01. März 2021

sofa stories

Am 11. Juni 2021 heißt es wieder »Bühne frei« für die »sofa stories«. In gemütlichen Wohngemeinschaften gemeinsam Texten zu lauschen und Corona passen nicht wirklich zusammen – daher verlegen wir die Lesungen in diesem Jahr einfach aus den WGs nach draußen. Unter freiem Himmel, in Gärten, Höfen und Parks in Bielefeld gibt es Lesungen frei Haus.

An vier Orten sind vier Schauspieler*innen bzw. Sprecher*innen mit vier unterschiedlichen Texten zu hören. Die ausgewählten Texte werden mehrfach und parallel gelesen. Das Publikum wandert in Gruppen – mit dem Klapphocker unter dem Arm – von Ort zu Ort und von Lesung zu Lesung durch die abendliche Stadt.

Weitere Details zur Veranstaltung, z. B. welche Texte gelesen werden oder welche Schauspieler*innen zu hören sind, gibt es bald an dieser Stelle und immer aktuell bei Facebook und Instagram.

08. Februar 2021

Experiment Heimat

HEIMAT – eine Emotion oder ein Ort? Eine Realität oder ein Ideal? Ist sie dort, wo wir geboren oder aufgewachsen sind? Oder hier, wo wir jetzt leben? Verändert sich HEIMAT im Laufe des Lebens? Oder existiert sie vielleicht überhaupt nicht (mehr)? Diesen und zahlreichen anderen Fragen geht das Projekt »Experiment HEIMAT« des Westfälischen Literaturbüros in Unna nach. Im Zeitraum von 2021 bis 2022 setzten sich renommierte Autor*innen und Fotograf*innen künstlerisch mit acht bereits als HEIMAT etablierten Räumen oder aus bestimmter Perspektive »heimatlich« konnotierten Orten in Westfalen auseinander. Einer dieser HEIMAT-Orte ist das Hermannsdenkmal in Detmold.

HEIMAT-Ort: Hermannsdenkmal

Vom 26. Juni bis zum 01. Juli kommen der Autor Wladimir Kaminer und die Fotograf*innen Ute Mahler und Werner Mahler für einen Rechercheaufenthalt nach Detmold. In Begegnungen und im Austausch mit den hier lebenden Menschen, gesellschaftlichen Gruppierungen und Besucher*innen nähert das Trio sich dem Wahrzeichen Lippes mit Stift und Kamera. Zentral wird dabei stets die Frage sein, inwieweit sich der Blick von außen mit der Eigenwahrnehmung der in Lippe lebenden Menschen von »ihrer« Heimat deckt.

Wladimir Kaminer

Ute Mahler

Werner Mahler

Rahmenprogramm

Begleitet wird ihr Aufenthalt von einem vielseitigen Programm mit Lesungen, Konzerten, Podiumsgesprächen, Workshops und Mitmachaktionen. Zum Auftakt sind Wladimir Kaminer und das Ensemble vino rosso am 26. Juni auf der Waldbühne am Hermannsdenkmal zu erleben und schon vorher vermittelt André Sedlaczek in einem Comic-Workshop die nötigen Tipps und Kniffe, um einen Comic zum Thema »Wem würde ich heute ein Denkmal bauen?« zu kreieren. Victor Funk geht in seiner Lesung aus »Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich« den großen Fragen »Wo gehöre ich hin?« und »Wo ist meine Heimat?« nach und Dilek Güngör beschreibt in ihrem ehrlichen und sensiblen Roman »Ich bin Özlem«, wie sich das anfühlt für jemanden, der zu diesen »anderen« gehört und irgendwie auch nicht. Darüber hinaus wird es einen Spaziergang mit »künstlerischen Zwischenstopps« vom Hermannsdenkmal zum Fuß des Hermanns in der Innenstadt geben, die Initiative »Ankommen in Lippe« stellt sich vor und auch Heinrich von Kleists Drama »Die Hermannsschlacht« wird zu hören sein.

