Die spanische Literatur ist so vielfältig wie die Kultur und die Kulinarik des Landes, das seit Jahrhunderten auch aus deutschsprachiger Sicht zahlreiche der populärsten europäischen Sehnsuchtsorte überhaupt beherbergt. Bereits Emanuel Geibel schrieb 1834 in seinem Gedicht »Fern im Süd das schöne Spanien«:

Fern im Süd das schöne Spanien,
Spanien ist mein Heimatland,
Wo die schattigen Kastanien
Rauschen an des Ebro Strand,
Wo die Mandeln rötlich blühen,
Wo die süße Traube winkt
Und die Rosen schöner glühen
Und das Mondlich gold’ner blinkt.

Die facettenreiche Schönheit Spaniens ist sicherlich ausschlaggebender Grund dafür, dass es nach Frankreich das am zweithäufigsten besuchte Land der Welt ist. Allerdings steht das iberische Königreich auch mehr als 40 Jahre nach dem Ende des Franco-Regimes vor großen Herausforderungen. Die permanenten Autonomiebestrebungen Kataloniens, die großen Schwierigkeiten bei der parlamentarischen Mehrheitsbildung, die zahlreichen omnipräsenten Skandale rund um die Königsfamilie, die enorme Jugendarbeitslosigkeit und nicht zuletzt die heftigen – auch wirtschaftlichen – Auswirkungen der Corona-Pandemie sind die zentralen Probleme, unter denen das Land leidet.

Und wo steht die spanische Literatur eigentlich heute? Wie haben sich das Schreiben und die öffentliche Rezeption seit Teresa von Ávila und Miguel de Cervantes entwickelt? Welche literarischen Stimmen wirken heute in die Gesellschaft hinein? Und welche Bedeutung entfaltet die Literatur aus dem spanischen Königreich innerhalb der europäischen Kultur in diesen besonderen Zeiten?

Nach den Literarischen Positionen Frankreich 2017, Rumänien 2018, Norwegen 2019 und Italien 2020 führt das Literaturbüro OWL unter dem Titel »La Literatura – una Fiesta grande!« eine dreitägige Veranstaltungsreihe in Detmold und Paderborn durch, die sich vom 25.–27. November 2021 der spanischen Literatur im Kontext von Kulturgeschichte und Kulinarik widmet. Dabei soll sich der Bogen von der Südküste (Andalusien), über das Zentrum (Madrid) bis hin zur Nordatlantikküste (Baskenland) spannen. Die Reihe setzt im Jahr 2021 auf kombinierte Lesungs-/Musik- und Rezitationsabende, die teilweise multimedial begleitet werden, und eröffnet mit einer Poetry-Slam-Show, die insbesondere ein jüngeres Publikum als Zielgruppe in den Fokus nimmt.

Programm:

Poetry Slam Show
Do, 25. November 2021, 20:00 Uhr
Sputnik, Paderborn

Gegen das Vergessen – Vortrag und Rezitation
Fr, 26. November 2021, 19:30 Uhr
Detmolder Sommertheater

Don Quijote – Comiclesung mit Musik
Sa, 27. November 2021, 11:00 Uhr
Detmolder Sommertheater

Fernando Aramburu – Lesung und Gespräch
Sa, 27. November 2021, 15:00
Detmolder Sommertheater

Literatur, Musik und Kulinarik – Una Fiesta!
Sa, 27. November 2021, 19:30 Uhr
Detmolder Sommertheater

Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft, sondern gehört für zahlreiche Menschen zum Alltag. Dennenesch Zoudé und Simon Roden lesen Erzählungen von Toni Morrison, Sharon Dodua Otoo und Nana Kwame Adjei-Brenyah und bringen drei sehr unterschiedliche Facetten von Rassismus zu Gehör. Denn es gibt sie schon lange und überall, die vielen Stimmen, die Rassismus – den offensichtlichen und den versteckten – dokumentiert und zu Literatur geformt haben.

Keine andere amerikanische Autorin hat das Thema Rassismus über die Jahrzehnte hin so konsequent und leidenschaftliche beschrieben wie die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. In ihrer Short Story »Sweetness« schildert sie den Schock, den Sweetness bei der Geburt ihres tiefschwarzen Babys empfindet, denn Mutter und Tochter leben in einem Land und in einer Gesellschaft, in der Schattierungen einer Hautfarbe immer noch über die Zukunft eines Kindes entscheiden. Aber Lula Ann sträubt sich gegen den Gehorsam und die Unterwürfigkeit, die ihre Mutter ihr aus Angst vor rassistischen Angriffen beizubringen versucht.

