine Frau und seine beiden Kinder nach Europa brachten, weil für vier das Geld nicht gereicht hatte. »Ich komme bald nach«, hatte er damals gesagt mit einem Lächeln, das er jetzt verloren hatte. Was in diesen fünf Jahren geschehen war, wusste Halil nicht. Nur einmal hatte sein Vater über diese Zeit gesprochen, spärlich und leise, hatte vom Geschmack zerstobenen Betons gesprochen, der bei Erschütterungen durch die Spalten der aufgetürmten Trümmer gerieselt war, von Splittern, die in den Hauswänden steckten, vom Geruch erkaltenden Metalls. Von den Menschen, denen er in dieser Zeit begegnet war, hatte er dabei nicht gesprochen. »Nein«, sagte Halil schließlich, »nein«, und er hoffte, dass er seinem unsicheren Lächeln wenig von der Trauer, die in ihm war, und genügend Aufrichtigkeit mit auf den Weg gab.

 

Beim nächsten Halt waren sie zu Hause, sie mussten raus.

Die Bank ist leer.
Das Fenster ist trüb, man kann nicht hindurchsehen.
Die Brüstung ist zu niedrig, um einen Sturz abzuhalten.
Das Meer bewegt sich nicht.
Der Horizont ist eine gerade Linie.
Hinter dem Horizont gehts nicht weiter.
Es ist heller Tag, es ist grau.

   leine Abschied steht über der Bank.

Etwas fehlt. Die ersten Buchstaben sind weg. Der erste Mensch in meinem Leben ist weg.

In die Leere kann man eintragen, was man will. Es ist wird nie richtig werden: »Kleine Abschied« oder »Alleine Abschie«“. Beides ist sprachlich falsch, aber beides stimmt: ich bin klein, ich bin allein.

Sie ist weg und hat mich mitgenommen, mitgenommen. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Lied das stammt. Ich überlege und überlege, aber es fällt mir nicht ein. Eigentlich geht es da um Liebeskummer, das weiß ich und bei mir geht es um etwas anderes – um meine Mutter. Aber jetzt ist sie weg.

Sie sagt nichts mehr, sie sieht nichts mehr, sie geht nicht mehr einkaufen, sie wird nicht mehr nass, wenn es regnet. Sie kocht nicht mehr, isst nichts mehr, steht nicht mehr auf, legt sich nicht mehr hin. Sie schimpft nicht mehr, lacht nicht mehr, telefoniert nicht mehr, blättert nicht mehr in Apothekenzeitschriften.

Sie bewegte sich nicht mehr als ich zu ihr ging. Sie saß auf dem Sofa. Sie atmete nicht mehr. Ich legte sie hin. Ich stemmte meine Arme auf ihre Rippen und drückte, eins-zwei-drei-vier-fünf, ich nahm ihren Kopf überstreckte ihn und blies in ihre Nase. Ihr Brustkorb hob sich, ich drückte wieder, eins-zwei-drei-vier-fünf, und dann machte es pfff-pfff aus ihrem Mund. Aber das war nicht sie, sondern nur die Luft, die wieder aus ihr rauskam. Die Sanitäter zogen sie runter vom Sofa auf den kalten Boden. Sie schlossen sie an und auf dem Monitor waren zackige Linien zu sehen, die ich für Leben hielt, aber auch das war sie nicht. Die Sanitäter machten lange weiter mit Drücken und Lüften. Aber sie war weg.

Sie war: ein Körper mit aufgeschnittener Kleidung, der beschaut wurde. Etwas, das sich unter einer Plastikplane befand und durch den engen Flur an mir vorbeigetragen wurde. Eine aufgebettete Wachsfigur mit geschlossenen Augen und verschlossenem Mund, umgeben von einem Blumenmeer und Räucherstäbchenrauch. Etwas, das schließlich in so eine Art Blumenvase passte.

Ich gehe zu der leeren Bank, hole meinen Edding heraus und male ein  umgekipptes V (es gibt kein victory mehr, nur noch defeats) an das kleine l: »Keine Abschied«. Sprachlich ist es falsch, aber es stimmt. Auch sprachlich. Ihr Deutsch war nicht perfekt. Sie hätte nicht »Kein Abschied« gesagt, sondern »Keine Abschied«.

