08. Februar 2023

LitParty 2023

Frische Texte, Livemusik und eine Menge Drehmomente gibt’s bei der LitParty im AStA Stadtcampus. Mittelpunkt der Party sind nach dem Vorbild des französischen »bal littéraire« vier Autor*innen, die an dem Tag in mehreren Runden frische Poesie oder Prosa dichten und zu jedem Text einen tanzbaren Lieblingssong wählen. Der neu geschriebene Text muss auf den ausgewählten Songtitel enden!

So entstehen Geschichten und Gedichte, die sich aufeinander beziehen, und eine Playlist. Am Abend in der Lesung wechseln sich die Schreibergebnisse, die von ihren Autor*innen gelesen und performed werden und live gespielte Popsongs ab: Text, Lied, Text, Lied …. und alles beginnt ineinander zu drehen und zieht auf die Tanzfläche.

Mit dabei sind die Autor*innen Safiye Can, Lisa Danulat, Dean Ruddock und Rumo Wehrli und die Band Julia’s Mind.

Der bal littéraire wurde in Frankreich erfunden und hat sich dort in Rekordzeit an Theatern und auf Festivals verbreitet. Auf London, Rom, Madrid folgte 2010 der erste deutsche bal in Bonn. Und jetzt Paderborn. Die LitParty findet im Rahmen der Paderborner Literaturtage statt.

Der Eintritt ist frei. • Einlass ist ab 19.30 Uhr. • Kommt vorbei!

02. Februar 2023

Zwischenräume

»Flucht und Vertreibung« ist eines der zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts. Laut UNHCR sind derzeit über 100 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben – unter ihnen auch viele Schriftsteller*innen, die über ihre Vertreibung, ihren Weg und das (Nicht-)Ankommen, über ihre FluchtBegegnungen, schreiben. Die Schauspieler*innen Friederike Becht (Deutscher Fernsehpreis 2022) und Roland Riebeling (»Jütte« Tatort Köln) lesen Texte von geflüchteten Autor*innen, die aus dem Exil heraus schreiben, das Erlebte dokumentieren und zu Literatur formen: Amer Matar »U-Bahn Rakka Berlin«, Anna Seghers »Reise ins Elfte Reich« und Usama Al Shahmani »Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt«.

Die Lesungen werden von dem Duo Samba Sauvage begleitet. Der Sounddesigner Adda Schade lässt gemeinsam mit dem Gitarristen Sebastian Planken ausgehend von den gelesenen Texten Soundteppiche entstehen, die die Flucht-Bewegungen und Flucht-Begegnungen atmosphärisch aufgreifen und akzentuieren. Sie erschaffen eine Symbiose von Musik, Orten und Kulturen, machen die Sehnsucht nach Frieden, nach Freiheit und Neubeginn ebenso hörbar wie Unterdrückung, Gewalt und das Heimweh.

In dem Text »U-Bahnn Rakka-Berlin« des geflohenen syrischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Amer Matar hat der Ich-Erzähler zwar die Flucht aus Syrien nach Berlin geschafft, gedanklich aber überlagern sich alte Heimat und Zufluchtsort. So schreibt er »im friedlichen Exil […] über nichts anderes als den Tod und die Zubereitung von Menschenfleisch«. Anna Seghers utopische Erzählung »Reise ins Elfte Reich« erschien bereits 1939, als sich die Autorin auf der Flucht aus Nazi-Deutschland im französischen Exil befand, ist aber immer noch aktuell. In der sarkastischen Kurzgeschichte werden u. a. die bürokratischen Hürden der Flucht grotesk überhöht und auf den Kopf gestellt. Usama Al Shahmani, der selbst wegen eines regimekritischen Theaterstücks aus dem Irak in die Schweiz fliehen musste, erzählt in seinem Roman »Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt« von Dafners Flucht aus dem Irak, von der seelischen Zerrissenheit des Geflüchteten, von peinigenden Asylverfahren oder von der Bedeutung der Sprache als Band zwischen Fremde und Heimat.

