09. März 2022

Text auf Raten: Text+Film

»Text auf Raten« präsentiert Klassiker der (Welt)Literatur in Ostwestfalen-Lippe. Lesungen aus großen literarischen Werken werden mit zeitgenössischen Rezeptionen auf die Bühne gebracht. In diesem Jahr steht Mary Shelleys »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« im Fokus.

Rate 1: Text+Film

Victor Frankenstein und das von ihm geschaffene Wesen sind aus der Filmwelt nicht wegzudenken. Der Stoff des Meisterwerks wurde inzwischen mehr als 100-mal für Kino und Fernsehen verfilmt. Eine Erfolgsgeschichte, die nicht nur verschiedene Zeitperioden (von 1910 bis in die Gegenwart) durchläuft, sondern auch unterschiedliche Filmgenres. Der Schöpfer und sein Geschöpf sind in Horror- und Splatterfilmen, in fantastischen Interpretationen sowie in einer Gruselkomödie und einem Animationsfilm zu sehen – die filmische Freiheit war dabei häufig sehr groß, von der Romanvorlage blieb zuweilen nur das Geschöpf erhalten.

Im Die Birke Filmtheater ist mit Auszügen aus verschiedenen Verfilmungen ein Querschnitt der Frankenstein-Filmgeschichte zu sehen – vom schwarz-weiß Film von 1931, der dem Monster ein weltweit bekanntes Gesicht verliehen hat, über den ersten Farbfilm von 1957, bei dem insbesondere an Filmblut nicht gespart wurde bis zur Verfilmung von und mit Kenneth Branagh (1994), die sich relativ eng an die Vorlage hält. Zudem wird in einer Premiere der »Frankenstein-Poetry-Clip« präsentiert.

Der Schauspieler Kilian Land liest Textsequenzen aus Mary Shelleys »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« und spannt damit einen inhaltlichen Bogen zwischen den unterschiedlichen Filmauszügen. In dieser Rate geht es um den Beginn des Romans; um die Erschaffung des Wesens und seine schicksalhafte Wandlung zum Mörder.

Rate 2: Text und Musik

20. Oktober 2022, Buchhandlung Kafka, Detmold

Rate 3: Text und Tanz

25. Oktober 2022, Buchladen Auslese, Herford

Rate 4: Text und Comic

26. Mai 2022, Buchhandlung LESBAR, Beverungen

Rate plus eins: Poetry Clip

»Frankenstein oder Der moderne Prometheus« in OWL

An vier aufeinanderfolgenden Abenden wird an vier unterschiedlichen Orten »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« von Künstler*innen vielfältig interpretiert. Fast jede*r hat von Frankenstein gehört oder gesehen, da die Geschichte der geschaffenen Kreatur vielfach rezipiert wurde. Vom Kino über Tanz bis zum Comic. Wie haben die anderen Künste das Frankenstein-Motiv aufgenommen und weiterverarbeitet? Wie haben sie dazu beigetragen, dass ein gemeinhin verzerrtes Bild des im Roman entwickelten Originals entstanden ist? Eine Annäherung an das Zusammenspiel von Text und der Rezeption in den anderen Künsten liefern die vier Veranstaltungstage und die digitale Rate. Als roter Faden ziehen sich die Lesungen aus dem Originaltext durch die Veranstaltungsreihe, sie korrespondieren mit Musik, Film, Tanz oder Comic-Rezeptionen. Natürlich kann »Text auf Raten« den umfangreichen Text nicht in Gänze zu Gehör bringen, ausgewählte Sequen­zen vermitteln jedoch unterschiedliche Perspektiven des Werkes, so dass ein leichtfüßiger Gesamteindruck entsteht.