In der Abteilung Samuraifilme hockte ich auf dem Boden und horchte. Ich brachte Dinge wieder an ihren Platz, das war meine Aufgabe, sie war überschaubar, gab mir einen Hauch von Autorität, und seit dem Ende der Sommerferien erledigte ich sie ohne einen einzigen Fehler. Die Videothek schien mein natürliches Habitat, und ich hatte vor, lange zu bleiben. Natürlich sagte ich meiner Kollegin nichts von meinen Plänen, und sie selbst war zu sehr in die Kunst lautlos schließender Schreibtischschubladen vertieft, um von sich aus etwas zu bemerken oder auch nur zu fragen. Als ich zu ihr hinüberblickte, war sie gerade wieder abgetaucht, um ein Anmeldeformular oder eine Vermisstenanzeige aus einem der Aktenträger hervorzuziehen und dann mit geschultem Gehör dem Zugleiten der Schreibtischschublade zu lauschen.

Die Videothek war eine Oase der Ruhe, ein Ort, an dem man nie sicher sein konnte, wie viele Menschen gerade schweigend, kaum atmend, in unmittelbarer Nähe von einem verharrten, in die Aufschrift der Plastikhüllen vertieft. Bei genauer Kenntnis war sie eher die Wüste um die Oase, aber so genau wollten es Außenstehende meist nicht wissen. Wenn ich ihnen sagte, dass ich Dinge wieder an ihren Platz brachte, waren sie zufrieden. Eine alte Ordnung wieder aufzurichten, das leuchtete ihnen ein, selbst jenen, die sonst wenige Interessen hatten. Sie erkannten einen unmittelbaren Sinn darin, und das machte sie wenn nicht gar glücklich, dann doch besänftigt.

Wenn ich einen unserer Kunden auf dem Gang aufstöberte, er mich einen Moment lang erstaunt ansah, denn nicht oft begegnet uns in diesen Räumen jemand, meist konnte man über Stunden ungesehen dastehen, sich ein paar Zentimeter nach links, ein paar nach rechts lesen, und völlig allein mit der Beschriftung der Hüllen und ihrem Versprechen sein, wenn ich ihm dennoch begegnete, sich unsere Blicke trafen, senkte ich meinen Kopf leicht, um eine vertrauliche Unterwürfigkeit anzuzeigen, und erklärte im flüsternden Ton: Ich stelle die Dinge zurück.

Auch dieser Mensch lächelte dann glücklich, mindestens sanft.

Die Filmhüllen standen schmal und glänzend im Regal, meine Kollegin an der Ausleihe blätterte kontemplativ im Katalog eines schwedischen Möbelhauses, immer wieder verzog sich ihr Mund abschätzig, ihre Zunge leckte über die Lippen, und nur am Mittag war es zu einem Zwischenfall gekommen, als ein dünner, schattenhafter Mann sie mit der Frage: »Haben Sie auch etwas über tibetanische Gottheiten?« aufgeschreckt hatte. Er kam jeden Donnerstag.

Etwas lauter als gewöhnlich hatte heute der Dielenboden geknarrt, als ich durch die Gänge gegangen war, um die letzte Hülle zurückzustellen, dorthin, wo sie nach der Ordnung des Hauses zu sein hatte, im Normalzustand. Es gab auch den anderen Zustand, die Ausleihe, wobei einige meinten, dieser sei für Dinge einer Videothek der Normalzustand, das Verwahren hingegen nur die Ausnahme, doch diese Menschen blieben nie lange bei uns. Während der Ausleihe entzogen sich die Dinge unserer Ordnung, also war vernünftigerweise ihr Gegenteil normal. Wir beherrschten den Zustand der Ruhe, und in diesem hatte jedes Ding einen ihm zugewiesenen Platz.

Auch ich war bereit, den meinen einzunehmen, heute, vierzig Tage nach Ende der Sommerferien. Vom Hocken war ich in eine flache Bauchlage übergegangen und horchte noch genauer in die Abteilung Samuraifilme hinein.