31. Januar 2023

Zwischenräume

»Flucht und Vertreibung« ist eines der zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts. Laut UNHCR sind derzeit über 100 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben – unter ihnen auch viele Schriftsteller*innen, die über ihre Vertreibung, ihren Weg und das (Nicht-)Ankommen, über ihre FluchtBegegnungen, schreiben. Die Schauspieler*innen Friederike Becht (Deutscher Fernsehpreis 2022) und Roland Riebeling (»Jütte« Tatort Köln) lesen Texte von geflüchteten Autor*innen, die aus dem Exil heraus schreiben, das Erlebte dokumentieren und zu Literatur formen: Amer Matar »U-Bahn Rakka Berlin«, Anna Seghers »Reise ins Elfte Reich« und Usama Al Shahmani »Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt«.

Die Lesungen werden von dem Duo Samba Sauvage begleitet. Der Sounddesigner Adda Schade lässt gemeinsam mit dem Gitarristen Sebastian Planken ausgehend von den gelesenen Texten Soundteppiche entstehen, die die Flucht-Bewegungen und Flucht-Begegnungen atmosphärisch aufgreifen und akzentuieren. Sie erschaffen eine Symbiose von Musik, Orten und Kulturen, machen die Sehnsucht nach Frieden, nach Freiheit und Neubeginn ebenso hörbar wie Unterdrückung, Gewalt und das Heimweh.

In dem Text »U-Bahnn Rakka-Berlin« des geflohenen syrischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten Amer Matar hat der Ich-Erzähler zwar die Flucht aus Syrien nach Berlin geschafft, gedanklich aber überlagern sich alte Heimat und Zufluchtsort. So schreibt er »im friedlichen Exil […] über nichts anderes als den Tod und die Zubereitung von Menschenfleisch«. Anna Seghers utopische Erzählung »Reise ins Elfte Reich« erschien bereits 1939, als sich die Autorin auf der Flucht aus Nazi-Deutschland im französischen Exil befand, ist aber immer noch aktuell. In der sarkastischen Kurzgeschichte werden u. a. die bürokratischen Hürden der Flucht grotesk überhöht und auf den Kopf gestellt. Usama Al Shahmani, der selbst wegen eines regimekritischen Theaterstücks aus dem Irak in die Schweiz fliehen musste, erzählt in seinem Roman »Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt« von Dafners Flucht aus dem Irak, von der seelischen Zerrissenheit des Geflüchteten, von peinigenden Asylverfahren oder von der Bedeutung der Sprache als Band zwischen Fremde und Heimat.

Welche Assoziationen tun sich auf, wenn es um »Digitale Literatur« geht? Zunächst einmal ploppen in diesem Zusammenhang Begrifflichkeiten wie »BOT-Literatur«, »Texte von Maschinen« oder auch »Poetry Clips« auf. Denn: Derartige Spielarten der digitalen Literaturproduktion sorgen seit einigen Jahren für eine erste Konturierung in diesem literarischen Zukunfts-Segment.

Ausgehend von der Überzeugung, dass hier noch lange nicht das Ende der Möglichkeiten erreicht ist, haben Karsten Strack (Künstlerischer Leiter des Literaturbüros OWL) sowie Cendra Polsner (Medienkünstlerin) und Dean Ruddock (Poet und Medienkünstler) mit »Poetry in New Spaces« eine Idee davon entwickelt, inwieweit es gelingen könnte, die Möglichkeitsräume der digitalen Literatur bis an die Grenzen auszuloten – und zwar im Team und als Experiment.

Gemeinsam mit der Poetin Pauline Füg, die sich in ihrem aktuellen Band »nach der illusion« in innovativer Weise mit der semantischen Dimension von Sprache und Wirklichkeit auseinandersetzt, bilden sie in 2022 ein Arbeitsteam, dessen Ergebnisse in einer öffentlichen Präsentation (Vortrag und Installation) im Heinz Nixdorf MuseumForum in Paderborn gezeigt werden. Das HNF ist als weltweit größtes Computermuseum sowohl in inhaltlicher Hinsicht als auch aufgrund seiner räumlichen und logistischen Möglichkeiten hervorragend geeignet.