Die in Mary Shelleys Roman »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« geschaffene Kreatur gilt vielfach als berühmteste Horrorfigur der Literaturgeschichte und das Werk in Gänze als Erstlingswerk der Science-Fiction Literatur. Dieser Roman ist verstörend, mysteriös, düster und schillernd zugleich. Er erzählt die Geschichte des jungen Schweizers Viktor Frankenstein, der an der damals berühmten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft. Nach Jahren des Experimentierens ist es dem ehrgeizigen Forscher Victor Frankenstein gelungen, aus toter Materie ein künstliches Wesen zu erschaffen. Doch das Ergebnis seiner alchemistischen Versuche erschüttert ihn bis ins Mark. Entsetzt überlässt er die Kreatur seinem Schicksal. Dessen verzweifelte Suche nach Nähe und Akzeptanz endet in Chaos und Verwüstung.

Dass die Autorin mit ihrem 1818 veröffentlichten Roman mehr im Sinn hatte als eine Gruselgeschichte zu schreiben, verdeutlicht bereits der Titel, in dem auf Prometheus verwiesen wird. Der antike Mythos hinterfragt das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf und ist damit nach wie vor absolut modern. Es geht um Fragen nach Schöpfungsmöglichkeiten, nach wissenschaftlicher und ethischer Verantwortung. Wenn man in den Text schaut, so findet man kein irres Monster, sondern es wird ein sensibles, nach Liebe suchendes Wesen geschildert, das zum Täter wird, weil es diese Liebe nicht bekommt. So überrascht die rund 200 Jahre alte Urfassung des Romans nicht durch ihre Schockeffekte, sondern vielmehr durch ihr Einfühlungsvermögen in die Seele des Monsters und durch den visionären Scharfsinn, der damals erst 19-jährigen Mary Shelley, u. a. im Hinblick auf Gentechnik und Klonversuche. Aber auch darüber hinaus eröffnen sich grundlegende gesellschaftliche Themen wie Integration, Erziehung, Gerechtigkeit oder Verantwortung. Gelesen wird aus der Urfassung von 1818 (2013 neu übersetzt von Alexander Pechmann), die aus heutiger Sicht in vielen Aspekten moderner als die überarbeitete Fassung von 1831 scheint.

An diesem Abend wird Sebastian 23 aus seinem aktuellen Werk »Cogito, ergo dumm – Eine Geschichte der Dummheit« lesen, in dem er die Zuhörenden auf einen rasanten Ritt durch die Evolution des Menschen und seiner Dummheit mitnehmen wird. Die Schauspielerin Friederike Becht ist mit Auszügen aus »Lob der Torheit« (Erasmus von Rotterdam), »Über die Dummheit« (Robert Musil) und »Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte« (Emil Kowalski) zu hören.

Mit eindrücklichen Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart portraitiert Sebastian 23 die ganze Vielfalt geistiger Abwesenheit – vom antiken Feldherren, der ein Meer auspeitschen ließ, bis zum eitlen Kriminellen, der bei der Polizei ein schöneres Fahndungsfoto einreichte.

Der Mensch ist dumm, die Menschheit ist dümmer. Aber waren wir immer gleich dumm oder schreitet unsere Verdummung fort, leiden wir gar an digitaler Demenz?

»Sebastian 23 spielt mit der Sprache wie ein Finne Scrabble: Er punktet mit jedem Wort«, urteilt 3sat – für die ZEIT ist er nicht weniger als ein »Großartiger Wortakrobat und scharfzüngiger Denker«.

Zudem ist er auch ein Mann der akribischen Recherche. Im Zuge der Arbeit am Buch hat Sebastian 23 zahlreiche Zeugnisse menschlicher Dummheit entdeckt, gelesen und detailgenau seziert. Dieses Quellenstudium möchte er uns nicht vorenthalten.

Daher wird die Schauspielerin Friederike Becht an diesem Abend unterschiedliche Textauszüge aus diesem Studium rezitieren.

Die Ulrich-Wildgruber-Preis-Trägerin verkörperte u. a. die junge Hannah Ahrendt, spielte im Film »Der Vorleser« und überzeugt kürzlich als Hauptdarstellerin in der überaus erfolgreichen ARD-Serie »Schneller als die Angst« mit ihrer eindringlichen Darstellung.