»Was machst du da unten?«

»In Wagen 27 ist einem der Kaffee umgekippt – bringst du ihm neuen?«
Klar bringe ich neuen Kaffee. Was denn sonst, neuen Kaffee. Umgekippt ist er, na sowas. Hat sicher nicht damit gerechnet, dass ein Zug auch mal wackeln kann. Ist ja auch ganz was Neues, wackelnde Züge.
Sie seufzt, schnappt sich Eimer und Lappen, hängt den Eimer an den einen Arm, nimmt das Tablett mit dem Kaffee in die andere Hand. Jetzt nur noch durchkommen.
Witzig, dass sie das immer noch denkt: durchkommen. Dabei sind die Züge längst leer. Keine überfüllten Gänge mehr, keine auf dem Boden sitzenden Passagiere zwischen den Abteilen. Das war alles einmal. Heute hat fast jeder noch Erinnerungen an die Zeiten mit so viel Angst vor Ansteckung und nimmt lieber wieder den eigenen Wagen.
Sie durchquert die Wagen 25 und 26. Es ist ein alter Mann, in Wagen 27, das stimmt sie milde. Vermutlich hat er gezittert, oder ist in Gedanken gegen den Kaffee gestoßen. Was auch immer, alten Menschen kann sie nicht böse sein.
Sie wischt alles auf, stellt ihm den frischen Kaffee hin, freut sich über sein Dankeschön, und geht wieder zurück zur Bordküche.
Auf dem Rückweg durch Wagen 26 sieht sie ihn. Erst nur im Augenwinkel. Dann, beim Blick zurück, ganz deutlich: den Seesack.
Weiß, oben mit einem geknoteten Seil zusammengehalten. Er ist in die Jahre gekommen, eher grau als weiß, aber er ist es. Ganz sicher. Wer sonst sollte einen Aufkleber der Buchmesse neben einem von New York und dem Umriss der Insel Baltrum aufgeklebt haben. Das konnte kein Zufall sein, niemals.
In der Bordküche holt sie erst einmal tief Luft. Und dann einen eingeschweißten Keks. Der gehört natürlich zum Kaffee, den muss sie noch nachliefern.
Wagen 25. Wagen 26. Der Seesack. Unter ihm sitzt ein Mann. Längere braune Haare, Strickpulli, Jeans.
Das kann nicht sein. Nicht nach all den Jahren.
Sie bringt den Keks zu dem alten Mann. Der freut sich. Bedankt sich schon wieder.
Sie lächelt schnell und geht zurück.
Wagen 26. Der Seesack. Mit dem Mann am Fenster. Der scheint zu schlafen. Den Kopf Richtung Fenster. Aber diese Haltung, diese Haare. Kann das wirklich sein?
Sie geht zur Bordküche, von da weiter in den Speisewagen.
Er ist leer.
Sie setzt holt sich ein Wasser und setzt sich auf eine der roten Bänke.
Kann das sein? Nach all der Sucherei? Einfach so jetzt, der Seesack in der Gepäckablage?

Das erste Mal hat sie den Seesack ohne Mann gesehen. Er war ihr auf der Strecke Köln-Leipzig vor die Füße geknallt, direkt aus der Gepäckablage. Der Besitzer war auf der Toilette. Sein Glück, sonst hätte sie ihm was erzählt, von wegen sicher verstauen und so. Vielleicht hätte sie ihm auch nichts davon erzählt, denn als er zurückkam, wollte sie nicht meckern. Nicht in dieses Lachen hinein. Nicht in dieses Gesicht hinein.
»Sorry, das blöde Ding passt einfach nirgendwo rein«, hatte er sich entschuldigt.
Das wär’s gewesen.
Eigentlich.
Wenn es nicht jener Samstag gewesen wäre, an dem Leipzig einschneite. An dem ihr Zug der letzte war, der den Bahnhof noch erreichte. Und an dem ihr Zug den Leipziger Bahnhof auch nicht mehr verlassen konnte. Kein Zug fuhr wieder raus, den ganzen Samstag nicht, und auch den Sonntag nicht.
Was für ein Chaos das gewesen war. Nicht nur auf dem Bahnhof, in der ganzen Stadt. Alle, die hatten abreisen wollen, standen jetzt ohne Hotelzimmer da, denn die waren längst wieder an neue Messebesucher vergeben.
Natürlich hätte sie in einem der Zugabteile übernachten können, die Bahn stellte ihren Mitarbeitern für diese Fälle immer eigene Abteile zur Verfügung.
Aber sie hatte da so ihre Erfahrungen. Einmal und nie wieder, tagelang hatte ihr der Rücken wehgetan, danach.
Es musste doch irgendwo ein Zimmer aufzutreiben sein. Ein einziges Bett in der ganzen Stadt! Wenn nicht, würde sie halt die Nacht durchmachen. Während der Buchmesse waren die Kneipen sicher lange auf, und an einem Tag wie diesem sicher bis zum Morgen.
Sie hatte sich erst in eine Kneipe in der Nähe des Bahnhofs gesetzt, dann war sie mit der Straßenbahn in ein anderes Viertel gefahren. Da, wo es belebter war, war sie einfach ausgestiegen und in die nächste Kneipe gegangen. Licht und Leute sahen nett aus, Lachen drang durch Fenster und Tür. Hier würde sie wohl die Nacht durchhalten können.
Es war voll, aber sie hatte Glück: Ein kleiner Tisch für zwei wurde frei.