Die eintägige Veranstaltung findet zwischen 11:00 Uhr und 19:00 Uhr statt und nimmt dabei zweierlei in den Fokus: das, woher wir kommen, und das, wohin es gehen kann. Aus diesem Grund steht um 17:00 Uhr ein Vortrag über die Geschichte der Digitalen Literatur an, welcher um 16:30 Uhr von einer Live-Performance eingeleitet wird. Anschließend wird noch einmal die Möglichkeit geboten, die Räumlichkeiten der Wechselausstellung zu begehen, wo auf mehreren Installationsinseln sowohl Best-Practice-Beispiele herausragender Digitaler Literaturwerke als auch exklusiv für diesen Abend Neugeschaffenes präsentiert werden. Da die Zusammensetzung des Teams auf jeden Fall ein Höchstmaß an Innovationskraft verspricht, darf man*frau gespannt sein. Und: Es wird interaktiv!

»Poetry in New Spaces« ist die konsequente Fortsetzung der 2021 begonnenen Fokussierung des Literaturbüros OWL auf das Segment der »Digitalen Literatur«. Nachdem im vergangenen Jahr der Fokus eher im theoretischen Bereich angesiedelt war, geht es nun ganz konkret um den Praxistransfer.

Die Schauspielerin Annette Frier liest aus dem Künstlerroman »Das Gänsemännchen« von Jakob Wassermann. Einer der populärsten Erzähler seiner Zeit (1873-1934) und heute ein zu Unrecht vergessener jüdischer Autor, schreibt die Lebensgeschichte eines Nürnberger Komponisten. Es sind Stationen einer Lebensgeschichte, die Wassermann kennt: Ankommen, Assimilation, Kunst, Anerkennung, Scheitern.

Der Künstler Daniel Nothafft steht zwischen zwei Frauen: der spröden Gertrud und der lebenslustigen Leonore. Er heiratet Gertrud und liebt Leonore. Dem Komponisten zuliebe führen sie eine Ehe zu dritt. Das unglückselige Dreiecksverhältnis wird zum Skandal und Daniel zum Gespött der Stadt. Das Dasein eines Komponisten muss er sich hart erarbeiten. Ein Mann, der verzweifelt versucht, die höchsten Gipfel der Kunst zu erklimmen, ein romantisches Musikideal erstrebt und sich geradewegs in den Verlust seines kompositorischen Lebenswerkes verläuft.

Der Roman ist ein Plädoyer für das Ankommen und Scheitern zugleich, für das pathologische Streben eines Traumes und für die Unvereinbarkeit von Zugehörigkeiten. Wassermann selbst kämpft für ein anerkennendes Ankommen in seinem Leben und endet letztendlich mit der Diagnose der Unvereinbarkeit des Deutschen mit dem Juden. Die Romanfigur Daniel scheitert an dem Druck der Gesellschaft, die ihn auf einen Irrweg führen lässt.

Mit dem Titel »Das Gänsemännchen« erinnert Wassermann an eine Nürnberger Bronzeskulptur, die einen Bauer zeigt, der zwei Gänse unter dem Arm hält, die er auf dem Markt verkaufen möchte. Die Gänse aber, die ihr Schicksal ahnten, begannen so laut zu schnattern, dass der Bauer nach Hause zurückkehren musste. Sicher eine Erinnerung an die unglückselige Dreiecksbeziehung der Romanfigur, aber auch eine Erinnerung an den Versuch zu leben und dabei zu scheitern.

Das Literaturbüro OWL setzt seit 2021 einen neuen programmatischen Schwerpunkt: unter dem Oberthema »Meeting of Generations« finden diverse literarische Veranstaltungen statt, die den Austausch der Generationen in den Fokus rücken.