Der Abend im Haus Münsterberg ist im Übrigen auch ein echtes künstlerisches Familientreffen – schließlich sind Sebastian 23 und Friederike Becht nicht nur Partner*innen auf der Bühne, sondern auch im »wirklichen Leben« miteinander verheiratet.

Vorhang auf für eine Buch-Premiere: Sven Koch, der unter dem Pseudonym Pierre Lagrange schreibt, stellt an diesem Wörterleuchten-Abend erstmalig den neuen Band seiner Provence-Krimi-Reihe vor. Dieses Mal ist es die »Trügerische Provence«, in der Ex-Commissaire Albin Leclerc zusammen mit seinem Mops Tyson die Spur aufnimmt.

Es wird spannend im Haus Münsterberg, wenn Sven Koch (Pierre Lagrange) aus seinem Krimi liest und über seine literarisch-kriminalistische Arbeit spricht, bei der er es – laut dpa – versteht »Erzähltempo und Handlung geschickt zu einem finale furioso zu steigern«.

Im siebten Band der »Krimi-Reihe mit Albin Leclerc, [die] aus der Flut der Regional-Krimis heraus[ragt]« (Nordwest-Zeitung) verschwinden mitten in der Konzertsaison in der Provence plötzlich namhafte Musikerinnen. Die Ermittlungskommission unter Leitung von Caterine Castel und Alain Theroux tappt im Dunkeln. Es gibt keine Hinweise oder Forderungen im Zusammenhang mit der Entführung. Obwohl Ex-Commissaire Albin Leclerc mitten in den eigenen Hochzeitsvorbereitungen steckt, kann er es mal wieder nicht lassen: zusammen mit seinem Mops Tyson nimmt er die Spur auf. Als es zu einer weiteren Entführung kommt, und auch die kostbaren Instrumente verschwinden, stellt sich für ihn die Frage, ob in der Provence ein Wahnsinniger unterwegs ist. Die Ermittlungen bringen Albin Leclerc in allergrößte Gefahr …

Die Auftaktlesung des literarischen Residenzprogramms »stadt.land.text NRW 2022« in Ostwestfalen-Lippe findet in diesem Jahr im Haus Münsterberg statt. Resident in der Region ist der Autor Tobias Schulenburg. Er stellt in Lesung und Gespräch sowohl sein bisheriges literarisches Schaffen als auch seine Pläne und Wünsche für den schreibenden Aufenthalt in der Region Ostwestfalen-Lippe vor.

Während der Residenz wird Tobias Schulenburg durch die Erlebnisse vor Ort inspirierte Texte und Zeichnungen unter dem Arbeitstitel »Ich kannte niemanden und alle waren nett« anfertigen. Ihn interessieren dabei – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit: Wie wir mit unserer Zeit umgehen und durch die Tage kommen, außerdem: Einkaufszentren, Parkplätze, queeres Leben, Motorsport, semi-romantische Waldwege, Fashion, Glaubensgemeinschaften, System-Gastronomie, Flohmärkte (na klar), Bürogebäude, Gewässer aller Art und ihre Ufer, Tiere, Müllkippen, Siedlungen, Tankstellen, Querfeldein-Gehen, Seniorenheime, Dämmerungen, Eisdielen, Kraftwerke, Alkoholkonsum, Werksverkäufe.

Das literarische Residenzprogramm »stadt.land.text NRW« bringt alle zwei Jahre zehn Schriftsteller*innen für vier Monate in die zehn Kulturregionen Nordrhein-Westfalens. Die Autor*innen sind unterwegs, erkunden Stadt, Dorf und Landschaft und treffen ihre Bewohner*innen. Auf dem stadt.land.text-Blog, auf Lesungen und Social-Media-Kanälen veröffentlichen sie ihre literarisch-künstlerischen Eindrücke. Von März bis Juni 2022 geht das Projekt mit zehn Resident*innen in die dritte Runde.