Ein Seufzen, zwei abgeschreckte Eier, das Blubbern des kochenden Wassers: So beginnt Sharon Dodua Otoos Text »Herr Gröttrup setzt sich hin«, für den sie 2016 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Als das wie gewohnt gekochte Frühstücksei überraschenderweise nicht hart, sondern immer noch weich ist, fällt das Ehepaar Gröttrup aus allen Wolken. Was als charmante, unangestrengte Satire über deutschen Alltag und ein renitentes Frühstücksei gelesen werden kann, ist vielmehr ein Versuch der Autorin zu zeigen, welche Auswirkungen Privilegien und weißes Selbstverständnis haben.

Nana Kwame Adjei-Brenyahs gefeierte Stories stilisieren die Mechaniken rassistischen Hasses zu grotesken Dystopien. In »Die Finkelstein Five« kämpft Emmanuel gegen Traumbilder von mit einer Kettensäge enthaupteten schwarzen Kindern, während er in seinen wachen Stunden versucht, seine »Schwarzheit« auf einer Skala von eins bis zehn zu regulieren, um der täglichen Diskriminierung zu entgehen. Nana Kwame Adjei-Brenyah erzählt in schnörkelloser, direkter Sprache und mit grellen Effekten.

Der japanische Kanun-Spieler und Komponist Shingo Masuda umrahmt und akzentuiert die Lesungen. In seinem Spiel vereint der meisterhafte Instrumentalist Kenntnisse der Maqam-Musik aus der arabischen und türkischen Tradition mit Elementen aus anderen Kulturen und sucht den Dialog zwischen Wort und Ton.

Das Literaturbüro OWL setzt ab 2021 einen neuen programmatischen Schwerpunkt: Unter dem Oberthema »Meeting of Generations« finden diverse literarische Veranstaltungen statt, die den Austausch der Generationen in den Fokus rücken.

Unter anderem ist in diesem Zusammenhang die durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW geförderte Lesungs- und Gesprächsreihe »DoubleTrouble – Autor*innen lesen über den Tellerrand der Generationen!« initiiert worden. In diesem Rahmen werden Doppellesungen durchgeführt, zu denen jeweils ein*e Autor*in aus der jungen Generation und der älteren Generation eingeladen werden, die unter einer bestimmten Thematik (z. B. Zeitgeist oder Humor) aus ihren Werken lesen und im Anschluss daran ein moderiertes Gespräch führen.

Unter dem Titel »DoubleTrouble – Humor!« lesen Jan Philipp Zymny und Thomas Koch Texte zum generationenübergreifenden Thema Humor – denn davon ist ihr gesamtes literarisches Schaffen geprägt. Hier trifft der zweimalige, deutschsprachige Poetry Slam-Meister Jan Philipp Zymny, Jahrgang 1993, auf den 62-jährigen WDR-Moderator und Grimme-Preisträger Thomas Koch.

Jan Philipp Zymny ist Autor, Kabarettist, Stand-Up-Komiker und einer der bekanntesten und erfolgreichsten Poetry-Slammer der Szene. Er gewann 2013 und 2015 die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam. Darüber hinaus wurde er unter anderem 2013 mit dem NightWash Talent Award und 2016 mit dem Jurypreis des Prix Pantheons ausgezeichnet. Im Mai 2019 erhielt er den Kleinkunstpreis der Stadt Schwerte.

Seit 1985 ist Thomas Koch als Moderator vor allem von zahlreichen WDR-Radiosendungen bekannt. In den Jahren 1995 bis 2005 war er zudem Mitglied des Autorenteams »Die SchreibWaisen« und Drehbuchautor der Sitcoms »Nikola«, »Alles Atze«, »Ritas Welt« und »Der Lehrer«. Weiterhin ist er Verfasser und Entwickler der Radio-Hörspiele »Panikraum«, »Kleiner Lauschangriff« (WDR) sowie »Warlords« und »Ehrbare Töchter« (ARD Radiotatort).