Veranstaltungsdetails folgen demnächst.

Unterstützung erhält das Literaturbüro OWL von zahlreichen ehrenamtlichen und öffentlichen Gruppierungen und Einzelpersonen, darunter die Heimatvereine Detmold und Hiddesen, das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, die von der Denkmal-Stiftung des Landesverbandes Lippe betriebene Waldbühne am Hermannsdenkmal, die Initiative »Ankommen in Lippe«, die »Wald und Wiesen«-Konzerte, der Cartoonist André Sedlaczek, die Kita Vahlhausen und zahlreiche weitere Partner*innen.

Das Projekt

Details zu den anderen HEIMAT-Orten, den weiteren Künstler*innen und dem Text-Foto-Band sowie der Wanderaustellung, die die literarischen und fotografischen Ergebnisse präsentieren, sind auf der Webseite zum Projekt »Experiment HEIMAT« zu finden.

14. Dezember 2020

Don Quijote reloaded

Alles wird sich drehen – die Flügel der Windmühle Südhemmern ebenso wie der Veranstaltungsreigen zu Don Quijote. Im Frühjahr 2021 präsentiert das Literaturbüro OWL im Rahmen von europa:westfalen – literaturfestival [lila we:] 2021 einen Nachmittag lang Cervantes Epos – den Originaltext ebenso wie literarische, musikalische, visuelle und sprachmelodische Adaptionen.

Als Don Quijote die 30 oder 40 Windmühlen entdeckte,
sagte er zu seinem Knappen Sancho: »Das Abenteuer lenkt unsere
Schritte besser als wir uns wünschen könnten,
denn sieh‘ nur da, mein Freund Sancho Panza, dort warten
30 oder mehr ungeheure Riesen, die ich zur Schlacht
herauszufordern gedenke, bis sie alle ihr Leben ausgehaucht haben werden
…«
»Welche Riesen?!«, entgegnet Sancho,
»diese Erscheinungen sind keine Riesen, sondern Windmühlen
(Miguel de Cervantes)

Der Kampf des Romanhelden Don Quijote gegen die Windmühle findet auf dem Gelände der Windmühle Südhemmern statt. Besucher*innen können den Protagonisten des Meisterwerks an drei unterschiedlichen Stationen, in drei unterschiedlichen Welten, in drei unterschiedlichen Adaptionen erleben.

In der Mühle selbst präsentieren die Klangkomponistin und Sopransaxophonistin Antje Vowinckel und Trompeterin Sabine Ercklentz eine Live-Performance, in der kleine Riesen zur musikalischen Gestalt werden. Die Klanginstallation wurde als Auftragsarbeit für die Windmühle Südhemmern und Don Qujote entwickelt. Klänge verschränken sich mit kastilischen O-Tönen, in denen Menschen aus der Mancha die Geschichte von den vermeintlichen Riesen aus ihrer Erinnerung erzählen. Die Sprechrhythmen und Sprachmelodien verweben sich mit den Geräuschen der Mühle und der Winde. In der Performance nehmen Antje Vowinckel und Sabine Ercklentz die verschiedenen Geräusch- und Sprachklänge mit ihren Instrumenten auf und vergrößern sie weiter. 

Die Mühlenscheune öffnet ihre Tore für eine Schauspielerlesung aus dem Originaltext in deutscher Übersetzung. Der Roman »Don Quijote« von Miguel de Cervantes, entstanden 1605-1615, ist geradezu ein Klassiker der Weltliteratur. Die sympathische Titelfigur wurde zum spanischen Nationalhelden und Cervantes Werk zum Nationalepos. Die Lesung des Epos übernimmt der Schauspieler Tom Jacobs, er wird von dem Akkordeonisten Dragan Ribic mit Stücken klassischer spanischer Komponisten begleitet.

