Im Rahmen der Reihe »Wörterleuchten« stellt die Autorin Yade Yasemin Önder ihren zweiten Roman »Anti Müller« (Longlist des Deutschen Buchpreises) in Lesung und Gespräch vor. Der Schauspieler Dimitrij Schaad liest dazu aus Thomas Bernhards »Holzfällen«: Textpassagen, die Önders Schreiben inspiriert und begleitet haben.
Mit großer poetischer Präzision seziert Yade Yasemin Önder in »Anti Müller« die Mechanismen moderner Beziehungen. Im Zentrum steht eine Mittdreißigerin, die um Beziehung, Familie, Nähe und Geborgenheit ringt – und um die Frage, wie viel davon eigentlich ihr eigener Wunsch ist. Denn: »Anti Müller« ist kein klassischer Liebesroman, sondern eine schonungslose, groteske Analyse verkrusteter Strukturen und ihrer sanften Vollstrecker, unter deren lackierten Nägeln noch immer der Schmutz des Patriarchats lauert.
Önder führt uns in die Szenerie eines vermeintlich feministischen Kulturbetriebs, der sich längst modern gibt und doch noch immer die Männer die Regie führen lässt. Ihre Erzählerin blickt von außen auf dieses Gefüge – und steckt zugleich tief darin.
Einige Jahrzehnte zuvor sitzt Thomas Bernhards Erzähler in »Holzfällen« auf einem Ohrensessel und beobachtet ein künstlerisches Abendessen der Wiener Gesellschaft. Um ihn herum: die feine Welt der Kunst, ihre Eitelkeiten, ihre Rituale. Doch unter der Oberfläche gärt es. Der Erzähler spürt Ablehnung, Spott und Unbehagen – und richtet seine ganze sprachliche Wucht gegen jene Gesellschaft, deren Teil er selbst ist. Nicht umsonst trägt der Roman den Untertitel »Eine Erregung«. Der Schauspieler Dimitrij Schaad holt diesen erregten Bernhard auf die Bühne. In ausgewählten Passagen aus »Holzfällen« begegnet uns eine Stimme, die sich in Rage redet, die übertreibt, wiederholt, seziert und sich dabei immer weiter in das eigene Beobachten verstrickt.
So treffen zwei Perspektiven aufeinander, die Jahrzehnte trennen und sich doch erstaunlich nahekommen: Bernhards wütend-übersteigerte Abrechnung mit der Wiener Kunstgesellschaft und Önders zeitgenössischer, feministischer Blick auf einen Kulturbetrieb, der seine alten Machtverhältnisse noch immer mit sich trägt.
Karten können hier über die Webseite erworben werden sowie in der Detmolder Buchhandlung Kafka & Co, Krumme Str. 8, 32756 Detmold.
Yade Yasemin Önder studierte (nach dem Abitur auf zweitem Bildungsweg) Literatur- und Erziehungswissenschaften an der HU Berlin, Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Ihr erstes Theaterstück »Kartonage« wurde zu den Autorentheatertagen 2017 eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 war sie Gewinnerin des open mike in der Kategorie Prosa, 2019 Preisträgerin des Martha-Saalfeld-Förderpreises, 2020 erhielt sie das Arbeitsstipendium Literatur des Berliner Senats und eine Einladung zum Heidelberger Stückemarkt. 2021 ist sie Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya Istanbul. Im März 2022 erschien ihr Romandebüt »Wir wissen, wir könnten und fallen synchron«.
Dimitrij Schaad wurde 1985 in Kasachstan geboren und kam 1993 mit seiner Familie nach Deutschland. Nach seiner Ausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding, feierte er erste Erfolge am Schauspielhaus Bochum und war danach von 2013–2019 stilprägendes Ensemble-Mitglied des Maxim-Gorki-Theaters, das in dieser Zeit zwei Mal zum Theater des Jahres gewählt wurde. Schaad selbst wurde Nachwuchsschauspieler des Jahres.
2023 erhielt er den Ulrich-Wildgruber-Preis sowie den Deutschen Schauspielerpreis. Seit seiner Kino-Hauptrolle in der Bestseller-Verfilmung »Die Känguru-Chroniken« widmete er sich verstärkt seiner Arbeit vor der Kamera. 2022 folgte mit »Die Känguru Verschwörung« der zweite Teil der Reihe sowie mit »Killing Eve« und der männlichen Hauptrolle in der Netflix-Hitserie »Kleo« auch internationaler Erfolg.
Darüber hinaus ist Schaad auch Autor. In Co-Autorenschaft mit der Regisseurin Yael Ronen verfasste er mehrere Stücke, die u. a. Bei den Mülheimer Theatertagen, beim Berliner Theatertreffen und als bestes deutschsprachiges Stück des Jahres prämiert und in mehreren Ländern nachgespielt wurden. Mit seinem Bruder, dem Regisseur Alex Schaad, schreibt er Filme und Serien. Ihre Kurzfilme gewannen zwei Max-Ophüls-Preise, den Grimmepreis und 2016 in Los Angeles einen Studenten-Oscar in Gold. Ihr Langfilm-Debüt »Aus meiner Haut« hatte auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig Premiere und wurde dort mit dem Queer Lion Award, auf dem Filmfest Hamburg mit dem großen Produzentenpreis als beste deutsche Kinoproduktion und beim Bayerischen Filmpreis als bestes Drehbuch Nachwuchs ausgezeichnet.
Mit »The Silence« ist Schaad nun zum ersten Mal in der Schaubühne zu sehen, für seine Darstellung u. a. als »Schauspieler des Jahres« 2024 (Theater heute) ausgezeichnet.
Haus Münsterberg
Hornsche Straße 38 32756 Detmold Anfahrt planen
Barrierefreiheit
Parken
Rampe
Toilette
Partner*innen
In Kooperation mit:
Gefördert durch:
Karten
Für den Ticketverkauf nutzen wir einen externen Anbieter (rausgegangen GmbH). Um auf den Shop zuzugreifen, klicken Sie auf den entsprechenden Button. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.