Die beiden Humorexperten aus dem Ruhrgebiet haben auf jeden Fall äußerst unterhaltsame Texte im Gepäck und werden im anschließenden Gespräch sicherlich einen scharfzüngigen Blick auf die Mehrgenerationengesellschaft aus ihren jeweiligen Blickwinkeln feilbieten. Die Moderation übernimmt der künstlerische Leiter des Literaturbüros OWL Karsten Strack.

Jan Philipp Zymny

Thomas Koch

12. August 2021

DoubleTrouble!

Unter dem Titel »DoubleTrouble – Zeitgeist!« lesen Renan Demirkan und Lara Ermer Texte, die eine Verbindung zum generationenübergreifenden Thema Zeitgeist aufweisen. Hier trifft die Schauspielerin und Bestsellerautorin Demirkan auf die Poetry-Slammerin und Psychologin Ermer.

In Ankara geboren, kam Renan Demirkan 1962 als Siebenjährige nach Deutschland. Sie gilt als Multitalent und Vordenkerin und als eine der intensivsten deutschsprachigen Darstellerinnen. Ihr erster Roman »Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker«, erschienen 1991 und in vier Sprachen übersetzt, stand wochenlang auf der Spiegelbestsellerliste und ist heute zu einem Teil der Schulliteratur geworden. Es folgten weitere Erzählungen, Sachbücher und Essays wie »Respekt – Heimweh nach Menschlichkeit« (2011). Renan Demirkan erhielt zahlreiche Auszeichnungen (u. a. den Grimme-Preis, die Goldene Kamera und das Bundesverdienstkreuz 1997 für das Projekt RESPEKT und 2018 den Demokratiepreis der SPD Rheinlandpfalz). 2016 initiierte sie den Aufruf »Checkpoint: Demokratie«, der im Mai 2017 zu einem eingetragenen Verein wurde und dessen Vorstandsvorsitzende sie ist. Im Juni 2017 gründete sie die gemeinnützige Gesellschaft »Zeit der Maulbeeren«, deren Geschäftsführerin sie ist. Das Projekt wird vom Land NRW unterstützt und ist ein kostenloses, dreiwöchiges Angebot an finanziell bedürftige, krebskranke Frauen mit und ohne Kinder.

Lara Ermer, 1996 in Fürth geboren, hat in Erlangen Psychologie studiert und lebt heute in Frankfurt. Seit 2013 steht Ermer auf Bühnen und hat über 100 Auftritte pro Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum. Durch zahlreiche Meisterschaftsteilnahmen wurde die Künstlerin u. a. fränkische U20 Poetry-Slam-Meisterin 2015 und bayrische Vizemeisterin 2016. Seit 2015 organisiert und moderiert sie auch eigene Veranstaltungsformate und ist u. a. Mitbegründerin der erfolgreichen Fürther Lesebühne Rooftop Stories. 2018 erhielt Ermer für ihr Schaffen den Kulturförderpreis der Stadt Fürth. Im März 2019 wurde sie zur Künstlerin des Monats der Metropolregion Nürnberg ernannt. Ermers erstes Buch »Ein offenes Buch – Von idealen Körpern, perfektem Sex und anderen Mythen« erscheint am 23.09.2021 im Lappan Verlag.

Die beiden Autorinnen bringen hochinteressante, gesellschaftlich relevante Textpassagen zu Gehör und werfen im anschließenden Gespräch einen erhellenden Blick auf das Thema. Die Moderation übernimmt der künstlerische Leiter des Literaturbüros OWL Karsten Strack.

Renan Demirkan

Lara Ermer

Mechthild Großmann, die Schauspielerin mit der unverwechselbaren Stimme, liest aus Amos Oz’ Roman »Der perfekte Frieden«. Der große israelische Autor erzählt darin die Geschichte eines Kibbuz und seiner Bewohner*innen. Es ist eine Geschichte, die er kennt, denn er selbst hat viele Jahre in einer dieser Keimzellen des israelischen Staatswesens gelebt.

Jonathan Lifschitz ist 26, scheinbar glücklich verheiratet und bei den anderen »Kibbuznikim« sehr geschätzt. Und dennoch beschließt er eines Tages, wegzugehen und ein neues Leben zu beginnen. An einem dieser fernen Orte, »an denen alles möglich ist, alles geschehen kann: plötzlicher Erfolg, Liebe, Gefahr, eigenartige Begegnungen.« Doch ganz so einfach ist es nicht. Da ist seine Familie und all die Männer und Frauen mit liebenswert skurrilen Eigenschaften, von denen man sich nicht einfach lösen kann. Als er seinen Plan schließlich in die Tat umsetzt, führt ihn sein Weg nach Petra, zu jener legendären, aus dem Fels herausgeschlagenen Ruinenstadt.