Sie hatte gerade das zweite Glas Rosé auf dem Tisch, als ein kalter Luftzug in ihrem Rücken zeigte, dass jemand neu hereingekommen war.
»Entschuldigung, ist der Stuhl noch frei?«, hörte sie einen Mann fragen. Ohne groß hochzuschauen antwortete sie. War ja frei, der Stuhl. Als einziger in der Kneipe.
»Danke!«
Ein weißer Seesack knallte auf ihre Füße.
»Aua, passen Sie doch auf!«
»Tut mir leid, das Ding passt einfach nirgendwo hin!«
Sie hatte aufgeblickt.
Er hatte sich gesetzt.
Sie mussten lachen.
Der Anfang einer langen Nacht.
War ja nicht so schlimm, mit dem Seesack. Er hatte darauf bestanden, ihr den dritten Rosé zu bezahlen, als Wiedergutmachung.
Man hatte wirklich lange in dieser Kneipe sitzen können.
Aber doch nicht die ganze Nacht, denn um 2 Uhr morgens wurden die Stühle auf die Tische gestellt.
Und nun?
»Was nun?«, hatte er draußen gefragt und gelacht: »Zu mir oder zu dir?«
»Zu mir willst du garantiert nicht«, hatte sie grinsend geantwortet.
»Warum?«
»Weil wir dann auf der Straße liegen, darum. Es gibt keine Zimmer mehr, nirgendwo. Ich laufe jetzt so lange durch Leipzig, bis es morgen ist und wieder ein Zug fährt.«
»Durch Leipzig. Bei dem Schneetreiben?«
Stimmt, jetzt hatte sie es auch gemerkt. Ihre Schuhe fingen schon an, an den Zehen nass zu werden. Die waren noch nie dicht gewesen. Im Zug war das egal. Jetzt nicht.
»Also, ich hätte da ein Angebot zu machen …« Er hatte auf ihre Schuhe geblickt … »Das kannst du unmöglich ablehnen.«
Das Angebot war ein Bett gewesen. Ein Einzelbett. Er hatte ein Doppelzimmer mit zwei Einzelbetten bekommen. Und brauchte definitiv nur eins. Und würde auch nicht schnarchen, wie er lachend versicherte.
Diese Lachfalten um die Augen. Braune Augen. Den Mund zog er etwas schief hoch, sah lustig aus. Irgendwie nett. Auf jeden Fall nicht bedrohlich. Nicht mal fremd. Gar nicht fremd. Eigentlich fast vertraut.

Es war ein schönes Hotelzimmer, in einem kleinen Hotel am Stadtrand. Drei Geschwister kümmerten sich liebevoll um alles. Auf dem Zimmer stand eine große Flasche Wasser.
Der Seesack entpuppte sich als Speisekammer: Nüsse, Chips – etwas krümelig, sicher vom vielen Umkippen – und – tada: Ein Piccolo.

Nie wieder hatte Sekt aus Zahnputzgläsern so gut geschmeckt. Überhaupt hatte Sekt nie wieder so gut geschmeckt. All die Jahre, nie wieder.
Das Frühstück, alles Bio, war wunderbar. Dann die SMS: Ein Gleis, eine Weiche sei frei von Schnee und Eis. In einer halben Stunde ginge es los.
Küsschen links, Küsschen rechts, Jacke an, die Schuhe immer noch feucht. Gerade noch die Straßenbahn erwischt. Pünktlich am Bahnhof. In der Bordküche lauter übermüdete Gestalten.
»Hey, was ist denn mit dir passiert? Hast du doch ein Zimmer gefunden?«
»Ja, hatte Glück.«

Mittendrin, es war ein grüner Jasmintee, der aufgegossen werden wollte, war es ihr klar geworden: Sie hatten nichts ausgetauscht.
Keine Adressen, keine Telefonnummern.
Keinen Wohnort.
Überhaupt hatten sie nicht mehr wirklich viel geredet.
Er wollte zur Messe, sein erstes Buch war erschienen. Wollte es am Stand sehen, den Moment genießen.
Hatten sie noch über was anderes geredet? Irgendwie nicht.
Sie musste sich setzen, der Tee wurde kalt.

Die nächsten drei Jahre hatte sie immer darauf geachtet, die Tour nach Leipzig zur Buchmesse zu bekommen. Immer am Samstagmorgen. Sie hatte jedes Jahr alle Wagen abgesucht, nach dem weißen Seesack. Und den braunen Augen.
Aber zwischen all den schwarzen Taschen und Koffern, zwischen den Eiffeltürmen auf pinkem Hintergrund und den alten, durchgescheuerten, die nur noch von einem Regenbogengürtel zusammengehalten wurden, war nie wieder ein weißer Seesack gewesen. Und auch keine braunen Augen.

Und jetzt das. Ausgerechnet jetzt, in dieser Zeit. Wo kaum jemand wieder Zug fährt. Wo es für jeden Koffer, für jede Tasche und jeden Rucksack ohne Ende Platz in der Ablage gibt – ausgerechnet jetzt liegt er da. Der weiße Seesack. Zugebunden mit der Kordel. Etwas schmuddeliger, aber mit denselben Aufklebern, ganz eindeutig.

