Balkonlektüre – Teil 12

Aus »Schmökern im Corona-Shutdown« wird die »Balkonlektüre«, aber natürlich lesen wir weiter. Die Welt besteht aus einer willkürlichen Ansammlung von Zufällen. Einer dieser Zufälle ist es, dass die beiden Praktikant*innen Marcel Wyrobeck und Pauline Donschen Jean-Paul Sartres »Der Ekel« – Französisch »La nausée« – gelesen haben. Man könnte meinen, dass es noch erstaunlicher wäre, dass beide dieses Werk begeistert aufgenommen habe. Doch alles der Reihe nach.

»Der Mensch ist zur radikalen Freiheit verurteilt«, so lautet der Grundsatz im Sartreschen Existentialismus. Die französische dominierte philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts charakterisiert den Einzelnen als freies Wesen, welches sich nur aus sich selbst heraus verwirklichen kann. Sartre verarbeitete seine Gedanken zum Existentialismus in zahlreichen Essays und Romanen, unter anderem im 1938 erschienenen Roman »Der Ekel«.

Er widmete das Werk seiner langjährigen Partnerin Simone de Beauvoir Sartre, welche am fünfjährigen Entwicklungsprozess des Romans bedeutenden Anteil hatte. Der existentielle Gedanke des Romans manifestiert sich in der Hauptfigur Antoine Roquentin. Obwohl er als Historiker finanziell abgesichert und menschlich in der Kleinstadt Bouville eingebunden ist, entwickelt er eine Sinnkrise, die zu Beginn des Romans bereits in vollen Zügen sein Leben dominiert. Seine Arbeit an einem Werk über den Diplomaten Rollebon verkommt immer mehr zur Farce, die jene existentielle Verunsicherung widerspiegelt, die ihn täglich plagt. Die einstige Heimat Bouville – zu Deutsch »Drecksstadt« – verkommt zum Pfuhl der Sinnkrise, in der er seine eigene Existenz hinterfragt, deren Berechtigung nur durch das Hören von Jazzmusik und das Erzählen des Vergangenen wiederzufinden ist.

Roquentin empfindet einen kollektiven Ekel gegenüber dem »An-Sich-Seienden«, also den Dingen und Gegenständen des alltäglichen Lebens, die sich nur durch ihre bloße Existenz transzendieren sowie gegenüber anderen Menschen, den »Für-Sich-Seienden«. Diese Abscheu findet ihren Höhepunkt in der letztendlichen Abneigung gegen sich selbst. In der Reflexion erkennt Roquentin die Essenz des menschlichen Seins: Der Einzelne ist nur für sich selbst verantwortlich, er wird in die Welt »geworfen« und ist von da an zur individuellen Freiheit verurteilt; er muss also Entscheidungen treffen, um Transzendenz aus sich selbst heraus zu erfahren. Hier kristallisiert sich heraus, was später als Leitlinie des Existentialismus gelten wird: Die Existenz geht der Essenz voraus; der Einzelne muss seine Existenz selbst bestimmen, um seine Essenz zu berechtigen. Im Dunstkreis dieser Erkenntnisse entschließt Roquentin sich dazu, Bouville zu verlassen und nach Paris zu ziehen, um dort ein Romancier zu werden. Seine Hoffnung ist es, als Künstler seiner Existenz eine Berechtigung zu geben.

Das Leseerlebnis besteht vor allem in der Entwicklung Roquentins zur Freiheit hin. Weniger klassische Erzählung, denn Momentaufnahmen eines Lebens vereint der Roman in sich eine Vielzahl an Sartres Gedanken zur existentialistischen Theorie. Nicht Charakter- sondern Gedankenentwicklung dominiert das Geschehen, dass in zielgerichteter, aber doch verhältnismäßig verständlicher Sprache formuliert wird. Mit seiner detailorientierten Schreibart entwickelt Sartre ein intensives Erlebnis des französischen Bürgertums der 1930er-Jahre.

Viele der hier angerissenen Gedankengänge konkretisiert er in späteren Publikationen, wie zum Beispiel in den Essays »Das Sein und das Nichts« (1943) oder »Existentialismus ist ein Humanismus« (1945). Damit stellt der Roman einen veritablen Einstieg zur existentialistischen Philosophie – speziell der von Sartre – dar. Sowohl die deutsche Übersetzung als auch das französische Original erweisen sich als überaus lesenswerte Erlebnisse, wenngleich für letzteres profunde Kenntnisse der Sprache mehr als empfehlenswert sind.