In seinem Roman spürt Amos Oz der Frage nach, was aus der Verwirklichung des Gedankens, jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen, geworden ist. Wie lässt sich die Sehnsucht der alten Zionist*innen nach einem Staat, in dem sie frei und sicher leben können, mit der Sehnsucht nach Abenteuer und Freiheit bei den Jüngeren vereinbaren?

»Der perfekte Frieden« ist ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn dadurch erhält, dass es mutig gelebt wird, und es ist das Porträt einer utopischen Idee und einer Zeit, in der diese Idee von vielen Seiten in Frage gestellt wird.

Mechthild Großmann

Mechthild Großmann, die Schauspielerin mit der unverwechselbaren Stimme, liest aus Amos Oz’ Roman »Der perfekte Frieden«. Der große israelische Autor erzählt darin die Geschichte eines Kibbuz und seiner Bewohner*innen. Es ist eine Geschichte, die er kennt, denn er selbst hat viele Jahre in einer dieser Keimzellen des israelischen Staatswesens gelebt.

Jonathan Lifschitz ist 26, scheinbar glücklich verheiratet und bei den anderen »Kibbuznikim« sehr geschätzt. Und dennoch beschließt er eines Tages, wegzugehen und ein neues Leben zu beginnen. An einem dieser fernen Orte, »an denen alles möglich ist, alles geschehen kann: plötzlicher Erfolg, Liebe, Gefahr, eigenartige Begegnungen.« Doch ganz so einfach ist es nicht. Da ist seine Familie und all die Männer und Frauen mit liebenswert skurrilen Eigenschaften, von denen man sich nicht einfach lösen kann. Als er seinen Plan schließlich in die Tat umsetzt, führt ihn sein Weg nach Petra, zu jener legendären, aus dem Fels herausgeschlagenen Ruinenstadt.

In seinem Roman spürt Amos Oz der Frage nach, was aus der Verwirklichung des Gedankens, jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen, geworden ist. Wie lässt sich die Sehnsucht der alten Zionist*innen nach einem Staat, in dem sie frei und sicher leben können, mit der Sehnsucht nach Abenteuer und Freiheit bei den Jüngeren vereinbaren?

»Der perfekte Frieden« ist ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn dadurch erhält, dass es mutig gelebt wird, und es ist das Porträt einer utopischen Idee und einer Zeit, in der diese Idee von vielen Seiten in Frage gestellt wird.

Mechthild Großmann

Merle Kröger erzählt in ihrem vielstimmigen Thriller »Die Experten« von einem deutschen Wissenschaftler, der in Ägypten Jagdflugzeuge baut, und von einer Familie, die im Nahen Osten zwischen die Fronten der Nachkriegszeit gerät.

Es sind die 1960er Jahre und Ägyptens Präsident Nasser träumt von einer afrikanischen Rüstungsindustrie, und so zieht es deutsche Flugzeugkonstrukteure, Triebwerksbauer und Raketentechniker in großer Zahl nach Ägypten. Rita Hellberg will ihre Eltern in Kairo eigentlich nur besuchen. Doch der Vater, einer der Flugzeugingenieure in Ägyptens Diensten, entscheidet: Die Familie gehört zusammen. Während ihre Mutter sich dem Leben in Kairo verweigert, erkennt Rita bald, dass es für sie keinen besseren Ort geben kann, um ihre eigene Zukunft zu gestalten. Sie lässt sich mitreißen in eine faszinierende Welt im Umbruch und beginnt, im Raketenwerk als Sekretärin zu arbeiten. Erst mit der Zeit wird ihr klar, dass sie mitten in einem Konflikt gelandet ist, in dem mit allen Mitteln um historische und zukünftige, um weltpolitische und regionale Interessen gekämpft wird. Jeder beobachtet jeden, Bomben explodieren, Menschen sterben. Rita Hellberg ist hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu ihrer schwierigen Familie und der Behauptung israelischer Zeitungen, Ägypten arbeite mit deutscher Hilfe an ABC-Waffen.