Bis zum nächsten Halt ist es noch eine gute halbe Stunde.
Sie läuft wieder durch die Wagen.
Wagen 25.
Wagen 26.
Sie bleibt schräg hinter dem Sitz stehen, über dem der Seesack thront. Gut hingelegt, dieses Mal. Rausfallen wird er nicht.
Dieselbe Haltung. Diese Haare. So weich. Ganz bestimmt so weich.

»Sehr geehrte Fahrgäste: Bitte besuchen Sie doch unser Bordrestaurant und genießen ein frisches gezapftes Bier. Und zur Kaffeestunde verwöhnen wir Sie gerne mit einem leckeren Schokobrownie und einer frisch gebrühten Tasse Kaffee. Wir freuen uns auf Sie!«

Der Seesackbesitzer reckt sich und setzt sich aufrecht hin. Er blickt sich um. Schräg nach hinten.
Er sieht genauso aus wie damals. Ganz genauso.
Nur, er ist es nicht.
Wie auch. Es sind 25 Jahre vergangen.
Der Sohn. Derselbe Seesack, aber der Sohn!

Sie holt Luft und geht weiter, bis zur Toilette.
Schließt sich ein.
Sie blickt in den Spiegel, schiebt eine Strähne hinters Ohr. Blond, aber gefärbt, was sonst.
In ihrem Alter.
Sie lächelt sich an, im Spiegel.
Ist schon ein toller Beruf, den sie hat.
Der beste.

In der Videothek in Bad Salzuflen gibt es einen Raum, in dem man sich Kurzfilme ausleihen kann. Gerade die Regale mit den japanischen Kurzfilmklassikern stechen ins Auge. Waren es nicht die Japaner, die mit Filmen wie »Mein großer Zeh« oder »Der Seufzer« einen neuen Ton in die Kurzfilmbranche brachten? Wenn man die ostwestfälischen Kurzfilm-Blockbuster ausleihen will, muss man auf einen Hocker steigen, um sie ganz von oben herunter zu holen. Die Kurzfilm-Ausleihfrist ist überschaubar, da ihre Anschau-Zeit sich in Grenzen hält. Manche Kurzfilme hat man schon gesehen, bevor man die Infotheke der Videothek gefunden hat. Ein Kurzfilm muss nicht handlungsarm sein, nur weil er kurz ist. Auch ein kurzer Blick einer Supermarktkassiererin kann tödlich sein und mehr aussagen als das Kapital von Marx. Ich kenne Kurzfilme, da ist der Abspann länger als der Kurzfilm. Kurzfilmtage sind natürlich nicht in Berlin, sondern in Oberhausen. Man fährt nicht durch das große Berlin, um einen Kurzfilm von 3 Minuten 14 zu sehen. Das steht ja in keinem Verhältnis. Der Kurzfilmhumor muss schnell zünden, sonst ist der Film vorbei. Man fragt sich manchmal, ob die Erfindung des Tonfilms von den Regisseuren aus Paderborn überhaupt wahrgenommen wurde. In ihren Werken wird wenig gesprochen und wenn, versteht man es nicht. Die Oberhausener haben einen eigenen Witz, deswegen entdeckt man Paderborner Kurzfilme nie bei den Gewinnern. Nun werden erstmals zwei ostwestfälische Kurzfilme vorgestellt, die in der Videothek in Bad Salzuflen vorrätig sind, aber noch nie ausgeliehen wurden:

Hannelores Schuhe: (Ein Kurzfilm von Boris Schade. Man sieht Schuhe eines Gehenden. Es sind 4 Paar Schuhe, die im schnellen Wechsel das Vorwärtswollen dokumentieren. Es ändert sich nur der Untergrund und der Begleitklang. Der Text wird dazu im Off gesprochen. Dauer des Kurzfilms: 4:02 Minuten) »Er hatte nie darauf geachtet, was er für Schuhe trug. Erst nachdem Hannelore mit ihm zusammen war, bekamen Schuhe und Sandaletten eine andere Bedeutung. Sie arbeitete in einem Schuhhaus von Deichmann und legte großen Wert auf die angemessene Fußbekleidung. Für sie war der Fuß ein Gast, den man bei seinem Aufenthalt verwöhnen wollte. Er musste immerhin 4 Paar Schuhe kaufen, bevor er sie zu einem Date überreden konnte. Als sie ihn verlassen hatte und mit einem Turniertänzer zusammenzog, verband er mit diesen 4 Paar Schuhen nicht nur unangenehme Erinnerungen. Er hatte Hannelore geliebt und war ihr noch immer dankbar, dass sie seine Augen für die richtige Schuhbekleidung geöffnet hatte. Später war er überrascht, als diese Schuhe ein Geräusch von sich gaben. (Auch die Schuhe im Film bekommen plötzlich Allüren.) Es konnte passieren, dass er mit ihnen durch einen Supermarkt ging und laute Quietschgeräusche ihn bloßstellten. Einmal betankte er sein Auto, als seine Sandalen diesen Vorgang mit lauten Schlürfgeräuschen kommentierten. Besonders unangenehm waren ihm Schuhgeräusche, die wie Blähungen klangen, wenn er auf einer öffentlichen Toilette war und danach unauffällig den Waschraum anstreben wollte. Später entdeckte er dann, dass er nur an Hannelore denken musste, um seinen Schuhen dieses Eigenleben zu entlocken. Das war nicht immer angenehm. Eine neue Partnerin verließ ihn schon nach Wochen, da sie es nicht ertrug, dass er von seiner Ex nicht loskam und dauernd an sie denken musste, was seine Schuhe auf eindeutige Weise bewiesen.« (Ein Kurzfilm-Kritiker der NW schrieb über diesen Film: »Es wurden eigentlich nur vier Paar Schuhe gezeigt, die mal stumm waren und dann plötzlich Töne von sich gaben. Welch ein bizarrer Einfall. Man wusste nie, ob man diese Idee genial finden sollte oder sich eher davon distanzieren wollte. Der Wechsel vom normalen stummen Schuhgang zur Lautkulisse machte den Reiz des Kurzfilms aus. Ein Film, der einen ratlos hinterließ.«)

Der zweite Film ist ebenfalls ein deutscher Kurzfilm aus dem Jahre 1987. Er wurde ausgezeichnet mit der goldenen Traube bei den Kurzfilmtagen in Bottrop:

Bänke: (Der Film zeigt in endlos langen Kamerafahrten Bänke. Im Off hört man dazu die Erzählstimme.) »Wer eine Bank vor sich sieht, verspürt den Wunsch, Platz zu nehmen. Eine freie Bank ist einladend und man setzt sich schnell hin, bevor ein anderer einem den Platz wegnimmt. (Die Kamera zeigt eine Bank, die auf einer Lichtung in einem Tal steht. Es ist der perfekte Platz für eine Bank. Die Bank ist in keinem guten Zustand. Ihr wurde eine Bankbohle abgerissen und Fußabdrücke entstellen die Sitzfläche.) Der Druck zur Erholung wächst mit den geschaffenen Möglichkeiten. Gerade, wenn man Sport treiben will, muss man sich überwinden, um den verlockenden Angeboten eine Absage zu erteilen. Wer an seine Grenzen kommen will, schafft das gerade durch das dauernde Umrunden einer Bank. Das dauernde Umrunden der Bank. Das dauernde Umrunden der Bank. (Man sieht auf dem Grünstreifen an einer viel befahrenen Kreuzung eine Bank stehen, deren Stellplatz so ungeeignet ist, dass man ahnt, dass sich nie jemand darauf setzen wird. Wurde diese Bank geplant, als gegenüber noch kein KFC zu sehen war und der Verkehr noch zweispurig verlief?) Wer sich auf eine Bank setzt, gibt auf. Nicht umsonst sitzen Jugendliche lieber auf der Lehne, anstatt den Sitzplatz zu bemühen. Das geschieht nicht in Unkenntnis der eigentlichen Nutzungsbedingungen der Bank, sondern stellt bewusst den menschlichen Ruhestand in Frage. (Man sieht eine Bank, die direkt am Waldrand steht. Wer dort sitzt, schaut auf eine Bank, die auf einer Wiese aufgestellt wurde. Hier ist die Aussicht der Bank am Waldrand die andere Bank auf der Wiese. Eine selten zu sehende Anordnung.) Es ist ernüchternd, alte Menschen auf einer Bank zu sehen, die sich nur ausruhen. Ist es zu viel verlangt, wenn die Bankbenutzer auch mal nach links und rechts rutschen, um mit ihren Hosenbeinen die vom Regen benässte Bank abzutrocknen? Überall stehen Bänke herum. In Paderborn gibt es sogar mehr Bänke als Einwohner. Manchmal stehen Bänke an Stellen, wo vor einem nichts ist, auf dass man schauen möchte. Was soll die Bank vor dem Schlachthof? Die Bank auf der Müllhalde stand schon da, als hier noch ein Park war. (Man sieht auf einem Golfplatz sechs Bänke in einer Reihe stehen. Paare können auf zwei Bänken nebeneinander sitzen. Anderen beim Golfspielen zuschauen, während man selbst auf einer Bank sitzt, ist wahrer Reichtum) Warum findet man so selten Bänke, die vor einer Bank stehen? Man sitzt auf der Bank und schaut Menschen zu, die in eine Bank hineingehen und dann wieder aus der Bank herauskommen. Was darüber die Bankbenutzer denken, fällt natürlich unter das Bankgeheimnis. Einen Banküberfall von einer Bank aus zu betrachten, muss ein unglaubliches Erlebnis sein. (Der Film endet mit dem Bild einer «verwunschenen« Bank, die in einem Wald steht. Die Bank hat es geschafft, nicht mehr durch ihren Nutzen definiert zu werden, sondern ist anrührender Teil des Waldes geworden. In der Nacht sitzen dort zwei Wildschweine und fragen sich, was das Leben soll.)«