Das Literaturbüro OWL freut sich, als Partner des federführenden OWL Kulturbüros, für die Residenz von Tobias Schulenburg Impulse geben und den Aufenthalt organisatorisch unterstützen zu können.

Die Lesung ist kostenlos. Um eine Anmeldung über das Ticketingsystem wird gebeten.

23. Februar 2022

LitParty

Frische Texte, Livemusik und eine Menge Drehmomente zum Thema »Identität« gibt’s bei der LitParty im AStA Stadtcampus. Am Abend wechseln sich Geschichten, die von ihren Autor*innen gelesen und performed werden und live gespielte Popsongs ab: Text, Lied, Text, Lied …. und alles beginnt ineinander zu drehen und zieht auf die Tanzfläche.

Die gelesenen Texte entstehen erst am Veranstaltungstag selbst in Paderborn, wenn vier Schriftsteller*innen die Playlist für den Abend dichten und sich in zwei Runden die Finger wund schreiben. Dabei gibt es eine unumstößliche Regel: ein Text muss mit dem Titel des auf ihn folgenden Liedes enden. Mit dabei sind die Autor*innen Josephine von Blüten Staub, Yannic Han Biao Federer, Micha Frank und Tilman Rammstedt sowie die Band Open Rim mit der Sängerin LU.

Der bal littéraire wurde in Frankreich erfunden und hat sich dort in Rekordzeit an Theatern und auf Festivals verbreitet. Auf London, Rom, Madrid folgte 2010 der erste deutsche bal in Bonn. Und jetzt Paderborn. Die LitParty findet im Rahmen der Paderborner Literaturtage statt.

Jede*r zahlt am Abend in die Spendenbox, was ihr*ihm die LitParty wert ist. • Um eine Anmeldung über das Ticketingsystem wird gebeten. • Einlass ist ab 19.30 Uhr. • Für die LitParty sind ein Immunisierungsnachweis und ein tagesaktueller Schnelltest notwendig.

In der Paderborner Kult-Kneipe »Sputnik« gestalten am 17. Februar die Singer-Songwriterin Zara Akopyan und der Autor Thorsten Knape einen literarisch-musikalischen Abend.

Knape liest aus seinem Roman »Tatort OWL – Nach wahren Begebenheiten« und führt die Besucher*innen auf die Fährten krimineller Verbrechen aus der Region. Er ist unter anderem Gerichtsreporter beim WDR und schöpft aus seinem Beruf die Inspiration für den Sammelband. Besonders aufregend: Alle Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten. Die Anthologie, die er gemeinsam mit dem WDR-Journalisten Oliver Köhler verfasst hat, arbeitet acht Kriminalfälle detailliert auf, vom Versicherungsbetrug bis hin zu Voodoo-Zauber.

Die aus Hamburg stammende Sängerin Zara Akopyan hat sich in OWL einen Namen gemacht und ist inzwischen eine wahre Paderborner Lokalgröße. Sie behandelt in ihren Werken klassische Coming-of-Age-Themen und verbindet mit Stimme und Gitarre musikalische Richtungen wie Pop, Folk und Country. Die erfolgreiche Singer-Songwriterin »überzeugt mit ihrer Stimme und Ausstrahlung«, so BackstagePro.

So bildet ihr Konzert einen sanften Gegenpol zur humoristisch-spannenden Lesung von Thorsten Knape.

Die Veranstaltung wurde von Studierenden der Universität Paderborn konzipiert. Im Rahmen eines Seminars des Literaturbüros OWL setzten die Studierenden den thematischen Schwerpunkt auf die regionale Kulturszene.

Die spanische Literatur ist so vielfältig wie die Kultur und die Kulinarik des Landes, das seit Jahrhunderten auch aus deutschsprachiger Sicht zahlreiche der populärsten europäischen Sehnsuchtsorte überhaupt beherbergt. Bereits Emanuel Geibel schrieb 1834 in seinem Gedicht »Fern im Süd das schöne Spanien«:

Fern im Süd das schöne Spanien,
Spanien ist mein Heimatland,
Wo die schattigen Kastanien
Rauschen an des Ebro Strand,
Wo die Mandeln rötlich blühen,
Wo die süße Traube winkt
Und die Rosen schöner glühen
Und das Mondlich gold’ner blinkt.