Die dritte Station im Müllerhaus legt den Fokus auf eine zeitgenössische Bearbeitung des Werkes. Der Comic Autor Felix Görmann alias Flix verwandelt den Protagonistin Don Quijote in den Helden Senior Alonso Quijano, der an Demenz erkrankte und einer der letzten Bewohner des mecklenburgischen Dörfchens Tobosow ist. Ein Comic, welcher zwar neuinterpretiert ist und in Bildern – die grandios komisch und verblüffend berührend erscheinen – dargestellt ist, hält dennoch die Erinnerung an den klassischen Don Quijote stets aufrecht. Hier kämpft der Held nicht gegen Riesen, sondern gegen die Errichtung eines Wind(mühlen)parks. Die Sprecherin Mareike Hein wird den Comic zu einem (beinahe) kleinen Kino-Erlebnis aufleben lassen.

Antje Vowinckel

Mareike Hein

Dragan Ribic

Tom Jacobs

Details zum Kartenvorkauf werden baldmöglichst bekannt gegeben.

Italiens lebendige Literaturlandschaft und ihr Verhältnis zu Deutschland

Luigi Reitani (bis Herbst 2019 Leiter des Italienischen Kulturinstituts Berlin) im Gespräch mit Jürgen Keimer (Moderator)

»Luigi Reitani verkörpert eine seltene Mischung aus Intellektualität und praktischer Herzlichkeit, aus tieferem Ernst und höherer Heiterkeit.« (Peter von Becker, Der Tagesspiegel)

Luigi Reitani, 1959 in Foggia geboren, einer Stadt in der süditalienischen Region Apulien, gehört nicht nur zu den bekanntesten Germanisten Italiens, sondern auch zu den kundigsten und klügsten Übersetzern deutschsprachiger Literatur ins Italienische. Nach seinem Studium der Deutschen Literatur an der Universität in Bari und mehrjährigen Studien- und Forschungsaufenthalten wurde er um die Jahrtausendwende Professor an der Universität von Udine im Friaul, an der er heute wieder lehrt. In der Zwischenzeit war er von 2008 bis 2013 Kulturdezernent der Stadt Udine und, zum Glück für die Rezeption der italienischen Literatur wie überhaupt der italienischen Kultur in Deutschland, zwischen 2015 und 2019 Direktor des Italienischen Kulturinstituts in der Italienischen Botschaft in Berlin. Hier wurde er mit einem hochengagierten, vielfältigen und qualitativ dichten Kulturprogramm zum Botschafter der italienischen Kultur in Deutschland und ließ das italienische Kulturinstitut in dieser Zeit über alle anderen in Berlin vertretenen ausländischen Institute hinwegleuchten.

Filmemacher*innen, Musiker*innen, Bildende Künstler*innen, Schauspieler*innen, Philosoph*innen, Kultur- und Literaturkritiker*innen und –wissenschaftler*innen, Übersetzer*innen und immer wieder italienische Schriftsteller*innen holte Reitani nach Berlin, um hier die Vielfalt der italienischen Kultur vorzustellen und um die Brücken zwischen zwei Nationen – Italien und Deutschland – zu erneuern und zu festigen, die vor Jahrzehnten schon einmal viel enger gewesen waren.

Diese Brücken baute er nicht nur in Berlin, sondern auch auf den Buchmessen in Frankfurt am Main und Leipzig weiter aus, auf denen das italienische Kulturinstitut während seiner Amtszeit nicht nur jeweils mit einem Stand vertreten war, sondern sich immer auch mit einem kleinen aber feinen literarisch-künstlerischen Programm präsentierte, wozu immer auch ein Treffen von Übersetzer*innen und Literaturvermittler*innen gehörte. Und ganz nebenbei vollendete Reitani selbst nicht nur die Übersetzung sämtlicher Gedichte Hölderlins, sondern verfasste zudem einen Großteil der kritischen Kommentare, Interpretationen und Erläuterungen zur Gesamtausgabe der Werke Friedrich Hölderlins, deren Herausgeber er ist und die im Mailänder Mondadori Verlag in der legendären Reihe der »I Meridiani« erscheint.