Unter anderem ist in diesem Zusammenhang die Lesungs- und Gesprächsreihe »DoubleTrouble: Autor*innen lesen über den Tellerrand der Generationen!« initiiert worden, in deren Rahmen Doppellesungen durchgeführt werden, zu denen jeweils ein*e Autor*in aus der jüngeren Generation und der älteren Generation eingeladen werden, die unter einer bestimmten Thematik aus ihren Werken lesen und im Anschluss daran ein moderiertes Gespräch führen.

Vor dem Hintergrund des ewig spannenden Themas Humor trifft der dreifache niedersächsische Poetry-Slam-Meister, Schriftsteller und Musiker Florian Wintels auf den mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller, Komiker, Synchronsprecher, Schauspieler und Musiker Hennes Bender. Die beiden ausgewiesenen Humorexperten lesen zunächst Passagen aus ihren Werken und sprechen im Anschluss mit Moderator Karsten Strack über ihr Verständnis von Humor.

Florian Wintels (Bad Bentheim), geboren 1983, gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Poetry-Slammer*innen. Er trug erste Gedichte im heimischen Wohnzimmer vor und in der Grundschule waren Poesiealben seine Bühne. Darüber hinaus stürmt er auch die deutsche Liedermacher-Szene. In seinen Texten mischt Florian Wintels bitterbösen Humor mit bezauberndem Schwiegermutter-Charme. Die ARD verleiht ihm den Titel »Rappende Slammaschine« und für den Schriftsteller-Kollegen Johannes Floehr ist Wintels einfach nur »reichlich knusper«.

Hennes Bender (Bochum), Jahrgang 1968, ist ein Freund vieler Worte. Immer wieder stellt er sich den großen Fragen des Lebens: Lästern Alexa und Siri hinter meinem Rücken über meinen Haaransatz? Wozu eine Vorratsdatenspeicherung, wenn ich ein Langzeitgedächtnis habe? Und überhaupt: Sollte alles eigentlich nicht leichter sein als vorher? Hennes Bender ist einer der dienstältesten Comedians Deutschland und demonstriert auf seine eigene, sprachverliebte und quirlige Art, dass Widerstand nicht zwecklos ist. »Das Cornichon des deutschen Kabaretts«, nennt ihn Jochen Malmsheimer und Torsten Sträter lobt überschwänglich: »Ein Titan. Ein kleiner Titan, aber ein Titan!«

Für das Festival »Literarische Positionen in Europa: Polen! Schreiben im multiperspektivischen Kontext« bieten Margaux und die Banditen ein facettenreiches Programm mit polnischen Chansons und Volksliedern aus anderen europäischen Ländern dar.

Durch den Abend führt der Moderator Matthias Kneip, der auch ein Interview mit Margaux zum Thema kulturelle Identitäten führen wird.

Margaux und die Banditen ist in internationaler Besetzung seit 18 Jahren auf deutschen und polnischen Bühnen unterwegs. Margaux Kier, die aus Polen stammt, ist Gründerin des Ensembles, ihre langjährigen Weggefährt*innen haben ihre Wurzeln in Tschechien, Polen, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich.

Alexandra Tobor und Arthur Becker leben und schreiben im multiperspektivischen Kontext. Im Lichtwerk sind sie in Lesungen und Gesprächen zu erleben.

Bis zu ihrem achten Lebensjahr lebte Alexandra Tobor (Augsburg) in Polen, bis sie mit ihrer Familie als Aussiedlerin nach Deutschland kam. Ihr Debütroman »Sitzen vier Polen im Auto« behandelt humorvoll die Einwanderung ihrer polnischen Familie nach Deutschland. Ihr zweiter Roman »Minigolf Paradiso« erschien 2016.

Artur Becker wurde für sein erfolgreiches Lyrikdebüt »Der Gesang aus dem Zauberbottich« (1998) mit dem Autorenstipendium der Stadt Bremen ausgezeichnet. Der aus Polen stammende Autor, der 1985 nach Deutschland umsiedelte, schreibt ausschließlich auf Deutsch – seiner Literatursprache.

Moderiert wird die Doppellesung von Matthias Kneip, Autor und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt.