Die facettenreiche Schönheit Spaniens ist sicherlich ausschlaggebender Grund dafür, dass es nach Frankreich das am zweithäufigsten besuchte Land der Welt ist. Allerdings steht das iberische Königreich auch mehr als 40 Jahre nach dem Ende des Franco-Regimes vor großen Herausforderungen. Die permanenten Autonomiebestrebungen Kataloniens, die großen Schwierigkeiten bei der parlamentarischen Mehrheitsbildung, die zahlreichen omnipräsenten Skandale rund um die Königsfamilie, die enorme Jugendarbeitslosigkeit und nicht zuletzt die heftigen – auch wirtschaftlichen – Auswirkungen der Corona-Pandemie sind die zentralen Probleme, unter denen das Land leidet.

Und wo steht die spanische Literatur eigentlich heute? Wie haben sich das Schreiben und die öffentliche Rezeption seit Teresa von Ávila und Miguel de Cervantes entwickelt? Welche literarischen Stimmen wirken heute in die Gesellschaft hinein? Und welche Bedeutung entfaltet die Literatur aus dem spanischen Königreich innerhalb der europäischen Kultur in diesen besonderen Zeiten?

Nach den Literarischen Positionen Frankreich 2017, Rumänien 2018, Norwegen 2019 und Italien 2020 führt das Literaturbüro OWL unter dem Titel »La Literatura – una Fiesta grande!« eine dreitägige Veranstaltungsreihe in Detmold und Paderborn durch, die sich vom 25.–27. November 2021 der spanischen Literatur im Kontext von Kulturgeschichte und Kulinarik widmet. Dabei soll sich der Bogen von der Südküste (Andalusien), über das Zentrum (Madrid) bis hin zur Nordatlantikküste (Baskenland) spannen. Die Reihe setzt im Jahr 2021 auf kombinierte Lesungs-/Musik- und Rezitationsabende, die teilweise multimedial begleitet werden, und eröffnet mit einer Poetry-Slam-Show, die insbesondere ein jüngeres Publikum als Zielgruppe in den Fokus nimmt.

Programm:

Poetry Slam Show
Do, 25. November 2021, 20:00 Uhr
Sputnik, Paderborn

Gegen das Vergessen – Vortrag und Rezitation
Fr, 26. November 2021, 19:30 Uhr
Detmolder Sommertheater

Don Quijote – Comiclesung mit Musik
Sa, 27. November 2021, 11:00 Uhr
Detmolder Sommertheater

Fernando Aramburu – Lesung und Gespräch
Sa, 27. November 2021, 15:00
Detmolder Sommertheater

Literatur, Musik und Kulinarik – Una Fiesta!
Sa, 27. November 2021, 19:30 Uhr
Detmolder Sommertheater

Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft, sondern gehört für zahlreiche Menschen zum Alltag. Dennenesch Zoudé und Simon Roden lesen Erzählungen von Toni Morrison, Sharon Dodua Otoo und Nana Kwame Adjei-Brenyah und bringen drei sehr unterschiedliche Facetten von Rassismus zu Gehör. Denn es gibt sie schon lange und überall, die vielen Stimmen, die Rassismus – den offensichtlichen und den versteckten – dokumentiert und zu Literatur geformt haben.

Keine andere amerikanische Autorin hat das Thema Rassismus über die Jahrzehnte hin so konsequent und leidenschaftliche beschrieben wie die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. In ihrer Short Story »Sweetness« schildert sie den Schock, den Sweetness bei der Geburt ihres tiefschwarzen Babys empfindet, denn Mutter und Tochter leben in einem Land und in einer Gesellschaft, in der Schattierungen einer Hautfarbe immer noch über die Zukunft eines Kindes entscheiden. Aber Lula Ann sträubt sich gegen den Gehorsam und die Unterwürfigkeit, die ihre Mutter ihr aus Angst vor rassistischen Angriffen beizubringen versucht.