Auf die dem Buch zugrundeliegende Familiengeschichte stieß die Berliner Autorin und Dokumentarfilmerin Merle Kröger im Nachlass der Eltern einer Freundin. Nach jahrelanger Recherche nahm sie sich für ihren fünften Roman die Freiheit, »in diese spezifische historische Situation hineinzufiktionalisieren«. Entstanden ist ein Thriller, in dem die politisch und moralisch unübersichtliche Geschichte der deutschen Experten in Ägypten, die Intrigen und heimlichen Feindschaften der verschiedenen Mächte nicht bloß den Hintergrund für die individuellen Abenteuer der Protagonist*innen abgeben. Die Geschichte ist selbst vielstimmiger Akteur der Erzählung, und zwar in Gestalt von Zeitungsartikeln, Tagebüchern oder BND-Akten. »Die Experten« ist ein Buch, »das die prekären biografischen wie politischen Umstände der Nachkriegszeit brennend ins Bewusstsein rückt und Gewissheiten infrage stellt. Nicht zuletzt die, wie ein Politthriller geschrieben sein sollte« (Deutschlandfunk Kultur).

Merle Kröger

Der Schriftsteller Saša Stanišić ist ein Verfasser leuchtender Worte, Sätze und Geschichten. Im Haus Münsterberg liest er aus seinem 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Buch »Herkunft« und verrät, was für ihn die Faszination von Wolf Haas und dessen tintenschwarzem Humor ausmacht. Der Sprecher und Schauspieler Marc Ben Puch ist mit Auszügen aus Haas’ Kriminalroman »Silentium!« zu hören.

»Herkunft« ist ein Buch über ein Dorf, in dem nur noch dreizehn Menschen leben, ein Land, das es heute nicht mehr gibt, eine zersplitterte Familie, die die von Saša Stanišić ist. Es ist ein Buch über Heimaten, in seiner Erinnerung und seiner Erfindung. Ein Buch über Sprache und Scham, Ankommen und Zurechtkommen, Glück und Tod.

»Herkunft« liest sich wie ein Streifzug durch die Erinnerung: Auf der einen Seite die früheren und heutigen Begegnungen mit der Großmutter in Bosnien, die allmählich dement wird. Auf der anderen Seite das Ankommen in Heidelberg nach der Flucht aus Višegrad, die Utopie an der Aral-Tankstelle und der schulische und universitäre Werdegang mit dem ständigen Wissen, wie fragil und oft zufällig biografische Prägungen sind. Saša Stanišić’ »Fähigkeiten liegen darin, einzelne Momente hervorzuholen und sie fast märchenhaft aufscheinen zu lassen, und es gibt dabei glänzende sprachliche Verschiebungen und poetische Verrücktheiten«, urteilt Deutschlandfunk Kultur.

Saša Stanišić ist ein großer Bewunderer des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas. An seinen Romanen, über die er sogar seine Magisterarbeit schrieb, schätzt er insbesondere den überragenden Humor und die wunderbaren Studien bestimmter sozialer Milieus. Marc Ben Puch liest aus Wolf Haas’ mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichneten Roman »Silentium!«. Der vierte Band um den lebensklugen Wiener Privatdetektiv Brenner führt ihn in ein Salzburger Knabeninternat, wo einst im Duschkeller befriedigte und inzwischen vertuschte Lust einen ehrwürdigen Bischofskandidaten um das ersehnte hohe Amt zu bringen droht. 23 Plastiktaschen mit zerstückelten Leichenteilen gefährden gar den Ruf der Festspielstadt.

Saša Stanišić

Marc Ben Puch

Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft, sondern gehört für zahlreiche Menschen zum Alltag. Dennenesch Zoudé und Simon Roden lesen Erzählungen von Toni Morrison, Sharon Dodua Otoo und Nana Kwame Adjei-Brenyah und bringen drei sehr unterschiedliche Facetten von Rassismus zu Gehör. Denn es gibt sie schon lange und überall, die vielen Stimmen, die Rassismus – den offensichtlichen und den versteckten – dokumentiert und zu Literatur geformt haben.

Keine andere amerikanische Autorin hat das Thema Rassismus über die Jahrzehnte hin so konsequent und leidenschaftliche beschrieben wie die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. In ihrer Short Story »Sweetness« schildert sie den Schock, den Sweetness bei der Geburt ihres tiefschwarzen Babys empfindet, denn Mutter und Tochter leben in einem Land und in einer Gesellschaft, in der Schattierungen einer Hautfarbe immer noch über die Zukunft eines Kindes entscheiden. Aber Lula Ann sträubt sich gegen den Gehorsam und die Unterwürfigkeit, die ihre Mutter ihr aus Angst vor rassistischen Angriffen beizubringen versucht.