Im Bielefelder Lichtwerk wird es im Rahmen einer Poetry Slam-Show zum kreativen Aufeinandertreffen der bekannten polnischen Slammerin Weronika Lewandowska (Warschau) sowie der beiden Dichterinnen Inke Sommerlang (Halle/Saale) und Meral Ziegler (Düsseldorf) kommen.

Weronika Lewandowska ist Poetry-Slammerin, Multimedia-Performerin und Mediendozentin und bereist seit Jahren als Performerin den gesamten Erdball. Inke Sommerlang ist unlängst Trizemeisterin Thüringens im Poetry Slam geworden und ihre lyrischen Texte handeln von großen, lauten Debatten und von leisen, unausgesprochenen Zwischentönen. Meral Ziegler ist Trägerin mehrerer Landesmeisterschaftstitel und mit dem Literaturpreis »Junge Kunst« dekoriert.

Als DJ begleitet KLEINRADHUELSE die Veranstaltung.

»111 Gründe, Polen zu lieben« ist eine ebenso witzige wie hintergründige Liebeserklärung des Schriftstellers Matthias Kneip an Deutschlands östliches Nachbarland und seine Menschen und bietet eine ebenso leichte wie fundierte Einführung in die diesjährigen »Literarischen Positionen in Europa«. Humorvoll und augenzwinkernd nimmt Matthias Kneip die Leser*innen auf eine sehr persönliche Reise durch das Land zwischen Oder und Bug, ohne dabei den Blick für die Realitäten zu verlieren.

Wussten Sie beispielsweise, dass Polen mit dem Meer verheiratet ist? Oder dass der größte Gartenzwerg der Welt im polnischen Nowa Sól zu finden ist? Neben kuriosen Sehenswürdigkeiten widmet Kneip sich auch den Eigenheiten der polnischen Mentalität oder besonderen Werken polnischer Kultur. Selbstverständlich darf bei einer solchen Liebeserklärung der Blick in den nationalen Kochtopf nicht fehlen! Auch polnische Geschichte und Traditionen begleitet die Leser*innen auf dieser literarischen Reise durch ein Land, das zu entdecken sich lohnt.

Matthias Kneip ist selbst ein Pendler zwischen den Kulturen, ein Grenzfall zwischen Deutschland und Polen.

Zum Anlass ihres 50-jährigen Bestehens lädt die Lippische Gesellschaft für Kunst – gemeinsam mit dem Literaturbüro OWL, dem Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, der Hochschule für Musik Detmold und dem Kreis Lippe – zu einem »Kulturtalk« ein. Im Detmolder Sommertheater werden in einer musikalischen Lesung und einer hochkarätig besetzten Gesprächsrunde Fragen zu Kunstfreiheit und Demokratie verhandelt.

Die Initiative zu dieser Doppelveranstaltung geht zurück auf eine gesellschaftspolitische Entwicklung der setzten Jahre, die leider immer stärker wird: »Manchmal sind es anonyme Hassmails oder Mord und Bombendrohungen. Manchmal sind es Anfragen der AfD in Parlamenten, Stadträten und Kulturausschüssen, etwa zur Finanzierung einzelner Bühnen oder zu ihrer inhaltlichen Ausrichtung. Manchmal sind es Strafanzeigen, Störaktionen, Demonstrationen gegen Kunstprojekte oder Polemiken […] Die Akteure und ihre Mittel sind unterschiedlich. Was sie verbindet, ist die Aversion gegen ein weltoffenes, liberales Kulturleben und der Versuch, Kunstinstitutionen zu diskreditieren […] In der Ballung solcher Aktionen wird ein Muster erkennbar: Die Neue Rechte hat Kultur als Kampffeld entdeckt« (Einleitung der Recherche von ttt und der Süddeutschen Zeitung, August 2019).

