Buchauslese – Teil 18

Die erste Geschichte, welche in Charlotte Tappmeiers Kinderzimmer den ehrenvollen Titel »mein Lieblingsbuch« erhalten hat, war die vom »Doppelten Lottchen«. Der Roman von Erich Kästner durfte nie im Bücherregal stehen, sondern musste immer auf dem Nachttisch am Bett liegen. Nicht etwa, weil »Lottchen« sie so sehr an den eigenen Namen »Charlotte« hat erinnern lassen, sondern weil sie so sein wollte wie die Figur Luise Palfy: stark und unberechenbar!

»Einmal Locken! Einmal Zöpfe! Dieselben Nasen! Dieselben Köpfe!« Ein Moment der Wahrheit und zugleich der Verwirrung: Frau Körner blickt nicht bloß auf Tochter Lotte, sondern plötzlich auch auf Zwillingsschwester Luise. Und wer ist eigentlich wer?

Die Geschichte der Zwillinge ist im Grunde schnell erzählt: Nachdem sie sich im Ferienheim begegnen und feststellen, dass der einzige optische Unterschied zwischen ihnen die Frisur ist, gehen sie der neu entdeckten Verbundenheit nach. Sie finden heraus, dass sie dieselben Eltern haben, die sich vor vielen Jahren scheiden ließen, und schmieden den Plan, ihre Elternteile wieder zusammenzuführen. Dazu tauschen sie die Rollen. Die unordentliche, aber starke und mutige Luise reist nach München, um dort den Haushalt der überlasteten, berufstätigen Mutter zu übernehmen. Die zuvorkommende Lotte fährt zum Vater nach Wien, der die so plötzlich sorgfältig organisierte, ordentliche Tochter nach den Ferien gar nicht mehr wiedererkennt.

Denn die Zwillingsschwestern, so sehr sich das eine Gesicht auch dem anderen Gesicht gleichen mag, könnten eigentlich nicht unterschiedlicher erscheinen. Lotte – höflich, fleißig, zurückhaltend, unterstützend, talentiert, lieb – fällt das widersetzen von Regeln, die Erwachsene aufgestellt haben, mehr als schwer. Luise – frech, wild, bunt, lustig, offen, diffus, chaotisch –  stellt sich grundsätzlich gegen alle Regeln, die je ein Erwachsener aufgestellt hat. Die kleine Charlotte Tappmeier, ich denke einmal zwanzig Jahre zurück, befand sich in ihrem Kinderzimmer, vollgestopft mit Kuscheltieren und Postern an den Wänden, irgendwo dazwischen. Zwischen Luise und Lotte.

Das ungleiche Zwillingspaar, welches zu Beginn der Geschichte in einer feindlichen Gegenüberstellung aufeinandertrifft – denn sind wir mal ehrlich: Wer mochte im Kindesalter schon Wesen, die so ganz anders waren als man selbst? – entwickelt sich im Laufe des Romans zu einem unzertrennlichen Duo. Denn gemeinsam und gebündelt mit allen Eigenschaften, ob verrückt oder gehorsam, kann sich der Wunsch der Zwillinge erfüllen: Die Zusammenführung der Eltern und das Leben unter einem Dach.

Denn Erich Kästner lässt in seinem Roman, in dem Treiben der liebevoll gezeichneten Figuren, die Kinder die Handlungsstränge ziehen. Denn nicht die Erwachsenen, sondern die Kinder tummeln sich in dem Zustand einer ungewöhnlichen Klugheit und verteilen die Lektionen. Um es einmal mit den Worten eines Erwachsenen zu sagen: Die Kinder sind kompetenter als ihre Eltern. Und das ist es, was mich als Leserin immer wieder in Kästners Büchern fasziniert- bis heute!

Denn wenn ich ehrlich bin: »Mein Lieblingsbuch« befindet sich noch immer auf dem Nachttisch am Bett.