Ein Seufzen, zwei abgeschreckte Eier, das Blubbern des kochenden Wassers: So beginnt Sharon Dodua Otoos Text »Herr Gröttrup setzt sich hin«, für den sie 2016 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Als das wie gewohnt gekochte Frühstücksei überraschenderweise nicht hart, sondern immer noch weich ist, fällt das Ehepaar Gröttrup aus allen Wolken. Was als charmante, unangestrengte Satire über deutschen Alltag und ein renitentes Frühstücksei gelesen werden kann, ist vielmehr ein Versuch der Autorin zu zeigen, welche Auswirkungen Privilegien und weißes Selbstverständnis haben.

Nana Kwame Adjei-Brenyahs gefeierte Stories stilisieren die Mechaniken rassistischen Hasses zu grotesken Dystopien. In »Die Finkelstein Five« kämpft Emmanuel gegen Traumbilder von mit einer Kettensäge enthaupteten schwarzen Kindern, während er in seinen wachen Stunden versucht, seine »Schwarzheit« auf einer Skala von eins bis zehn zu regulieren, um der täglichen Diskriminierung zu entgehen. Nana Kwame Adjei-Brenyah erzählt in schnörkelloser, direkter Sprache und mit grellen Effekten.

Der japanische Kanun-Spieler und Komponist Shingo Masuda umrahmt und akzentuiert die Lesungen. In seinem Spiel vereint der meisterhafte Instrumentalist Kenntnisse der Maqam-Musik aus der arabischen und türkischen Tradition mit Elementen aus anderen Kulturen und sucht den Dialog zwischen Wort und Ton.

Der Ex-Basketballspieler Dirk Nowitzki gehört zu den Legenden eines weltweiten Spiels. Thomas Pletzinger hat ihn über viele Jahre immer wieder getroffen und begleitet. Im Sportzentrum Maspernplatz stellt der Schriftsteller sein Buch »The Great Nowitzki« in Lesung und Gespräch vor und gibt Einblick in die Geschichte der großen und faszinierenden Karriere Nowitzkis.

Dirk Nowitzki hat Basketball grundlegend revolutioniert. Kein deutscher Sportler hat seine Sportart tiefgreifender geprägt. Als Spieler war er ein globaler Superstar, als Mensch zugleich nahbar und schwer zu fassen. Im Frühjahr 2012 reiste Thomas Pletzinger erstmals nach Dallas, um einen Text über den Sportler zu schreiben. Es folgten weitere Artikel, Reisen, Spiele und Trainingseinheiten. »Zahlreiche großartige Gesprächspartner*innen, rätselhafte Figuren und rührende Momente, Geschichten über Geschichten. Vor allem: viele gute Unterhaltungen mit Dirk Nowitzki«, erinnert sich Thomas Pletzinger.

Über einen Zeitraum von sieben Jahren wurde der Autor Teil des Nowitzki-Kosmos. In »The Great Nowitzki« beschreibt er die ungesehene Welt jenseits des Scheinwerferlichts – zwischen Flughäfen, staubigen Turnhallen und Nowitzkis Zuhause in Dallas. Und er stellt ganz persönliche Fragen: Wie fühlt es sich an, ausgepfiffen zu werden? Wie war der Tag nach der Meisterschaft? Was bedeutet ihm Geld? Wem kann er vertrauen? Wie einsam ist ein Superstar? Was beginnt, wenn die Karriere endet?

Aber er nimmt das Phänomen Nowitzki auch aus weiteren Perspektiven in den Blick und sprach mit dem direkten Umfeld, Gegnern und Mitspielern, Fans und Coaches, aber auch mit Soziolog*innen, Ökonominnen und Künstlerinnen. Entstanden ist eine brillante Nahaufnahme des außergewöhnlichen Menschen Nowitzki und zugleich eine meisterhafte literarische Reportage aus der Welt des Profisports – mitreißend, kenntnisreich und mit genauem Blick erzählt.

