Literaturbüro OWL

Text auf Raten: Krieg und Frieden

Staffellesung in Ostwestfalen-Lippe

Das Literaturbüro OWL schickt einen der wohl bekanntesten Texte der Weltliteratur auf Reisen durch Ostwestfalen-Lippe: Lew Tolstois »Krieg und Frieden«. Jeden Tag geht es eine Etappe weiter – weiter durch das Epos und weiter durch die Region. Der literarische Staffelstab wird weitergereicht.

Rate 1: Roadbook

Mit Tolstoi von München nach Moskau

Andreas Bernard und Lars Rei­chardt stellen in der VHS Det­mold ihren Bericht »Zwei Na­sen tanken Tolstoi« vor. Der Schauspieler Jonas Baeck liest korrelierend zum Vortrag Pas­sagen aus »Krieg und Frieden«.

Zum hundertsten Todestag von Lew Tolstoi (2010) starteten die zwei Journalisten des SZ-Magazins, Andreas Bernard und Lars Reichardt, ein »albernes Experi­ment, eine 10-tägige Reise ohne Plan« (wie sie selbst rückblickend sagen). Sie machten sich mit dem damals frisch erschienenen Hörbuch von »Krieg und Frieden« (67 Stunden ungekürzte Le­sung von Ulrich Noethen) in einem frisch gewaschenen Audi auf den Weg von München nach Moskau, sozusa­gen in der Spur von »Krieg und Frie­den«. Entstanden ist der Bericht »Zwei Nasen tanken Tolstoi«, der mit Witz, Wissen und Wurstbroten eine leicht­füßige Annäherung an diesen gewichti­gen Text der Weltliteratur ermöglicht. Auf der Autobahn kurz hinter Salzburg lernt man die Protagonist*innen des Epos kennen und im weiteren Verlauf der Reise werden Schlaglichter auf die Handlung geworfen, man erfährt etwas über die historischen Hintergründe und den großen Erzähler Lew Tolstoi. Und en passant ist es ein Reisebericht über Osteuropa zu Beginn des 21. Jahrhun­derts.

Die Lesung von Jonas Baeck legt einen Fokus auf Pierre Besuchow, der zwi­schen den Ränkespielen des russischen Adels und dem Grauen des Krieges nach Lebenssinn und Liebe sucht. In dieser Auftaktlesung von »Text auf Raten« ent­faltet sich ein erster Eindruck der Viel­falt an Szenen, Ereignissen, Figuren und Episoden des sprachgewaltigen Textes.

Text auf Raten – das Projekt

An vier aufeinanderfolgenden Abenden ist im Rahmen der Reihe »Text auf Raten« in vier Buchhandlungen in OWL »Krieg und Frieden« zu hören und es sind verschiedene künstlerische Adaptionen zu erleben. Natürlich kann dabei nicht der Text in Gänze zu Gehör gebracht werden, ausgewählte Sequenzen vermitteln jedoch unterschiedliche Perspektiven des Werkes, so dass ein Gesamteindruck entstehen kann: die für Tolstoi so prägende Darstellung seiner Personen, die sogar den scheinbar unwichtigen Nebenpersonen zu Charakter und Prägnanz verhilft; seine politischen und philosophischen Reflexionen, die ihm als Autor eine besondere Präsenz im Text verschaffen, der Blick auf die großen Persönlichkeiten und Momente der Geschichte ebenso wie auf die kleinen (zwischen)menschlichen Szenen.

»Krieg und Frieden« wurde vielfach neu gelesen, neu übersetzt und von den anderen Künsten bearbeitet. Im zweiten Teil der Abende ist immer jeweils eine andere Form der Adaption von »Krieg und Frieden« zu erleben – sei es als Reiseguide, musikalisch, filmisch oder literarisch.

So können die Besucher*innen mit dem Text losziehen und ihn jeden Tag ein wenig mehr, ein wenig anders kennenlernen. Es ist aber auch möglich, nur einzelne der Veranstaltungen zu besuchen. Einführungen zu Beginn ermöglichen es, den Staffelstab auch auf späteren Etappen zu übernehmen.

Rate 2: Tanzsequenzen

09. September 2020, Bücherstube, Lübbecke

Rate 3: Oper und Elektro

10. September 2020, Stadtbibliothek, Paderborn

Rate 4: Filmquerschnitt

11. September 2020, bambi & Löwenherz Filmkunst- und Programmkinos, Gütersloh

Krieg und Frieden – das Epos

»Krieg und Frieden« gehört wohl zu jenen Werken, von denen viele Menschen sagen, es irgendwann unbedingt mal lesen zu wollen, durch den Umfang aber oft davor zurückschrecken. Das Werk erschien 1869 und spielt in einer für ganz Europa bedeutenden Umbruchszeit: der Zeit der napoleonischen Kriege. Es ist gleichermaßen Epochenchronik wie Panorama des russischen Lebens. Die ganze Gesellschaft jener Zeit zieht an den Leser*innen vorüber, von den höchsten Hof-, Adels- und Militärkreisen bis zu den leibeigenen Bauern und einfachen Soldaten. Petersburger Salons, Moskauer Fürstenhäuser, vornehme Diners, der Kaiserball in Petersburg, das Landleben adliger Familien in der russischen Provinz, die Schlachten von Austerlitz und Borodino, der Brand von Moskau, der fluchtartige Rückzug der Franzosen, das Lagerleben der Soldaten, die Mühsal der langen Märsche, die Qual der Kriegsgefangenen, die wahllose Hinrichtung vermeintlicher Brandstifter, der Partisanenkrieg – eine unermessliche Vielfalt von Szenen, Ereignissen und Episoden wird auf zweitausend Seiten in breiter Schilderung entrollt und verknüpft.

Für Virginia Woolf ist Lew Tolstoi »der größte aller Romancier« und Somerset Maugham sah in Tolstois »Krieg und Frieden« »zweifellos den größten Roman aller Zeiten«. Tolstoi selbst sträubte sich hingegen gegen den Begriff des Romans. Er verwahrte sich gegen jegliche Kategorisierung: »Der Kern dessen, was ich sagen wollte, besteht darin, dass dieses Werk kein Roman ist und keine Erzählung […] dass es keine Auflösung haben wird, mit der jedes weitere Interesse zerstört würde.« Das Interesse ist geblieben. Bei aller Gebundenheit des Buches an die Zeit der napoleonischen Kriege und die russische Gesellschaft besticht der Text heute noch durch seine Modernität und seine ungebrochene Aktualität, u. a. auch durch Tolstois theoretische, philosophische Reflexionen. Der Drehbuchautor Andrew Davies, der Krieg und Frieden 2016 für die BBC bearbeitete, fasste die rund 2.000 Seiten in einem Satz zusammen: »Krieg und Frieden« zeigt, was es bedeutet, lebendig zu sein und wie man in schwierigen Zeiten den richtigen Weg findet.›

Veranstaltungsort
VHS Detmold
Krumme Str. 20 32756 Detmold
www.vhs-detmold-lemgo.de/
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