In der Videothek in Bad Salzuflen gibt es einen Raum, in dem man sich Kurzfilme ausleihen kann. Gerade die Regale mit den japanischen Kurzfilmklassikern stechen ins Auge. Waren es nicht die Japaner, die mit Filmen wie »Mein großer Zeh« oder »Der Seufzer« einen neuen Ton in die Kurzfilmbranche brachten? Wenn man die ostwestfälischen Kurzfilm-Blockbuster ausleihen will, muss man auf einen Hocker steigen, um sie ganz von oben herunter zu holen. Die Kurzfilm-Ausleihfrist ist überschaubar, da ihre Anschau-Zeit sich in Grenzen hält. Manche Kurzfilme hat man schon gesehen, bevor man die Infotheke der Videothek gefunden hat. Ein Kurzfilm muss nicht handlungsarm sein, nur weil er kurz ist. Auch ein kurzer Blick einer Supermarktkassiererin kann tödlich sein und mehr aussagen als das Kapital von Marx. Ich kenne Kurzfilme, da ist der Abspann länger als der Kurzfilm. Kurzfilmtage sind natürlich nicht in Berlin, sondern in Oberhausen. Man fährt nicht durch das große Berlin, um einen Kurzfilm von 3 Minuten 14 zu sehen. Das steht ja in keinem Verhältnis. Der Kurzfilmhumor muss schnell zünden, sonst ist der Film vorbei. Man fragt sich manchmal, ob die Erfindung des Tonfilms von den Regisseuren aus Paderborn überhaupt wahrgenommen wurde. In ihren Werken wird wenig gesprochen und wenn, versteht man es nicht. Die Oberhausener haben einen eigenen Witz, deswegen entdeckt man Paderborner Kurzfilme nie bei den Gewinnern. Nun werden erstmals zwei ostwestfälische Kurzfilme vorgestellt, die in der Videothek in Bad Salzuflen vorrätig sind, aber noch nie ausgeliehen wurden:

 

HANNELORES SCHUHE: (Ein Kurzfilm von Boris Schade. Man sieht Schuhe eines Gehenden. Es sind 4 Paar Schuhe, die im schnellen Wechsel das Vorwärtswollen dokumentieren. Es ändert sich nur der Untergrund und der Begleitklang. Der Text wird dazu im Off gesprochen. Dauer des Kurzfilms: 4:02 Minuten) »Er hatte nie darauf geachtet, was er für Schuhe trug. Erst nachdem Hannelore mit ihm zusammen war, bekamen Schuhe und Sandaletten eine andere Bedeutung. Sie arbeitete in einem Schuhhaus von Deichmann und legte großen Wert auf die angemessene Fußbekleidung. Für sie war der Fuß ein Gast, den man bei seinem Aufenthalt verwöhnen wollte. Er musste immerhin 4 Paar Schuhe kaufen, bevor er sie zu einem Date überreden konnte. Als sie ihn verlassen hatte und mit einem Turniertänzer zusammenzog, verband er mit diesen 4 Paar Schuhen nicht nur unangenehme Erinnerungen. Er hatte Hannelore geliebt und war ihr noch immer dankbar, dass sie seine Augen für die richtige Schuhbekleidung geöffnet hatte. Später war er überrascht, als diese Schuhe ein Geräusch von sich gaben. (Auch die Schuhe im Film bekommen plötzlich Allüren.) Es konnte passieren, dass er mit ihnen durch einen Supermarkt ging und laute Quietschgeräusche ihn bloßstellten. Einmal betankte er sein Auto, als seine Sandalen diesen Vorgang mit lauten Schlürfgeräuschen kommentierten. Besonders unangenehm waren ihm Schuhgeräusche, die wie Blähungen klangen, wenn er auf einer öffentlichen Toilette war und danach unauffällig den Waschraum anstreben wollte. Später entdeckte er dann, dass er nur an Hannelore denken musste, um seinen Schuhen dieses Eigenleben zu entlocken. Das war nicht immer angenehm. Eine neue Partnerin verließ ihn schon nach Wochen, da sie es nicht ertrug, dass er von seiner Ex nicht loskam und dauernd an sie denken musste, was seine Schuhe auf eindeutige Weise bewiesen.« (Ein Kurzfilm-Kritiker der NW schrieb über diesen Film: »Es wurden eigentlich nur vier Paar Schuhe gezeigt, die mal stumm waren und dann plötzlich Töne von sich gaben. Welch ein bizarrer Einfall. Man wusste nie, ob man diese Idee genial finden sollte oder sich eher davon distanzieren wollte. Der Wechsel vom normalen stummen Schuhgang zur Lautkulisse machte den Reiz des Kurzfilms aus. Ein Film, der einen ratlos hinterließ.«)