»Im Leben und in meiner Arbeit habe ich immer an den Dialog zwischen Menschen und Kulturen geglaubt, an den prägenden Wert von Bildung. Ich fühle mich europäisch aus Überzeugung …«, sagte Reitani zum Abschied aus seinem Amt im September 2019. Man kann sicher sein, dass sich Reitani, der einen Wohnsitz in Berlin behält, auch zukünftig um die Vermittlung und Verbreitung italienischer Literatur in Deutschland kümmern wird, gerade auch mit Blick auf den italienischen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2024.

Bei den Literarischen Positionen wird Reitani im Gespräch mit Jürgen Keimer auf die Entwicklung der italienischen Literatur der Gegenwart eingehen (für die das Turiner Verlagshaus Einaudi bis in die 1980er Jahre hinein eine größere gesellschaftliche Bedeutung besaß als es zum Beispiel der Suhrkamp Verlag für Deutschland je hatte), interessante zeitgenössische italienische Autor*innen und literarische Bewegungen kurz vorstellen, Überlegungen zu der wichtigen Bedeutung eines anhaltenden Kulturaustauschs zwischen Deutschland und Italien vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa anstellen und dabei sicherlich immer wieder auch auf die Modernität Hölderlins zu sprechen kommen.

Davide Enia – »Schiffbruch vor Lampedusa«

Lesung und Gespräch
Davide Enia »Schiffbruch vor Lampedusa«
Susanne Van Volxem (Übersetzerin)
Thomas Streipert (Sprecher)
Jürgen Keimer (Moderater)

«Sein Gewicht verdankt Enias Buch den Menschen von Lampedusa (…). Als Ich-Erzählung ist es das Dokument einer tiefen persönlichen, aber auch europäischen Erschütterung und die Weigerung, sich an das alte sizilianische Sprichwort zu halten: ›A megghiu parola è chidda ca ‘un si dici‹ – das beste Wort ist das ungesagte.« (Ursula Scheer, FAZ)

Lampedusa, Sinnbild der Flüchtlingskrise, ist der Ausgangspunkt von Davide Enias Buch »Schiffbruch vor Lampedusa«. Er erzählt die Geschichte von Menschen, die die Erfahrung der Zerbrechlichkeit der Existenz und den Anblick des Todes miteinander teilen und weitergeben. Der Autor Davide Enia, geboren 1974 in Palermo, lebt in Rom. Er arbeitet als Dramaturg, Regisseur, Schauspieler und Autor. Für seine dramatischen Texte, die er teilweise selbst inszeniert und aufführt, wurde er mit zahlreichen wichtigen italienischen Theaterpreisen ausgezeichnet.

Giulia Caminito »Ein Tag wird kommen«

Lesung und Gespräch
Giulia Caminito »Ein Tag wird kommen«
Annette Kopetzki (Übersetzerin)
Thomas Streipert (Sprecher)
Jürgen Keimer (Moderater)

»Ein Tag wird kommen« (…) ist eine Reise durch die Geschichte des täglichen Lebens von Menschen, die zwar nicht reich sind, aber voll des Glaubens und der Hoffnung in ein Morgen, das sie dazu bewegt alles zu tun, um das Recht auf ein Leben in Würde zu erlangen. (Viviana Filippini, sulromanzi.it)

In ihrem Roman »Ein Tag wird kommen« erzählt Giulia Caminito eine italienische Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt die Brüder Nicola und Lupo stehen. Es ist eine Geschichte über Schuld und Anarchie, Widerstand und unverwüstliche Hoffnung in Zeiten des aufkeimenden Faschismus. Giulia Caminito,1988 geboren, studierte politische Philosophie in Rom. Ihr Roman ist dem Andenken ihres Urgroßvaters gewidmet, einem in Marken, einer ostitalienischen Region in der Adria, bekannten Anarchisten, dessen Spuren sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland verlieren.