Ein Seufzen, zwei abgeschreckte Eier, das Blubbern des kochenden Wassers: So beginnt Sharon Dodua Otoos Text »Herr Gröttrup setzt sich hin«, für den sie 2016 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Als das wie gewohnt gekochte Frühstücksei überraschenderweise nicht hart, sondern immer noch weich ist, fällt das Ehepaar Gröttrup aus allen Wolken. Was als charmante, unangestrengte Satire über deutschen Alltag und ein renitentes Frühstücksei gelesen werden kann, ist vielmehr ein Versuch der Autorin zu zeigen, welche Auswirkungen Privilegien und weißes Selbstverständnis haben.

Nana Kwame Adjei-Brenyahs gefeierte Stories stilisieren die Mechaniken rassistischen Hasses zu grotesken Dystopien. In »Die Finkelstein Five« kämpft Emmanuel gegen Traumbilder von mit einer Kettensäge enthaupteten schwarzen Kindern, während er in seinen wachen Stunden versucht, seine »Schwarzheit« auf einer Skala von eins bis zehn zu regulieren, um der täglichen Diskriminierung zu entgehen. Nana Kwame Adjei-Brenyah erzählt in schnörkelloser, direkter Sprache und mit grellen Effekten.

Der japanische Kanun-Spieler und Komponist Shingo Masuda umrahmt und akzentuiert die Lesungen. In seinem Spiel vereint der meisterhafte Instrumentalist Kenntnisse der Maqam-Musik aus der arabischen und türkischen Tradition mit Elementen aus anderen Kulturen und sucht den Dialog zwischen Wort und Ton.

Das Literaturbüro OWL setzt ab 2021 einen neuen programmatischen Schwerpunkt: Unter dem Oberthema »Meeting of Generations« finden diverse literarische Veranstaltungen statt, die den Austausch der Generationen in den Fokus rücken.

Unter anderem ist in diesem Zusammenhang die durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW geförderte Lesungs- und Gesprächsreihe »DoubleTrouble – Autor*innen lesen über den Tellerrand der Generationen!« initiiert worden. In diesem Rahmen werden Doppellesungen durchgeführt, zu denen jeweils ein*e Autor*in aus der jungen Generation und der älteren Generation eingeladen werden, die unter einer bestimmten Thematik (z. B. Zeitgeist oder Humor) aus ihren Werken lesen und im Anschluss daran ein moderiertes Gespräch führen.

Unter dem Titel »DoubleTrouble – Humor!« lesen Jan Philipp Zymny und Thomas Koch Texte zum generationenübergreifenden Thema Humor – denn davon ist ihr gesamtes literarisches Schaffen geprägt. Hier trifft der zweimalige, deutschsprachige Poetry Slam-Meister Jan Philipp Zymny, Jahrgang 1993, auf den 62-jährigen WDR-Moderator und Grimme-Preisträger Thomas Koch.

Jan Philipp Zymny ist Autor, Kabarettist, Stand-Up-Komiker und einer der bekanntesten und erfolgreichsten Poetry-Slammer der Szene. Er gewann 2013 und 2015 die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam. Darüber hinaus wurde er unter anderem 2013 mit dem NightWash Talent Award und 2016 mit dem Jurypreis des Prix Pantheons ausgezeichnet. Im Mai 2019 erhielt er den Kleinkunstpreis der Stadt Schwerte.

Seit 1985 ist Thomas Koch als Moderator vor allem von zahlreichen WDR-Radiosendungen bekannt. In den Jahren 1995 bis 2005 war er zudem Mitglied des Autorenteams »Die SchreibWaisen« und Drehbuchautor der Sitcoms »Nikola«, »Alles Atze«, »Ritas Welt« und »Der Lehrer«. Weiterhin ist er Verfasser und Entwickler der Radio-Hörspiele »Panikraum«, »Kleiner Lauschangriff« (WDR) sowie »Warlords« und »Ehrbare Töchter« (ARD Radiotatort).