»All die Stunden in der Halle, all die Niederlagen und Siege, all die Geschichten und Gedanken – es braucht einen Autor wie Thomas Pletzinger, um die richtigen Worte für meine Welt und mein Spiel zu finden. Ich hätte mir keinen besseren wünschen können«, ist auch Dirk Nowitzki überzeugt.

11. August 2021

Die*der literarische Pat*in

Mit seinem neuen Literaturprojekt »Die*Der literarische Pat*in« fördert das Literaturbüro OWL den generationenübergreifenden Austausch von Autor*innen in Ostwestfalen-Lippe. Jann Wattjes und Erwin Grosche (beide Paderborn), Emily Lüpken (Versmold) und Jutta Krähling sowie Rike Sauer und Hellmuth Opitz (alle Bielefeld) bilden die ersten drei Tandems, die zwischen Mai und Dezember 2021 gemeinsame Begegnungen haben.

Hier begleiten und unterstützen jeweils die erfahrenen Autor*innen die jungen Autor*innen, die sich noch in der Frühphase des Schaffens befinden. Diese Begleitung ist allerdings nicht einseitig gedacht. Es geht vielmehr darum, eine echte Win-Win-Situation zu schaffen: Beide Schriftsteller*innen-Generation profitieren von den gegenseitigen Blickwinkeln und inspirieren sich im Idealfall wechselseitig. Und nicht nur das: Die beteiligten Autor*innen arbeiten auch an gemeinsamen Texten oder reflektieren das Werk der*s jeweils Anderen in eigenen Texten.

Auf die Ergebnisse darf das geneigte Publikum bei der großen Abschlusslesung gespannt sein. Moderiert wird die Veranstaltung von Karsten Strack, der sich als Künstlerischer Leiter des Literaturbüros OWL bereits jetzt auf diesen besonderen Jahresveranstaltungsabschluss freut.

Erwin Grosche

Jutta Krähling

Emily Lüpken

Jann Wattjes

Rike Sauer

Hellmuth Opitz

In der spanischen Literatur geht es häufig um die Leidenschaft für das Essen. Unzählige Romane, Krimis, Kurzgeschichten und Gedichte thematisieren die Qualität und die Symbolik der spanischen Küche in all ihren facettenreichen regionalen Ausgestaltungen. Alle, die schon einmal in das Leben einer spanischen Region eingetaucht sind, wissen eines ganz genau: Hier wird nicht einfach nur gegessen, hier wird das Essen in all seiner Pracht gefeiert!

Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, diesen Aspekt mit einer eigenen Veranstaltung im Rahmen der diesjährigen »Literarischen Positionen in Europa« aufs Leidenschaftlichste zu würdigen.

Und damit das Ganze auch auf breiter Ebene gelingen kann, hat das Literaturbüro OWL für diesen Abend einen bunten kulturellen Mix an hochkarätigen Gästen eingeladen: So wird die Hannah-Ahrendt-Darstellerin und Ulrich-Wildgruber-Preis-Trägerin Friederike Becht ausgewählte Texte zum Thema Kulinarik in der spanischen Literatur rezitieren. Der Bogen spannt sich über Literatur aus mehreren Jahrhunderten. Vor allem die Epoche des Naturalismus bietet in dieser Hinsicht ein schier unerschöpfliches Reservoir. Im 19 Jahrhundert standen in der spanischen Literatur insbesondere die Themen Körperlichkeit und Gesellschaft auf der schriftstellerischen Agenda. Aber auch die zahlreichen kochenden Männer in Spanien werden literarisch gewürdigt. Zudem erfolgt auch ein Blick auf die moderne spanische Küche – denn dort wurde schließlich die Molekularküche begründet. Friederike Becht wendet sich sowohl lyrischen als auch erzählerischen Texten zu.

Passend dazu stellt der Fotograf und Koch Martin Steffen entsprechende Gerichte vor und bereite diese auch zum anschließenden allgemeinen Verzehr zu. Sie sind herzlich eingeladen, diese wohlschmeckenden Speisen zu verköstigen – dies ist im Eintrittspreis enthalten.

Darüber hinaus wird die international bekannte Sommerhit-Band Marquess mit extra für die Veranstaltung konzipierten Neuinterpretationen von spanischen Songs überraschen. Der Künstlerische Leiter des Literaturbüros OWL, Karsten Strack, wird diese abwechslungsreiche Veranstaltung moderieren.

Friederike Becht

Martin Steffen

Marquess

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