Premiere: »Voci di Sicilia«
Eine sizilianische Reise mit Etta Scollo

Gespräch
Etta Scollo
Klaudia Ruschkowski (Herausgeberin und Übersetzerin)
Jürgen Keimer (Moderator)

Konzertlesung (Premiere)
Etta Scollo (Gesang und Gitarre)
Susanne Paul (Cello)
Cathrin Pfeifer (Akkordeon)
Robert Stadlober (Sprecher)

»Buch und Reise sind ein Wort. In einen Roman eintauchen, in eine Erzählung oder ein Gedicht, was heißt es anderes, als einen Koffer mit Vorstellungen und Gefühlen zu füllen, als würde man aufbrechen. Setzen wir zwischen Buch und Reise Sizilien, dann sind die Würfel gefallen.« (Dario La Rosa)

Seit vielen Jahren schon ist es die Absicht von Etta Scollo, Musik mit Literatur und Dichtung zusammenzubringen. Davon zeugt zum Beispiel ihr Album »Il Fiore Splendente«, eine Hommage an die arabisch-sizilianischen Dichter des 9. bis 12. Jahrhunderts, an dem sich namhafte Künstler wie Franco Battiato, Giovanni Sollima, Markus Stockhausen und Nabil Salameh beteiligten, oder auch das Album »Lunaria«, welches dem sizilianischen Schriftsteller Vincenzo Consolo gewidmet ist. 2017 realisierte sie das Projekt »Lampedusa 361« über die Gräber ertrunkener Bootsflüchtlinge auf Sizilien, wodurch sich Etta Scollo als politische Künstlerin mit hellwachem sozialen Gewissen erwiesen hat.

Buch und CD von »Voci di Sicilia« zeugen von der unerschöpflichen Vielfalt und Lebendigkeit Siziliens im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Europa und Afrika. Etta Scollo veröffentlicht hier erstmals eigene Erzählungen, die neben ihren Liedtexten stehen. Dazu kommen Texte sizilianischer Dichter*innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Wie mit ihrer Musik ist es Etta Scollo auch mit diesem Buch ein tiefes Anliegen, Literatur und Musik, gesellschaftliche Themen, politische Fragen und die vielfältigen kulturellen Einflüsse miteinander zu verbinden, in dem Wissen, dass Menschlichkeit immer aus Unterschieden und Vielheit besteht.

Welche Geschichten gab es in Lemgo für den Autor Thomas Pletzinger zu entdecken? Und wie beschrieb in umgekehrter Perspektive der in Lemgo geborene Forschungsreisende Engelbert Kaempfer seine Erlebnisse im Orient des 17. Jahrhunderts? Thomas Pletzinger und August Zirner stellen den Blick nach und aus Lemgo gegenüber.

Im August machte sich Thomas Pletzinger auf den Weg nach Lemgo. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt näherte der Autor sich bekannten und weniger bekannten Orten und versuchte zu erspüren, was die Alte Hansestadt ausmacht. »Es ist immer eine interessante Herausforderung, sich einem für mich gänzlich unbeschriebenen Ort mit dem Notizbuch zu nähern. Welche Geschichte drängt sich auf, was wird erst auf den zweiten Blick sichtbar?«, verriet er vorab.

Thomas Pletzinger versteht es, genau hinzuschauen, den Dingen nachzugehen und im Offensichtlichen das Überraschende zu entdecken. Seine Eindrücke, die Begegnungen mit Menschen in Lemgo und Gedanken, die ihn während seines Aufenthalts umtrieben, sind Ausgangspunkt seiner Auftragsarbeit, die im Alten Ratssaal ihre Premiere erlebt.

Das genaue Hinsehen war auch dem Lemgoer Arzt Engelbert Kaempfer, der als einer der bedeutendsten deutschen Orientreisenden des 17. Jahrhunderts gilt, zu eigen. Seine fast zehnjährige Forschungsreise (1683 bis 1693) führte ihn über Russland und Persien in das damals für Europäer*innen unzugängliche Japan. August Zirner liest aus den großen Werken Kaempfers, den »Amoenitates« und dem Japanwerk, sowie aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen.