Die beiden Humorexperten aus dem Ruhrgebiet haben auf jeden Fall äußerst unterhaltsame Texte im Gepäck und werden im anschließenden Gespräch sicherlich einen scharfzüngigen Blick auf die Mehrgenerationengesellschaft aus ihren jeweiligen Blickwinkeln feilbieten. Die Moderation übernimmt der künstlerische Leiter des Literaturbüros OWL Karsten Strack.

12. August 2021

DoubleTrouble!

Unter dem Titel »DoubleTrouble – Zeitgeist!« sind Renan Demirkan und Lara Ermer am Sonntag, 22. Mai, 20 Uhr in der VHS Bielefeld mit Texten zum generationenübergreifenden Thema »Zeitgeist« zu erleben.

Lesungen und Gespräch der beiden Autorinnen aus zwei Generationen drehen sich um aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen wie Integration oder Feminismus. Hier trifft die Bestsellerautorin Demirkan auf die Debütantin Ermer, die Schauspielerin auf die Slammerin, die bekennende Kosmopolitin und Hippieseele auf die Psychologin und Comedienne. Die Veranstaltung wird vom künstlerischen Leiter des Literaturbüros OWL, Karsten Strack, moderiert.

In Ankara geboren, kam Renan Demirkan 1962 als Siebenjährige nach Deutschland. Sie gilt als Multitalent und Vordenkerin und als eine der intensivsten deutschsprachigen Darstellerinnen. Ihr erster Roman »Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker«, erschienen 1991 und in vier Sprachen übersetzt, stand wochenlang auf der Spiegelbestsellerliste und ist heute zu einem Teil der Schulliteratur geworden. Es folgten weitere Erzählungen, Sachbücher und Essays wie »Respekt – Heimweh nach Menschlichkeit« (2011). Renan Demirkan erhielt zahlreiche Auszeichnungen (u. a. den Grimme-Preis, die Goldene Kamera und das Bundesverdienstkreuz 1997 für das Projekt RESPEKT und 2018 den Demokratiepreis der SPD Rheinlandpfalz). 2016 initiierte sie den Aufruf »Checkpoint: Demokratie«, der im Mai 2017 zu einem eingetragenen Verein wurde und dessen Vorstandsvorsitzende sie ist. Im Juni 2017 gründete sie die gemeinnützige Gesellschaft »Zeit der Maulbeeren«, deren Geschäftsführerin sie ist. Das Projekt wird vom Land NRW unterstützt und ist ein kostenloses, dreiwöchiges Angebot an finanziell bedürftige, krebskranke Frauen mit und ohne Kinder.

Lara Ermer, 1996 in Fürth geboren, hat in Erlangen Psychologie studiert und lebt heute in Frankfurt. Seit 2013 steht Ermer auf Bühnen und hat über 100 Auftritte pro Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum. Durch zahlreiche Meisterschaftsteilnahmen wurde die Künstlerin u. a. fränkische U20 Poetry-Slam-Meisterin 2015 und bayrische Vizemeisterin 2016. Seit 2015 organisiert und moderiert sie auch eigene Veranstaltungsformate und ist u. a. Mitbegründerin der erfolgreichen Fürther Lesebühne Rooftop Stories. 2018 erhielt Ermer für ihr Schaffen den Kulturförderpreis der Stadt Fürth. Im März 2019 wurde sie zur Künstlerin des Monats der Metropolregion Nürnberg ernannt. Ermers erstes Buch »Ein offenes Buch – Von idealen Körpern, perfektem Sex und anderen Mythen« erschien Im Herbst 2021 im Lappan Verlag

Mechthild Großmann, die Schauspielerin mit der unverwechselbaren Stimme, liest aus Amos Oz’ Roman »Der perfekte Frieden«. Der große israelische Autor erzählt darin die Geschichte eines Kibbuz und seiner Bewohner*innen. Es ist eine Geschichte, die er kennt, denn er selbst hat viele Jahre in einer dieser Keimzellen des israelischen Staatswesens gelebt.

