Balkonlektüre – Teil 13

Der Facettenreichtum und die Schonungslosigkeit mit der T. C. Boyle in seinem Roman »Wenn das Schlachten vorbei ist« ans Werk geht, haben Marcel Wyrobek nicht nur begeistert, sondern auch an den Roman gefesselt, der sich trotz aller Diversität und seiner vielfältigen Erzählperspektiven und -zeiten wie eine Einheit liest. Es ist zweifelsfrei ein Roman, der unterhält aber gleichsam auch dazu animiert, eigene Positionen und das persönliche Verhalten über die Grenzen des Ökologischen hinweg zu hinterfragen.

Dass der Umwelt- und mit ihm auch der Tierschutz eines der bedeutendsten Themen der Gegenwart darstellt, dürfte außer Frage stehen. Klimawandel, Zoonosen und ein »neues« ethisches Verständnis ermahnen uns immer wieder dazu, unseren Umgang mit der Umwelt – insbesondere der nicht-menschlichen – zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen. Ein Autor, dem diese Thematik schon seit jeher am Herzen liegt ist Tom Coraghessan Boyle – besser bekannt unter seinem Schreiberkürzel T. C. Boyle. Immer wieder präsentiert der amerikanische Autor seinen Leser*innen ein Füllhorn an biologischen Details der amerikanischen Biotope, die er beschreibt – gleichsam ob es sich um die Sümpfe Georgias oder die kalifornischen Kanalinseln handelt. Auch in »Wenn das Schlachten vorbei ist« zieht es ihn wieder an die sonst so sonnige Küste Kaliforniens, die wolkenverhangen nicht nur auf See für schweres Wetter sorgt.

Als Akteure hat Boyle sich gleich zwei Seiten einer Medaille herausgesucht, die derartig verhärtet einander gegenüber stehen, dass es kaum fassbar ist, dass sie in ihrer Intention das gleiche wollen: die Rettung der Welt. Diese formuliert sich im Roman nach der Frage aus, ob Biodiversität oder das (uneingeschränkte) Recht auf Leben wichtiger sind. Oder konkreter formuliert: haben invasive Spezies das gleiche Lebensrecht wie bedrohte Einheimische? Die Frage wird von den zentralen Figuren des Romans eindeutig und kompromisslos beantwortet: während die Biologin und Mitarbeiterin des National Park Service Alma Boyd Takesue sich für die Wiederherstellung der archipelen Ökosysteme einsetzt, kämpft der Ökoaktivist und Selfmademillionär Dave LaJoy für das Überleben all jener Tiere, die seit dem Auftritt des Menschen auf den Inseln leben – vor allem Schweine und Ratten. Dass der Zusammenstoß beider Parteien unvermeidlich ist, liegt nahe, doch überschreitet er den ökopolitischen Rahmen: ihre gemeinsamen Interessen und Ansichten führen die beiden Figuren immer wieder ungewollt zueinander und verschärfen den eigentlich Konflikt mit einer persönlichen Komponente zusätzlich.

Dieses Sammelsurium der Spannungen durchzieht den Roman in seiner Gänze und verleiht ihm eine polyvalente Beäderung, die es sich selbst verbietet, Stellung zu beziehen: anstelle eines Dualismus aus Gut und Böse stehen sich einzig Positionen gegenüber die in ihrer radikalen Opposition jede Gemeinsamkeit verneinen. Stattdessen führen sich beide Parteien ebenso selbst wie gegenseitig vor, wie sie auch vorgeführt werden; mit bissigem Witz und guter Pointierung werden die Grenzen beider Fanatismen ad absurdum geführt, ohne sie in ihrer eigentlichen Gestalt zu verleugnen. Statt eindimensionaler Kost präsentiert Boyle seinen Leser*innen ein facettenreiches Gemälde aus Kalifornien, das noch zusätzlich um eine historische Perspektive der Besiedlung der Inseln ergänzt wird. Kitschfreie Cowboyharmonie trifft auf reale Ökoproblematiken; anthropologische Gärtnerschaft auf rücksichtslose Naturgewalt.