Der Ex-Basketballspieler Dirk Nowitzki gehört zu den Legenden eines weltweiten Spiels. Thomas Pletzinger hat ihn über viele Jahre immer wieder getroffen und begleitet. In »The Great Nowitzki« erzählt der Schriftsteller die Geschichte der großen und faszinierenden Karriere Nowitzkis.

Dirk Nowitzki hat den Sport und das Spiel Basketball grundlegend revolutioniert und tiefgreifend geprägt. Als Spieler war er ein globaler Superstar, als Mensch zugleich nahbar und schwer zu fassen. Im Frühjahr 2012 reiste Thomas Pletzinger erstmals nach Dallas, um einen Text über den Sportler zu schreiben. Es folgten weitere Artikel, Reisen, Spiele und Trainingseinheiten. »Zahlreiche großartige Gesprächspartner*innen, rätselhafte Figuren und rührende Momente, Geschichten über Geschichten. Vor allem: viele gute Unterhaltungen mit Dirk Nowitzki«, erinnert sich Thomas Pletzinger.

Über einen Zeitraum von sieben Jahren wurde der Autor Teil des Nowitzki-Kosmos. In »The Great Nowitzki« beschreibt er die ungesehene Welt jenseits des Scheinwerferlichts – zwischen Flughäfen, staubigen Turnhallen und Nowitzkis Zuhause in Dallas. Und er stellt ganz persönliche Fragen: Wie fühlt es sich an, ausgepfiffen zu werden? Wie war der Tag nach der Meisterschaft? Wie einsam ist ein Superstar? Was beginnt, wenn die Karriere endet? Aber er nimmt das Phänomen Nowitzki auch aus weiteren Perspektiven in den Blick und sprach mit Gegnern, Mitspielern, Fans und Coaches.

Entstanden ist eine brillante Nahaufnahme des außergewöhnlichen Menschen Nowitzki und zugleich eine meisterhafte literarische Reportage aus der Welt des Profisports – mitreißend und mit genauem Blick erzählt.

Pier Paolo Pasolini »Die lange Straße aus Sand«

Lesung und Gespräch
Rolf Becker (Sprecher)
Annette Kopetzki (Übersetzerin)
Jürgen Keimer (Moderator)

»Pasolinis Text allein ist schon hinreißend bildstark. Impressionistisch flirrend, erzeugt er trotz seines Alters ein Gefühl reiner Gegenwart.« (Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel)

Pier Paolo Pasolini, geboren 1922 in Bologna, Schriftsteller, Dichter, Filmemacher und Gesellschaftskritiker, zählt für viele zeitgenössische italienische Autor*innen, Philosoph*innen und Publizist*innen immer noch zu den wichtigsten Intellektuellen, auf die sich immer wieder bezogen wird.

Während im Sommer 1959 Pier Paolo Pasolinis zweiter Roman »Una vita violenta« erscheint, unternimmt der Schriftsteller im Auftrag der Mailänder Monatszeitschrift Successo eine journalistische Reise entlang der gesamten italienischen Küste von Ventimiglia bis Triest. Er legt die über 3000 Kilometer in gut drei Monaten in einem Fiat Millecento zurück, den er von Federico Fellini geschenkt bekommen hat. Sein Reisebericht ist das genaue und eigenwillige Dokument einer Zeit zwischen dem Ende der Traditionen und der aufziehenden Globalisierung. Er erscheint in drei langen Folgen unter dem Titel »La lunga strada di sabbia« in Successo. Als das kritische Gewissen Italiens war Pasolini der Meinung, dass Konsumismus und Massenkultur die eigentlichen Feinde der freiheitlichen Gesellschaft sind, und warnt schon früh vor den Folgen jener Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die wir heute erleben. Am 02. November 1975 fand man seine verstümmelte Leiche auf einem Feld in der Nähe von Ostia. Seine Ermordung ist bis heute nicht aufgeklärt.