Jonathan Lifschitz ist 26, scheinbar glücklich verheiratet und bei den anderen »Kibbuznikim« sehr geschätzt. Und dennoch beschließt er eines Tages, wegzugehen und ein neues Leben zu beginnen. An einem dieser fernen Orte, »an denen alles möglich ist, alles geschehen kann: plötzlicher Erfolg, Liebe, Gefahr, eigenartige Begegnungen.« Doch ganz so einfach ist es nicht. Da ist seine Familie und all die Männer und Frauen mit liebenswert skurrilen Eigenschaften, von denen man sich nicht einfach lösen kann. Als er seinen Plan schließlich in die Tat umsetzt, führt ihn sein Weg nach Petra, zu jener legendären, aus dem Fels herausgeschlagenen Ruinenstadt.

In seinem Roman spürt Amos Oz der Frage nach, was aus der Verwirklichung des Gedankens, jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen, geworden ist. Wie lässt sich die Sehnsucht der alten Zionist*innen nach einem Staat, in dem sie frei und sicher leben können, mit der Sehnsucht nach Abenteuer und Freiheit bei den Jüngeren vereinbaren?

»Der perfekte Frieden« ist ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn dadurch erhält, dass es mutig gelebt wird, und es ist das Porträt einer utopischen Idee und einer Zeit, in der diese Idee von vielen Seiten in Frage gestellt wird.

Bitte beachten Sie, dass in den Museen des LWL die 2G-Regelung gilt. Besucher*innen der »Dorfgeschichten« müssen am Einlass einen entsprechenden Nachweis vorlegen.

Mechthild Großmann, die Schauspielerin mit der unverwechselbaren Stimme, liest aus Amos Oz’ Roman »Der perfekte Frieden«. Der große israelische Autor erzählt darin die Geschichte eines Kibbuz und seiner Bewohner*innen. Es ist eine Geschichte, die er kennt, denn er selbst hat viele Jahre in einer dieser Keimzellen des israelischen Staatswesens gelebt.

Jonathan Lifschitz ist 26, scheinbar glücklich verheiratet und bei den anderen »Kibbuznikim« sehr geschätzt. Und dennoch beschließt er eines Tages, wegzugehen und ein neues Leben zu beginnen. An einem dieser fernen Orte, »an denen alles möglich ist, alles geschehen kann: plötzlicher Erfolg, Liebe, Gefahr, eigenartige Begegnungen.« Doch ganz so einfach ist es nicht. Da ist seine Familie und all die Männer und Frauen mit liebenswert skurrilen Eigenschaften, von denen man sich nicht einfach lösen kann. Als er seinen Plan schließlich in die Tat umsetzt, führt ihn sein Weg nach Petra, zu jener legendären, aus dem Fels herausgeschlagenen Ruinenstadt.

In seinem Roman spürt Amos Oz der Frage nach, was aus der Verwirklichung des Gedankens, jeder gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen Bedürfnissen, geworden ist. Wie lässt sich die Sehnsucht der alten Zionist*innen nach einem Staat, in dem sie frei und sicher leben können, mit der Sehnsucht nach Abenteuer und Freiheit bei den Jüngeren vereinbaren?

»Der perfekte Frieden« ist ein Plädoyer für das Leben, das seinen Sinn dadurch erhält, dass es mutig gelebt wird, und es ist das Porträt einer utopischen Idee und einer Zeit, in der diese Idee von vielen Seiten in Frage gestellt wird.

Bitte beachten Sie, dass in den Museen des LWL die 2G-Regelung gilt. Besucher*innen der »Dorfgeschichten« müssen am Einlass einen entsprechenden Nachweis vorlegen.

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