Künstlerische Freiheiten für Kulturschaffende und Veranstalter*innen sind nicht nur nicht selbstverständlich, sondern verteidigenswert. Unter dem Titel »Kunstfreiheit – Messlatte für Demokratie? « diskutieren vor dem Hintergrund von Angriffen auf die Kultur von rechts Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle (Präsident des Bundesverfassungsgerichts a.D.), Klaus Staeck (Grafikdesigner und Jurist), Katharina Kreuzhage (Intendantin Theater Paderborn), Dr. Erik Bettermann (Intendant der Deutschen Welle a.D.) und Christiane Heuwinkel (Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Kunstforums Hermann Stenner). Es moderiert Ute Schäfer (Staatsministerin a.D.).

Die Schauspielerin Helene Grass liest thematisch passend aus Julian Barnes Roman »Lärm der Zeit«: Im Mai 1937 wartet ein Mann jede Nacht neben dem Fahrstuhl seiner Leningrader Wohnung darauf, dass Stalins Schergen kommen und ihn abholen. Es ist der Komponist Schostakowitsch, und er wartet am Lift, um seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung zu ersparen. Im 2016 erschienen Roman von Julian Barnes wird das von Repressionen geprägte Leben im Faschismus in meisterhafter Knappheit dargestellt – ein großartiger Künstlerroman, der immer noch aktuell ist.

Korrespondierend zur Lesung spielen Anastasiia Tcaregorodtceva und Timur Hamidovic Osmanov (Studierende der Hochschule für Musik Detmold) die Sonate für Violoncello und Klavier Op. 40, dmoll (1934) von Dimitri Schostakowitsch.

Der Roman »Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron« von Yade Yasemin Önder wird als eines der spannendsten Debüts des Jahres gefeiert: »Ein furioser Text voller Drastik und Schönheit. […] Was für ein Debüt!« (SWR). Im Rahmen der Reihe »Wörterleuchten« gibt Yade Yasemin Önder im Haus Münsterberg eine gemeinsame Lesung mit dem Schauspieler Hanno Koffler, der von der Autorin ausgewählte Texte liest.

Yade Yasemin Önders Debüt ist ein wilder Roman über den Körper, über Fremdheit und Ankommen, über Identität und Differenz, der durch seine Kühnheit immer wieder verblüfft: schnell und klug und bei aller Düsterkeit irrsinnig komisch. Im Jahr nach Tschernobyl wird die Ich-Erzählerin geboren, irgendwo in der Westdeutschen Provinz, als »Mischling aus meiner Mutter und meinem Vater«, wie es heißt. Doch die intakte Kernfamilie währt nicht lange: Der türkische Vater (so übergewichtig, dass man »fast nichts mit ihm machen kann, was mit Schwerkraft zu tun hat«) stirbt. Alleingelassen ergeben Tochter und Mutter eine toxische Mischung. Der Roman erzählt, wie ein Mädchen hinausfindet aus einer beschädigten Familienaufstellung hinein in eine düster-funkelnde BRD. Er erzählt von einem Großvater mit Loch im Hals, von Sommern in Istanbul, die nach zu heißen Elektrogeräten riechen und nach Anis; von Dingen und Menschen, die auf Nimmerwiedersehen aus dem Fenster fliegen. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich immer wieder verliert und wiederfindet, auseinanderfällt und neu zusammensetzt.

In Yade Önders Roman finden sich lauter Miniaturen, mal märchenhaft, dann wieder hyperrealistisch, Lyrismen folgen auf Dialoge, es gibt Briefauszüge und weitere erzählerische Formen im Wechsel. Die Nähe zu Raymond Queneaus populärem Klassiker »Stilübungen«, in denen der Autor eine Alltagsepisode in über hundert Varianten beschreibt, ist sichtbar und bewusst gewählt. Der Schauspieler Hanno Koffler liest Auszüge aus den »Stilübungen« und aus Texten des französischsprachigen Autors und Malers Henri Michaux, die Yade Yasemin Önder in ihrem Schreiben inspiriert haben. Henri Michaux sah in der Kunst das Tor zu anderen Welten und um es zu öffnen, bediente er sich auch halluzinatorischer Mittel. Auf diese Weise entdeckte er eine teils surrealistische Bildersprache, die er in einem umfangreichen grafischen und literarischen Werk verarbeitete.

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