Jonathan Lifschitz ist 26, scheinbar glücklich verheiratet und bei den anderen Bewohner*innen des Kibbuz sehr geschätzt – bis er sich einen Tages aufmacht, um ein neues Leben zu beginnen. An einem dieser fernen Orte, »an denen alles möglich ist, alles geschehen kann: plötzlicher Erfolg, Liebe, Gefahr, eigenartige Begegnungen.«

In seinem Roman spürt Amos Oz der Frage nach, was aus dem Gedanken, jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen, geworden ist. Wie lässt sich die Sehnsucht der Zionistinnen des alten Schlags nach einem Staat, in dem sie frei und sicher leben können, und die Sehnsucht nach Abenteuer und einer grenzenlosen Welt bei der Jugend, die bereits in der Geborgenheit und der Enge eines Kibbuz aufgewachsen ist, vereinbaren?

»Der perfekte Frieden« ist ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn dadurch erhält, dass es mutig gelebt wird, und es ist das Porträt einer utopischen Idee und einer Zeit, in der diese Idee von vielen Seiten in Frage gestellt wird.

»Wie wenn man ein zu kleines Paar Schuhe endlich auszieht«, so beschreibt Yannic Han Biao Federer das Schreiben im ostwestfälischen Bellersen. Von März bis Juni war der Autor als Regionsschreiber in Ostwestfalen-Lippe.

In Anlehnung an die mittelalterliche Position des Stadtschreibers als amtlicher Protokollführer waren im Rahmen des Projektes »stadt.land.text NRW 2020« im Frühjahr erneut zehn Autor*innen in den zehn nordrhein-westfälischen Kulturregionen unterwegs. Entstanden sind Blogeinträge, Erzählungen und Podcasts, die die Erfahrungen vor Ort literarisch-künstlerisch verarbeiten und zeigen, wie kräftig, bissig, einfühlsam und humorvoll die junge deutschsprachige Literatur sein kann.

»Dann biegen wir ins Dorf, die Straße windet sich durch den Ort, die letzte Haltestelle heißt Wendeplatz, ich steige aus und tatsächlich, der Bus macht kehrt, lässt mich zurück.« Und so machte sich Yannic Han Biao Federer im März zu Fuß und mit gezücktem Smartphone auf den Weg. Geleitet von der Frage, wie Peripherie und Zentrum ineinanderfließen, begann er Bellersen und die Region zu erkunden, um wenig später festzustellen, dass die Corona-Pandemie weitere Wege unmöglich machte. Entstanden ist eine Erzählung in acht Kapiteln, die das Erlebte literarisch verdichtet.

In Lesung und Gespräch blick Yannic Han Biao Federer zurück auf seinen Aufenthalt in Ostwestfalen-Lippe. Er liest Auszüge aus seiner Erzählung, erzählt von Erlebnissen und Personen und verrät vielleicht sogar, woher seine Faszination für Grußgepflogenheiten rührt.

01. August 2020

Dorfgeschichten

Jonathan Lifschitz ist 26, scheinbar glücklich verheiratet und bei den anderen Bewohner*innen des Kibbuz sehr geschätzt – bis er sich einen Tages aufmacht, um ein neues Leben zu beginnen. An einem dieser fernen Orte, »an denen alles möglich ist, alles geschehen kann: plötzlicher Erfolg, Liebe, Gefahr, eigenartige Begegnungen.«

In seinem Roman spürt Amos Oz der Frage nach, was aus dem Gedanken, jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen, geworden ist. Wie lässt sich die Sehnsucht der Zionistinnen des alten Schlags nach einem Staat, in dem sie frei und sicher leben können, und die Sehnsucht nach Abenteuer und einer grenzenlosen Welt bei der Jugend, die bereits in der Geborgenheit und der Enge eines Kibbuz aufgewachsen ist, vereinbaren?

»Der perfekte Frieden« ist ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn dadurch erhält, dass es mutig gelebt wird, und es ist das Porträt einer utopischen Idee und einer Zeit, in der diese Idee von vielen Seiten in Frage gestellt wird.