 

Der zweite Film ist ebenfalls ein deutscher Kurzfilm aus dem Jahre 1987. Er wurde ausgezeichnet mit der goldenen Traube bei den Kurzfilmtagen in Bottrop:

 

BÄNKE: (Der Film zeigt in endlos langen Kamerafahrten Bänke. Im Off hört man dazu die Erzählstimme.) »Wer eine Bank vor sich sieht, verspürt den Wunsch, Platz zu nehmen. Eine freie Bank ist einladend und man setzt sich schnell hin, bevor ein anderer einem den Platz wegnimmt. (Die Kamera zeigt eine Bank, die auf einer Lichtung in einem Tal steht. Es ist der perfekte Platz für eine Bank. Die Bank ist in keinem guten Zustand. Ihr wurde eine Bankbohle abgerissen und Fußabdrücke entstellen die Sitzfläche.) Der Druck zur Erholung wächst mit den geschaffenen Möglichkeiten. Gerade, wenn man Sport treiben will, muss man sich überwinden, um den verlockenden Angeboten eine Absage zu erteilen. Wer an seine Grenzen kommen will, schafft das gerade durch das dauernde Umrunden einer Bank. Das dauernde Umrunden der Bank. Das dauernde Umrunden der Bank. (Man sieht auf dem Grünstreifen an einer viel befahrenen Kreuzung eine Bank stehen, deren Stellplatz so ungeeignet ist, dass man ahnt, dass sich nie jemand darauf setzen wird. Wurde diese Bank geplant, als gegenüber noch kein KFC zu sehen war und der Verkehr noch zweispurig verlief?) Wer sich auf eine Bank setzt, gibt auf. Nicht umsonst sitzen Jugendliche lieber auf der Lehne, anstatt den Sitzplatz zu bemühen. Das geschieht nicht in Unkenntnis der eigentlichen Nutzungsbedingungen der Bank, sondern stellt bewusst den menschlichen Ruhestand in Frage. (Man sieht eine Bank, die direkt am Waldrand steht. Wer dort sitzt, schaut auf eine Bank, die auf einer Wiese aufgestellt wurde. Hier ist die Aussicht der Bank am Waldrand die andere Bank auf der Wiese. Eine selten zu sehende Anordnung.) Es ist ernüchternd, alte Menschen auf einer Bank zu sehen, die sich nur ausruhen. Ist es zu viel verlangt, wenn die Bankbenutzer auch mal nach links und rechts rutschen, um mit ihren Hosenbeinen die vom Regen benässte Bank abzutrocknen? Überall stehen Bänke herum. In Paderborn gibt es sogar mehr Bänke als Einwohner. Manchmal stehen Bänke an Stellen, wo vor einem nichts ist, auf dass man schauen möchte. Was soll die Bank vor dem Schlachthof? Die Bank auf der Müllhalde stand schon da, als hier noch ein Park war. (Man sieht auf einem Golfplatz sechs Bänke in einer Reihe stehen. Paare können auf zwei Bänken nebeneinander sitzen. Anderen beim Golfspielen zuschauen, während man selbst auf einer Bank sitzt, ist wahrer Reichtum) Warum findet man so selten Bänke, die vor einer Bank stehen? Man sitzt auf der Bank und schaut Menschen zu, die in eine Bank hineingehen und dann wieder aus der Bank herauskommen. Was darüber die Bankbenutzer denken, fällt natürlich unter das Bankgeheimnis. Einen Banküberfall von einer Bank aus zu betrachten, muss ein unglaubliches Erlebnis sein. (Der Film endet mit dem Bild einer «verwunschenen« Bank, die in einem Wald steht. Die Bank hat es geschafft, nicht mehr durch ihren Nutzen definiert zu werden, sondern ist anrührender Teil des Waldes geworden. In der Nacht sitzen dort zwei Wildschweine und fragen sich, was das Leben soll.)«

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